Englands Triumph gegen DFB:So heilsam wie eine Therapiestunde

England v Germany - UEFA Euro 2020: Round of 16

Brachte das Wembley-Stadion mit seinem Treffer zum 1:0 gegen Deutschland zum Kochen: Englands Flügelstürmer Raheem Sterling.

(Foto: Catherine Ivill/Getty Images)

Mit seiner Aufstellung gegen Deutschland hat Gareth Southgate nicht nur die Engländer überrascht. Vor dem Viertelfinale gegen die Ukraine muss er die neu entfachte Euphorie schon wieder bremsen.

Von Sven Haist, London

Auf einmal blieb Raheem Sterling an der Mittellinie stehen und erkannte, dass er an seinem persönlichen Schicksal, dem Schicksal der englischen Nationalmannschaft und dem Schicksal seines Landes nichts mehr würde ändern können. Auf dem Weg nach vorn hatte der Angreifer, der kurz zuvor das erlösende erste Tor für England erzielt hatte, den Ball leichtfertig verloren und für Deutschland einen Konter eingeleitet, den Thomas Müller freistehend abschloss. Seinen Schuss konnte Englands Torwart Jordan Pickford in der Endphase nicht abwehren. Vor Angst und Schrecken schlug Sterling, 26, die Arme über dem Kopf zusammen und sah sich bereits als Englands neuen tragischen Helden und Sündenbock.

Der Gedanke liegt nahe, zu glauben, dass der Gegner das Spiel noch hätte gewinnen können, wäre der Versuch von Müller zum Ausgleich ins Tor gegangen - eventuell noch in der regulären Spielzeit, in der Verlängerung oder, wie so oft bisher, im Elfmeterschießen. Auf ewig wäre dieser monumentale Ballverlust mit Sterling verbunden geblieben. So wie auch der für England im Halbfinale der Heim-EM 1996 gegen Germany maßgeblich vergebene Strafstoß des heutigen Nationaltrainers Gareth Southgate in der Erinnerung überlebte.

Aber der Müller-Ball ging kurz vor 19 Uhr britischer Zeit nicht ins Tor der Engländer, sondern so knapp vorbei, dass der Fehlschuss weniger mit Können und Nichtkönnen zu tun gehabt haben dürfte als einfach mit Glück und Pech.

Gegen Deutschland hat Raheem Sterling mit seinem dritten EM-Tor den Coup von Gary Lineker wiederholt

In seiner viereinhalbjährigen Amtszeit hat Southgate keinen Stein auf dem anderen gelassen. Allein in den vergangenen Tagen organisierte er für sein Team einen Besuch im legendären Lord's Cricket Ground in Westminster und einen lagerfeuerähnlichen Musikabend mit dem Gitarristen Ed Sheeran. Und dann entschied trotz des Aufwands das Karma - das einem wiederum letztlich wohl nur gewogen ist, wenn eben nichts zuvor dem Zufall überlassen worden ist. Jedenfalls sank Sterling aus purer Erleichterung auf die Knie im Nationalstadion Wembley, mitten im Spiel, und jubelte bei Müllers Fehlschuss mehr als nach seinem eigenen dritten EM-Tor (75. Minute); mit dem Treffer hatte er den Coup von Gary Lineker wiederholt, der bei der WM 1986 ebenfalls für die ersten drei Turniertreffer gesorgt hatte. Im Hinterhof des Wembley hat Sterling das Fußballspielen erlernt, mit 15 Toren in zuletzt 20 Länderspielen ist er aktuell der Talisman des Teams - auch weil Kapitän Harry Kane erst in diesem Spiel sein erstes Turniertor erzielte.

