EM-Mitfavorit Belgien:"Die Leute sagen: Jetzt oder nie"

WM 2018 - Brasilien - Belgien

Belgiens Hochbegabung Kevin De Bruyne wird erst beim zweiten Gruppenspiel mitwirken können - "hoffentlich", sagt der 29-Jährige.

(Foto: Bruno Fahy/dpa)

Für die vielleicht beste belgische Fußballergeneration bietet sich bei dieser EM wohl die letzte Gelegenheit, Europameister zu werden. Doch die Last der Erwartungen ist groß - und De Bruyne verletzt.

Von Sebastian Fischer, Sankt Petersburg

Ein paar wenige Belgier waren schon zwei Tage vor dem Spiel da, und sie fielen auf wie grelle Farbkleckse, als sie in rote Trikots gekleidet oder in Flaggen gehüllt über den Newski-Prospekt flanierten, die zu jeder Zeit strahlende Hauptstraße Sankt Petersburgs. Nach allem, was sich über diese Europameisterschaft im zweiten Pandemie-Sommer vorhersagen lässt, werden Anhänger der Gästemannschaften oft in eher überschaubarer Zahl an den Spielorten erscheinen. Aber es ist womöglich nicht nur das, was sich kleine Reisegruppen aus dem Land eines der EM-Titelfavoriten für diese Tage im Juni etwas anders vorgestellt hatten. Denn mit dem Selbstverständnis eines kommenden Turniersiegers ist es vor Belgiens Auftaktspiel an diesem Samstag gegen Russland so eine Sache.

"Wir sind nicht der große Favorit", hat Abwehrspieler Jan Vertonghen vor der Abreise aus dem Teamquartier in Tubize nahe Brüssel gesagt. Der 34-Jährige, der nach acht Jahren bei Tottenham Hotspur in der Premier League seit 2020 in der gemütlicheren portugiesischen Liga bei Benfica Lissabon verteidigt, hat zwar hinzugefügt, dass seine Mannschaft "nicht weit entfernt" sei von den "Topfavoriten". Doch er sagte das zu allem Überfluss an einem Tag, an dem die Bilder vom Training ohnehin keine guten Nachrichten verkündeten, was die belgischen Ambitionen betrifft: Kevin De Bruyne, der überragende Mittelfeldspieler des Teams, schaute nur zu - und flog nicht mit nach Russland. Nachdem er sich bei der Niederlage im Champions-League-Finale mit Manchester City gegen den FC Chelsea vor zwei Wochen Gesichtsfrakturen an Nasenbein und Augenhöhle zugezogen hatte, wird er die erste Turnierpartie am Samstag (21 Uhr) verpassen. Und er ist nicht der einzige Hochbegabte, um den sich die Belgier sorgen.

Nimmt man die Weltrangliste zum Maßstab, dann ist die Mannschaft des spanischen Trainers Roberto Martínez sehr wohl der Favorit: Sie führt die Wertung des Weltverbands Fifa an, vor Weltmeister Frankreich. Und die Zeit drängt. Die berühmte goldene Generation belgischer Fußballer, die 2018 WM-Dritter wurde, aber noch nie einen Titel gewann, kommt so langsam in die Jahre. "Wir spüren vor diesem Turnier den größten Druck auf uns lasten", sagte Vertonghen. "Es ist, wie die Leute sagen: Jetzt oder nie", sagte Mittelfeldspieler Leander Dendoncker, 26. Für die berühmtesten seiner Kollegen könnte es vielleicht schon die letzte EM sein - zu einer Zeit, in der manche von ihnen mit ihrer Form kämpfen.

"Eden, räche dich an den Kritikern", fordern die belgischen Kolumnisten

Belgiens bekanntester Dauerpatient ist Eden Hazard, 30, von Real Madrid. 2019 als teuerster Spieler der Klubgeschichte in Spaniens Hauptstadt gewechselt, hat er dort noch nie nachhaltig überzeugt. Der so rasante wie elegante Dribbler, der er vorher beim FC Chelsea war, hatte in Madrid Probleme mit seiner Ideallinie, mit diversen Verletzungen und zuletzt endgültig mit den populistischen Medien, weil sie ihn nach dem Champions-League-Aus gegen seine ehemaligen Kollegen beim Lachen erwischten.

