England bei der EM:Wembley hebt ab wie ein Ballon

England bei der EM: Kollektiver Jubel: Wembley feiert seine Elf

Kollektiver Jubel: Wembley feiert seine Elf

(Foto: Andy Rain/AP)

England gibt sich beim ersten Finaleinzug seiner Elf einem Glücksrausch hin. Auf der Insel möchte gerade fast jeder ein Southgate sein.

Von Sven Haist, London

Einen solchen Torschrei hat Wembley noch nicht erlebt. Als Harry Kane mit seinem Treffer (104. Minute) die englische Nationalmannschaft erstmals in der Historie ins EM-Finale schoss, verwandelte sich das Nationalstadion in die größte Freiluftdiskothek des Landes. Hemmungslos gab sich die Mehrheit der ungefähr 65 000 Zuschauer einem Glücksrausch hin, den sie in dieser Form wohl noch nicht erlebt hatten.

Für den fast schicksalhaft anmutenden Auftritt der Engländer beim 2:1 nach Verlängerung gegen Dänemark im EM-Halbfinale ließ die Bevölkerung nichts unversucht, um auf den letzten Drücker doch noch im Stadion live mit dabei sein zu können. Nach der Freischaltung weniger Restkarten kollabierte die Internetseite unter der zu hohen Nachfrage. Manche Anhänger probierten, sich als dänische Wahllegionäre auszugeben, in der Hoffnung, an das gegnerische Ticketkontingent zu gelangen. Auf dem Schwarzmarkt wurden astronomische Preise aufgerufen; selbst Eintrittskarten für Fantreffen an berühmten Stadtpunkten waren in den Vortagen fast nicht mehr zu erwerben. Die Leidenschaft fürs Nationalteam haben die Engländer nie wirklich verloren trotz der vielen dunklen Tage in der Vergangenheit - genauso wenig wie die Hoffnung, dass irgendwann ihr Tag sein würde.

Mehrere Stunden vor dem Anpfiff versammelten sich die Fanscharen am Mittwoch bereits rund ums Stadion, der Nervenkitzel erhöhte sich mit jeder dem Spiel näher rückenden Minute. Auf dem Wembley Way huldigten die Leute dem Nationaltrainer Gareth Southgate mit dem in Dauerschleife vorgetragenen Liebeslied "Whole Again", indem natürlich Southgate derjenige ist, der allen den Kopf verdreht. Auf der Insel möchte gerade fast jeder ein Southgate sein. Die Times druckte deshalb einen Selbsttest, aus dem sich entnehmen ließ, wie nahe das eigene Handeln in gewissen Situationen dem landesweiten Vorbild kommen würde. Die eindrucksvollste akustische Hommage an Southgate gab es kurz vor Spielbeginn, ehe sich dann die angestaute Vorfreude im Partyhit "Sweet Caroline" entlud. Der Refrain stachelte die kontinuierlich stehenden Fans an, ihre Hände auszustrecken, sich zu berühren und das wunderbare Leben zu beschreien. Die enthemmte Atmosphäre vermittelte das Gefühl, in jedem Moment würde Wembley mit circa 65 000 Leuten wie ein Heißluftballon aufsteigen.

Auf einen solchen Zustand versuchten die Inselmedien mit überhöhten Schlagzeilen die Woche über hinzuwirken. "Bereit zum Brüllen", titelte der patriotische Telegraph, in der nochmals konservativeren Daily Mail war zu lesen: "Auf geht's England! Lasst uns Geschichte schreiben!" Mit einem gedichtartigen Vers wiederum widmete sich die Times an die Leserschaft: "Ihr habt uns stolz gemacht, ein Lächeln in unsere Gesichter gezaubert und uns zum Träumen angeregt. Es ist Zeit, England, heute den finalen Schritt zu gehen."

Dieser finale Schritt schien jedoch für die meisten Menschen bereits gegangen zu sein, bevor die zähe Auseinandersetzung mit Dänemark überhaupt begonnen hatte. Am Dienstag kündigte etwa Premierminister Boris Johnson lautstark an, die Sperrstunde der Pubs am Finalsonntag für das Ausschenken alkoholhaltiger Getränke um eine Dreiviertelstunde bis 23.15 Uhr nach hinten zu verschieben, sodass eine mögliche Verlängerung oder sogar ein Elfmeterschießen abgedeckt wäre. Die Rundfunkanstalt BBC sicherte sich zeitig den vermutlich tatsächlichen Coup, den sehr großen Sir Geoff Hurst in der Stadionsendung begrüßen zu dürfen. Der dreifache Goalgetter und Schütze des berühmten Wembley-Tors beim 4:2 über Deutschland nach Verlängerung im WM-Finale 1966, dem bis dato einzigen Titelgewinn, ist eine historische Figur im englischen Fußball. Aus der damaligen Startelf sind neben Hurst, 79, nur noch Sir Bobby Charlton, George Cohen und Roger Hunt am Leben - aber es könnten in ein paar Tagen neue Titelhelden dazukommen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB