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EM und Corona:Die Infektionszahlen steigen rasant

EURO2020 Fan Zone In Saint Petersburg Russian supporters watch a live stream during the UEFA EURO, EM, Europameisterscha

Masken runter, Hände hoch: Russische Anhänger auf der Fanmeile in Sankt Petersburg.

(Foto: Mike Kireev/NurPhoto/imago)

In Sankt Petersburg finden die meisten EM-Spiele statt und die Menschen zieht es auf die Fan-Meilen. Was das Turnier für die Pandemiebekämpfung bedeutet, ist kaum absehbar.

Von Silke Bigalke, Moskau, und Sebastian Fischer, Sankt Petersburg

Bei Russlands bisher letzter großer Party dieser EM kam vor dem Anpfiff niemand mehr rein, so voll war es. Etwa 3000 Menschen durften auf die Fan-Meile im Schatten der Auferstehungskirche in Sankt Petersburg, sie standen vor drei Großleinwänden. Die zeigten am Montagabend Russlands Niederlage gegen Dänemark, mit der die Mannschaft nach der Vorrunde aus dem Turnier ausschied. Dass die Zuschauer auf den Fan-Meilen Masken trugen, wie es ihnen nahegelegt wurde, blieb den Bildern zufolge ein frommer Wunsch.

Was für Russlands Fußball auf diese EM folgt, ist erst mal die Ursachenforschung von Trainer Stanislaw Tschertschessow. "Wir müssen das in Ruhe analysieren und gucken, was wir falsch gemacht haben", sagte er. Was das Turnier für die Pandemiebekämpfung in einem Land bedeutet, in dem die Infektionszahlen wieder rasant steigen, ist kaum absehbar.

In keinem anderen der elf EM-Austragungsorte fanden mehr Vorrundenspiele statt als in Sankt Petersburg, sechs insgesamt, weil die Stadt drei Spiele von Dublin übernahm, ein Viertelfinale am 2. Juli folgt noch. Gästefans aus fünf Ländern reisten an, mehr als 100 000 Zuschauer kamen insgesamt zu den Spielen ins Stadion, etwa jeder zweite Platz durfte dort besetzt werden.

ST PETERSBURG, RUSSIA - JUNE 11, 2021: Fans watch a live stream of the UEFA EURO, EM, Europameisterschaft,Fussball 2020

Vor allem bei Spielen der russischen Mannschaft war in der Fan-Zone neben der Auferstehungskirche (hier während der Partie Italien - Türkei) die Publikumsdichte hoch.

(Foto: Stanislav Krasilnikov/Itar-Tass/Imago)

In der Stadt bleiben mehrere Fan-Zonen bis zum Finale stehen; eine, auf dem Palastplatz, eröffnet sogar erst zu Beginn des Viertelfinales. EM-Euphorie, vergleichbar mit jener bei der WM 2018, kam zwar nie so recht auf. Doch rund um die Auferstehungskirche mit ihren bunten Zwiebeltürmen herrschte besonders zu russischen Spielen Volksfeststimmung. Straßenmusiker spielten, singend zogen die Anhänger durch die Straßen. Und Sankt Petersburgs Weiße Nächte lockten nicht nur Fußballfans nach draußen, in die Restaurants und Bars. Schon nach den ersten EM-Tagen stand die Stimmung in Russlands zweitgrößter Stadt in krassem Widerspruch zur Corona-Lage im Land.

Russland ist nahezu unbekümmert in die dritte Welle geschlittert, so wirkt es. Erst vor zwei Wochen gab es die erste spürbare Reaktion auf die steigenden Zahlen: In Moskau, 700 Kilometer südöstlich von Sankt Petersburg, verordnete Bürgermeister Sergej Sobjanin den Menschen eine Woche Zwangsurlaub. Seither kommen fast täglich neue Maßnahmen hinzu, die weitreichendste ist eine Impfpflicht für Berufstätige, die Kontakt mit Kunden, Gästen, Patienten oder Schülern haben. Unternehmen in diesen Bereichen, etwa Restaurants und Krankenhäuser oder Taxiunternehmen, müssen knapp zwei Drittel ihrer Mitarbeiter jetzt durchimpfen lassen. Wer das Vakzin ablehnt, dem droht bald, dass er unbezahlt freigestellt wird. Mehr als ein Dutzend anderer russischer Regionen sind mit ähnlichen Regeln nachgezogen, auch Sankt Petersburg.

In der russischen Hauptstadt mit ihren 15 Millionen Einwohnern waren die Corona-Maßnahmen von Anfang an am härtesten, der Kontrast zwischen Lockdown und Lockerung aber auch am größten. Über Monate waren die Moskauer 2020 in ihren Wohnungen eingesperrt, nach der Öffnung kehrte die Stadt dann so schnell zur Normalität zurück, dass Maskenpflicht, Abstandsempfehlung und Inzidenzzahlen bald in Vergessenheit gerieten - wie fast überall im Land.