In aller Nüchternheit dargelegt, hat England Deutschland mit 2:0 im EM-Achtelfinale besiegt. Und wahrscheinlich muss das Ergebnis in dieser trivialen Form auch genau so dastehen, um sein ganzes Ausmaß zu entfalten. Denn ein derartiges Resultat war mehr als ein halbes Jahrhundert lang nach einem K.-o.-Spiel eines Turniers nirgends mehr zu finden: Seit dem englischen WM-Heimsieg und einzigen Titelgewinn 1966 verloren die Three Lions nacheinander auf dramatische Weise gegen Deutschland: bei der WM 1970, der WM 1990, der EM 1996 und der WM 2010. Der Erfolg gleicht nun einer anderthalbstündigen Therapiesitzung für England, das mit jeder Niederlage immer mehr unter dieser Serie nervlich zerrüttet erschien. Mehr als 27 Millionen Menschen ließen sich von der BBC-Übertragung wieder aufpäppeln. Kaum ein Fußballspiel auf der Insel dürfte in jüngerer Zeit größeres Interesse hervorgerufen haben. Wie gut sich dieser Sieg anfühlte, bewies das Mitsingen des Partykrachers "Sweet Caroline", der die schwindelerregende Atmosphäre am besten veranschaulichte. Knapp 45 000 heimische Fans schrien sich stellvertretend im Stadion die Freude von der Seele, wonach sich "die guten Zeiten noch nie so gut, soo gut, sooo gut" angefühlt hätten.

Im BBC-Studio wären die Altstars Gary Lineker, Alan Shearer und Rio Ferdinand bei ihrem Jubel fast von der Stadionbrüstung gestürzt. Jeder von ihnen hatte einst selbst tiefe Qualen nach bitteren Niederlagen gegen Deutschland erlitten - aber auf die sich jetzt etwas versöhnlicher zurückblicken lässt. Das sei "der Stoff aus Träumen", sagte Ferdinand: "Das wird ewig weiterleben!" Lineker scherzte, dass er für dieses Erlebnis 60 Jahre alt habe werden müssen. Wie wichtig ihm der Sieg war, zeigte sein Dank an den Expertenkollegen Jürgen Klinsmann für dessen Glückwünsche ("Thank you very much, Jürgen. I really appreciate it"). Das sei "Englands Moment" gewesen, hatte der ehemalige Bundestrainer zuvor mit einem charmanten Lächeln gesagt - ein Zitat, das auf der Insel sofort die Runde machte und Germany als fairen Verlierer darstellte.

Englands Torwart Jordan Pickford ist mittlerweile seit mehr als zehn Stunden unbezwungen

Auf einer Doppelseite mit der Schlagzeile "Alf Wiedersehen" verabschiedete das Boulevardblatt The Sun die Deutschen aus dem Turnier: in Anspielung an Alf Ramsey. Unter dem Weltmeistertrainer hatte England damals auf dem Weg zum Finalsieg über den Erzrivalen durch das Wembley-Tor von Geoff Hurst das Vorgehen gewählt, die Abwehr über den Angriff zu stellen; in den ersten vier Turnierpartien kassierte das Nationalteam 1966 kein Gegentor - so wie jetzt wieder.

Der erfolgreiche Plan dient Southgate als Wegweiser für seine Spieltaktik. Mittlerweile ist Nationaltorwart Jordan Pickford seit mehr als zehn Stunden unbezwungen. Trotz der routinierten Offensive setzte Southgate auf acht eher nach hinten absichernde Profis in der Startelf, wodurch die Jungstars Phil Foden, Mason Mount, Marcus Rashford und Jadon Sancho erneut nicht mitspielen durften. Selbst der genialische Spielmacher Jack Grealish kam erst in der 69. Minute auf den Platz, was ihm jedoch ausreichte, um die beiden Tore durch Sterling und Harry Kane entscheidend einzuleiten (75./86.). Er habe gewusst, sagte Southgate, dass er "erledigt" gewesen wäre, wenn seine Aufstellung nicht funktioniert hätte.

Am Samstagabend tritt England nun im Viertelfinale gegen die Ukraine an, erstmals im Turnier nicht zu Hause, sondern in Rom. Ein gefährlicher Moment sei das, warnt Southgate, das Gefühl des Erfolgs, die Stimmung im Land, auf keinen Fall dürfe sein Team jetzt nachlassen. "It's coming Rome", reimte Lineker mit einem Augenzwinkern zum Ende der BBC-Übertragung in Anspielung an die ewige englische Turnierhymne "Football's Coming Home". Er schrieb auf Twitter an seine weltweite Anhängerschaft, dass er finde, dass es jetzt Zeit sei, seinen Kultspruch ("Die Deutschen gewinnen immer") zu Grabe zu tragen: Ruhe in Frieden.

© SZ/ska/lib/cch
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