Für Belgien lief er lange gar nicht auf; als er jüngst beim 1:0 im letzten Test gegen Kroatien für acht Minuten im offensiven Mittelfeld als Einwechselspieler kam, war das sein erster Einsatz seit November 2019. Die EM soll trotzdem zu einer Art Befreiungsschlag werden. "Eden, räche dich an den Kritikern und mürrischen Männern, die denken, dass du nie wieder derselbe sein wirst", schrieb dieser Tage ein Kolumnist der belgischen Zeitung Het Laatste Nieuws.

Hinter Hazard fehlte in den vergangenen Monaten außerdem der Dortmunder Axel Witsel, im Januar riss seine Achillessehne. Der 32-Jährige steht zwar etwas überraschend trotzdem im EM-Kader, und Verteidiger Vertonghen sagt: "Ich hätte nie gedacht, dass er jetzt schon auf diesem Level steht." Aber ob Witsel wirklich "eine große Rolle spielen kann", wie sein Kollege prophezeit? Zum Auftakt gegen Russland, das teilten die Belgier am Freitag mit, fällt er nun erst mal genauso aus wie jener Spieler, dem er im Mittelfeld den Rücken freihalten soll: De Bruyne.

Fußball EM - Training Belgien

Hoffnungsträger: Axel Witsel (vorne rechts) und Eden Hazard (Mitte) waren zuletzt verletzt beziehungsweise außer Form.

(Foto: Bruno Fahy/dpa)

Es waren dramatische Szenen, als der 29-Jährige, einer der herausragenden Fußballer dieser Saison und seit Jahren einer der besten der Welt, das Champions-League-Finale im Angesicht der späteren Niederlage vorzeitig beendete, nachdem er mit Chelseas deutschem Nationalspieler Antonio Rüdiger zusammengekracht war. Als De Bruyne sich vom Platz schleppte, weinte er hemmungslos.

De Bruyne, der Mann mit den roten Wangen, ist zwar nicht unbedingt der Poster-Boy der "Roten Teufel" genannten Mannschaft, einen solchen gibt es kaum allein, zu viele gute Spieler hat die Generation. Aber er ist wahrhaftig unersetzlich. Er könne als falsche Neun, Zehner, Sechser und auf beiden Flügeln spielen, sagt Trainer Martínez, und habe den Fußball, ja doch, neu definiert. "Er sieht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf einmal", schrieb die englische Zeitung Independent einmal. Belgiens Spiel mit schnellen Kontern funktioniert nach seinem Takt, mit seinen Ideen.

Vertonghen, der Verteidiger, sagt selbst, dass die Vorzüge der Mannschaft eher in der Offensive liegen. Die Abwehr, mit ihm und dem 32 Jahre alten Toby Alderweireld, ist nicht mehr die beste, schon gar nicht mehr die schnellste Europas. "Unsere Stärke ist, dass wir als Team sehr viele Tore schießen", sagt er. Ob sich das gegen Russland auch ohne De Bruyne zeigt? Es geht sicher nicht gegen den besten Gegner, aber gegen eine Mannschaft mit Heimvorteil und Korpsgeist.

Immerhin Stürmer Romelu Lukaku ist in Bestform - allerdings müssen ihn die Pässe der Mitspieler erst mal erreichen

Noch mehr als sonst könnte vom Sturmhünen Romelu Lukaku abhängen. Der 28-Jährige ist wohl gerade der einzige belgische Offensivspieler in garantiert bester Form. 24 Tore trug er in der Serie A zum Meistertitel von Inter Mailand bei, und oft wirkte es, als gewinne er eine Partie allein. Wahrscheinlich niemand auf der Welt behauptet den Ball so gut wie er im gegnerischen Strafraum, in Italiens vielbeinigen Abwehrreihen hat er das perfektioniert. Nur müssen die Pässe ihn im Nationaltrikot nun erst mal erreichen.

Dafür sind zum Auftakt neben dem übrig gebliebenen Granden Dries Mertens, der mit 34 immer noch wie ein Jugendlicher dribbelt, wohl auch Spieler der jüngeren Generation zuständig: Youri Tielemans, 24, zum Beispiel, der gegen Kroatien in der Zentrale neben Dendoncker spielte. Vielleicht kommt auch Jérémy Doku, 19, eines der hoffnungsvollen belgischen Talente, früher als gedacht zu einem Einsatz.

Zum zweiten Spiel, gegen Dänemark, will De Bruyne dann mit von der Partie sein. "Hoffentlich", so wurde er am Donnerstag zitiert, nach einem Treffen der Mannschaft mit König Philippe. Dem Staatsoberhaupt schenkten die Spieler ein Trikot. Mit der Nummer eins.

© SZ/jkn/sjo
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