Die Skepsis der Russen gegenüber der Impfung ist höher als die Angst vor dem Virus

Das zweite Problem ist die versäumte Chance der Russen, sich früh impfen zu lassen. Dem Kreml war zwar wichtig, mit Sputnik V als erstes Land weltweit einen Impfstoff für die breite Bevölkerung zuzulassen. Bereits seit Ende letzten Jahres kann sich praktisch jeder ohne Termin seine Impfdosis abholen. Trotzdem sind laut Regierung erst 16 Millionen Russen vollständig geimpft, das wären nur etwa elf Prozent der Bevölkerung. Vor allem liegt das an der großen Skepsis der Russen, Umfragen zufolge sträuben sich weiterhin etwa zwei Drittel gegen eine Impfung.

Vor allem in den großen Städten steigen die Zahlen exponentiell - in Moskau wurden am Sonntag mehr als 9000 neue Infektionen gezählt. In Petersburg liegt diese Zahl seit Tagen bei über 1000 - und ist damit etwa so hoch wie in Deutschland landesweit. Für die meisten Fälle soll die ansteckendere Delta-Variante verantwortlich sein, in Moskau sogar für 90 Prozent der Neuinfektionen. "Alarmierend ist das Gefühl, dass sich das Virus verändert", sagte Denis Prozenko, Chefarzt einer Moskauer Corona-Klinik, bereits Mitte Juni dem Radiosender Echo Moskwy. Es gebe nun Patienten mit positivem PCR-Test, "die auf die entwickelten Therapiemethoden nicht reagieren".

Auch wie wirksam das russische Vakzin Sputnik V gegen die Mutation schützt, ist unklar. Moskaus Bürgermeister Sobjanin warnte bereits davor, dass sich auch Geimpfte schneller mit der Delta-Mutation anstecken als mit früheren Varianten. Aus der EM-Stadt Sankt Petersburg dringen nun wieder Bilder und anonyme Berichte wie zu Beginn der Pandemie ins Internet, von Krankenwagen, die vor den Notaufnahmen Schlange stehen, und Patienten, die auf Matratzen auf den Fluren liegen.

Ein Fußballfest und Corona? Passt eigentlich nicht zusammen. Aber die Sehnsucht ist groß

Wenn man sich vor dem Spiel der Russen in Sankt Petersburg umhörte, unter den vornehmlich jungen Menschen, die zur Fan-Zone liefen, dann sprachen sie darüber, dass es kaum zusammenpasst, so ein Fußballfest und Corona. Doch dass sie sich auch gesehnt haben nach so einem Anlass. Dass sie darüber nachdenken und trotzdem hingehen. Manche erzählten immerhin, sie hätten sich schon impfen lassen.

Als 60-Jähriger würde er nicht auf die Fan-Meile gehen, da wäre ihm das Risiko einer Ansteckung viel zu groß, sagte ein Fan. Er selbst sei Anfang 30. Sein Risiko, schwer an Covid zu erkranken, schätzte er gering ein. Ob es nicht besser gewesen wäre, das Fan-Fest abzusagen? Da lachte er. Das beschließe die Regierung, wenn überhaupt, erst dann, wenn Russland ausscheide.

Was wie ein Witz klingt, ähnelt tatsächlich der Vorgehensweise in der Stadt. Während in Moskau eine Fan-Meile schließen musste, wurde in Sankt Petersburg nur die Kapazität reduziert, von 5000 auf 3000. Es wurden eher harmlose Einschränkungen beschlossen, etwa wurde die Maskenpflicht bei Events auch im Freien eingeführt und der Essensverkauf verboten. Während Restaurants in Moskau jetzt nur bis 23 Uhr öffnen dürfen, schließen sie in Sankt Petersburg lediglich nachts von 2 bis 6 Uhr, deshalb sind sie aber kaum leerer. Und die neuen Regeln traten erst nach dem zweiten von zwei russischen Heimspielen in Kraft.

Ein Verkäufer von Souvenirs und Fanartikeln erzählte, dass er viel Geld bezahlen musste für die Lizenzen der Uefa. Würde die Fan-Zone vor dem Ende der EM schließen, "es wäre schrecklich fürs Geschäft". Er sprach von Monaten der Entbehrung, nicht nur beruflich, und sagte: "Wir brauchten ein Fest."

Dann erzählte er von einem Freund, der mit Corona im Krankenhaus lag, und dass er es selbst vor Kurzem schon hatte, mit vergleichsweise milden Symptomen. Auch er habe Angst davor, dass es wieder schlimmer werde. "Wir wissen, was los ist. Wir wissen, dass Leute jeden Tag sterben", sagte er. Doch wie sie mit dem Risiko umgehen, das müssten die Leute selbst entscheiden.

© SZ/sjo/tbr
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