Dänemark bei der EM 2021:Mit der Euphorie eines ganzen Landes

Dänemark bei der EM 2021: Kein Halten mehr: Dänemark feiert den Einzug ins Achtelfinale vor den eigenen Fans.

Kein Halten mehr: Dänemark feiert den Einzug ins Achtelfinale vor den eigenen Fans.

(Foto: AFP)

Im Kopenhagener Stadion feiern die Dänen den Fußball - und das Leben. Neun Tage nach dem Herzinfarkt von Christian Eriksen erreicht die Mannschaft durch ein 4:1 gegen Russland sensationell das Achtelfinale.

Von Felix Haselsteiner

Die Umkehr der Gefühle, sie war schon vor dem Anpfiff spürbar. Neun Tage nach den dramatischen Minuten, in denen Retter auf dem Platz um das Leben von Christian Eriksen gekämpft hatten, feierten die dänischen Fans das Leben und den Fußball lautstark im Telia Parken von Kopenhagen, da hatte das Spiel noch gar nicht begonnen. Minutenlange Gesänge und "You'll never walk alone" hallten durch die Arena, es schien, als wäre der sportliche Ausgang gar nicht so wichtig - und doch sollte es nur die Ouvertüre zu einem dramatischen Abend werden, an dessen Ende Dänemark 4:1 siegte, ins Achtelfinale einzog und das glückliche Ende einer unglaublichen Gruppenphase feiern durfte.

Den elf Dänen, die um kurz vor 21 Uhr aufliefen, war anzumerken, dass sie dasselbe vorhatten wie bei der 1:2-Niederlage gegen Belgien und mitten hinein in die Erleichterung einfach nur Fußball spielen wollten, trotz oder gerade wegen der schwierigen Konstellation in der Gruppe, die es dem Gegner aus Russland erlaubte, abwartend heranzugehen. Gegen Belgien war den Dänen eine erste Halbzeit geglückt, die das Talent der Mannschaft auch ohne ihren besten Spieler Eriksen klar zeigte, dementsprechend setzte Kaspar Hjulmand auf dieselbe Elf wie im zweiten Gruppenspiel.

Die Dänen begannen wild, mit viel Ballbesitz und Laufstärke - aber auch mit einer Reihe von Ungenauigkeiten in der Offensive, die eine Wiederholung des überragenden Belgien-Spiels erst einmal nicht zuließen. Das lag allerdings auch an der russischen Mannschaft, von Stanislav Tschertschessow defensiv und lauernd eingestellt, die auf ihre Gelegenheiten wartete und sie früh im Spiel bekam: In der 18. Minute konterte Russland über Alexander Golovin, der durch die dänische Fünferkette dribbelte und Torwart Kaspar Schmeichel beinahe mit einem Schuss durch die Beine überwunden hätte.

Dänemark bei der EM 2021: Im Rückraum taucht Abwehrspieler Andreas Christensen auf und schießt das 3:1.

Im Rückraum taucht Abwehrspieler Andreas Christensen auf und schießt das 3:1.

(Foto: Jonathan Nackstrand/AP)

Nach 38 Minuten bricht die Arena in Kopenhagen in den Jubel aus

Dänemark antwortete jedoch: Pierre-Emile Höjbjergs Schuss aus 20 Metern verfehlte das russische Tor nur um Zentimeter (29. Minute), wenig später klärte die russische Innenverteidigung in höchster Not zwei Flankenbälle. Es dauerte schließlich 38 Minuten, bis die Arena in Kopenhagen endlich in den Jubel ausbrechen durfte, der sich schon lang vor dem Anpfiff angebahnt hatte: Höjbjerg spielte den jungen Mikkel Damsgaard am Strafraum an, der nahm den Ball in einer nahezu perfekten Bewegung mit, drehte sich und traf dann mit einem Rechtsschuss in hohem Bogen zum verdienten 1:0.

Die Führung ergab - auch aufgrund des Unentschiedens im Parallelspiel zwischen Belgien und Finnland - zur Halbzeit eine Konstellation, in der die Dänen als Gruppendritter zwar Russland überholt, aber die Qualifikation für das Achtelfinale noch nicht erreicht hätten. Dem Spiel tat das merklich gut, denn es war an den Russen, nun mehr zu investieren. Dänemark konnte abwarten und wurde dafür belohnt: Aus einer völlig unspektakulären Situation in der eigenen Hälfte heraus spielte Roman Zobnin einen umso spektakuläreren Fehlpass in die Füße von Dänemarks Stürmer Yussuf Poulsen, der nur noch zum 2:0 einschieben musste (59.).

Die folgenden zehn Minuten gehörten den Dänen, die mindestens eine Gelegenheit zum 3:0 hatten - dann begann für Russland eine kurze Phase des Glücks: Erst hätte Fedor Kudryashov nach einem Foul mit einer zweiten gelben Karte vom Platz gestellt werden können, wenn nicht gar müssen, dann gab Schiedsrichter Clement Turpin einen eher schmeichelhaften Elfmeter für Russland, den Artem Dzyuba zum Anschlusstreffer verwandelte (70.).

Es blieb bei einer kurzen Phase, in der es schien, dass das Schicksal sich noch gegen Dänemark wenden könnte, dann folgte die Ekstase in einer Art und Weise, die den Telia Parken so elektrisierte, dass man kurzzeitig die Übersicht verlieren konnte, warum genau gejubelt wurde: Erst rauschte nach einer wilden Situation im Strafraum Andreas Christensen heran und traf mit seinem Distanzschuss zum 3:1 (80.), zwei Minuten später war es der eingewechselte Joakim Maehle, der nach einer Einzelleistung auf 4:1 erhöhte und als wäre das nicht genug, brandete noch einmal Jubel auf: Belgien führte im Parallelspiel 2:0 gegen Finnland, Dänemark war Gruppenzweiter. Es war mehr als Freude, es war die Euphorie eines ganzen Landes, die in den Schlussminuten in Kopenhagen zu sehen war. Was dieses Spiel in der dänischen Mannschaft freigesetzt haben könnte, werden die kommenden Turnierwochen zeigen.

© SZ/tbr/pps
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