Battle of Britain:England gerät ins Grübeln

Großbritannien England Schottland Euro 2020 Fußball

Für den englischen Stürmer Harry Kane war erneut vorzeitig Schluss.

(Foto: Mike Egerton/dpa)

Die Schotten wähnen sich nach dem überraschenden Remis in Wembley im siebten Himmel - England diskutiert dagegen die Rolle von Top-Stürmer Harry Kane.

Von Sven Haist, London

Ein letztes Mal erhoben die schottischen Fans, die Tartan Army, am Freitagabend ihre arg geschundenen Stimmen und sangen, wie konnte es anders sein, die Nationalhymne. "Flower of Scotland" hallte innbrünstig nach dem 0:0 im 115. Inselduell mit England durchs leergefegte englische Nationalstadion - und natürlich ließ sich das Ergebnis in diesem "Battle of Britain" nicht anders deuten als ein großer Erfolg für Schottland. Der Erzrivale hatte Wembley eingenommen, auch wenn es nicht zum historischen ersten Sieg seit 1999 gereicht hatte, als Don Hutchison an gleicher Stelle der Siegtreffer gelungen war. Die Times zitierte in Anlehnung an eine Liedzeile in der schottischen Hymne, dass die Engländer "nach Hause" geschickt worden seien, um "nochmal" nachzudenken.

Auf den Tribünen kamen gestandenen Männern in voller Landesausrüstung - mit Kilt, Fahne und Dudelsack - vor Freude die Tränen. Jeder Schotte hatte zwar mit einem Wunder geliebäugelt, aber keiner von ihnen hatte wirklich ein Wunder erwartet. Zu aussichtslos schien der Gedanke zu sein, die sportlichen Machtverhältnisse auf den Kopf stellen zu können. Schottland nimmt erstmals seit 23 Jahren wieder an einem Turnier teil, England galt beim Turnierstart als Mitfavorit auf den Titel. Nach dem ernüchternden 0:2 gegen Tschechien zum Auftakt am Montag trug die schottische Nation schon Trauer, während sich England sonntags nach dem souveränen 1:0 über den Vizeweltmeister Kroatien bereits im siebten Himmel wähnte. Die zur Übertreibung neigende Anhängerschaft träumte umgehend vom ersten Titel seit der Heim-WM 1966.

Euro 2020 - Group D - England v Scotland

Sinnbild für die Zeitungen in England: Harry Kane am Boden.

(Foto: Carl Recine/Pool via Reuters)

Nach dem torlosen Remis fühlt sich jetzt Schottland auf einmal auf Wolke sieben und England wieder zurückgeholt auf den Boden der Tatsachen. "Was für eine kalte Dusche!", überschrieb das Massenblatt Sun in Großbuchstaben ein Foto auf der Titelseite des stark durchnässten Kapitäns Harry Kane - das ihn nach einem Flugkopfball auf dem Rasen liegen sah. Die Times fragte unter Verwendung des fast gleichen Aufmachers: "Müssen wir über Harry reden?"

Harry Kane sucht erkennbar nach seiner Rolle im englischen Team

Auf sechs Analyseseiten diskutierte die Times dann doch lediglich auf einer halben Seite über ihn: Bei seinen beiden EM-Teilnahmen 2016 und 2021, urteilte die Zeitung, habe Kane "gefühlt mehr Eckbälle" getreten als "bedeutende Torversuche" gehabt. So richtig traute sich auch kein anderes britisches Medium, den Vorzeigestürmer in Frage zu stellen. Mit bisher dürftigen 45 Ballkontakten in zwei Spielen sowie ungewohnt vorzeitigen Auswechslungen scheint Kane der Leidtragende zu sein des weiter ausbaufähigen englischen Spielwitzes. Die Schotten hätten "um ihr Leben" gespielt, sagte Kane, und "sehr gut" verteidigt. Nach 50 Torbeteiligungen in der Vorsaison für seinen Klub Tottenham Hotspur (davon 17 Vorlagen, nachdem ihm nie zuvor eine zweistellige Anzahl an Assists gelungen waren) sucht der 27-Jährige erkennbar nach seiner Rolle im Nationalteam.

Bei den Spurs hatte es sich Kane unter dem im April entlassenen Trainer José Mourinho angewöhnt, sich oftmals als hängende Spitze zurückfallen zu lassen, um seinem pfeilschnellen Partner Heung-min Son den Freiraum zu schaffen, hinter die gegnerische Abwehr zu sprinten. Über einen so explosiven Angreifer wie Son verfügt England allerdings nicht, immer wieder versuchte Nationaltrainer Gareth Southgate deshalb den Außenangreifer Raheem Sterling an die Seite von Kane zu beordern, um das Problem zu kaschieren. Für mehr Laufwege in die Tiefe brachte Southgate in der Schlussphase schließlich für Kane den dynamischeren Marcus Rashford. Ein frustrierender Abend sei das gewesen, bilanzierte Southgate. Man könne wesentlich besser spielen, habe aber nicht genug getan für einen Sieg: "Jeder muss jetzt auf sich selbst schauen und das fängt bei mir an."

Bei der Aufstellung muss Southgate seine Expertise beweisen

Im 32. Länderspiel in Serie wählte Southgate mit zwei neuen Außenverteidigern erneut eine Startformation, die in dieser personellen Besetzung zuvor nicht zusammen gespielt hatte. Zwar ist aufgrund der teils erst in dieser Saison stark aufspielenden Jungprofis und der Beteilung mehrerer englischer Kaderspieler am Champions-League-Finale kaum Zeit für eine gezielte Vorbereitung gewesen, aber der Eindruck lässt sich nicht leugnen, dass er offenbar selbst noch nicht weiß, mit welchen Spielern er aus der Ansammlung hochbegabter Individualisten ein schlagkräftiges Team entwickeln soll. An dieser Aufgabe wird sich entscheiden, ob der vorbildlich auftretende und gewissenhaft arbeitende Southgate über die ausreichende Expertise verfügt. Im Gegensatz zum Kader bei der WM 2018 werden die englischen Spieler mittlerweile bei ihren Klubs fast durchweg von begehrten Trainergrößen angeleitet.

Mit vier Zählern dürfte England das Achtelfinale bereits sicher haben vor dem Abschlussduell mit den punktgleichen Tschechen am Dienstag, das über den Gruppensieg in der Vorrunde entscheiden wird. Im Parallelspiel kämpfen Schottland und Kroatien ums Weiterkommen, nur ein Erfolg würde beiden Nationen dazu eine realistische Chance bieten. Sofern es für die Schotten nicht reichen sollte, bleibt ihnen immerhin die Erinnerung ans Remis im Wembley. Weit nach Abpfiff kamen die meisten Spieler noch mal ins Stadion zurück für Interviews, die unmittelbar vor ihren Fans stattfanden. Die Anhänger bedankten sich überschwänglich für den aufopferungsvollen Auftritt - aber vor allem bedankten sich die Spieler bei ihrer Tartan Army für die unglaubliche Unterstützung.

© SZ/tbr
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