Italien bei der EMMit dem Duft der Unsterblichkeit

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Fokussiert: Giorgio Chiellini (mi.) stellte den Belgiern alles entgegen, was er hatte
Fokussiert: Giorgio Chiellini (mi.) stellte den Belgiern alles entgegen, was er hatte AP

Italien spielt gegen Belgien, wie es neuerdings immer spielt: mit ansteckender Freude. Das Land fühlt sich an die WM 2006 erinnert - nur der Ausfall von Leonardo Spinazzola drückt auf die Stimmung.

Von Oliver Meiler, Rom

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Wehe, wenn die Aura erst einmal zu strahlen beginnt, zu strömen und zu fluten. "In Farben leben", singt Alessandra Amoroso, es ist der Sound einer Werbung in diesem italienischen Sommer. Die Fernsehsender schalten den Spot immer vor den Spielen der EM. So bleibt das Lied eine Weile im Ohr hängen, vor allem der Refrain. "Vivere a colori". Noch so eine Hymne. Italien ist durch, im Halbfinale gegen Spanien, nach einem wunderbar buntlebendigen Spiel gegen das große und noch größer geredete Belgien. 2:1. A colori.

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In Italien erinnert man sich jetzt wieder an die Stimmung von 2006, WM in Deutschland. Auch damals gab es einen Moment, da umwehte die Azzurri plötzlich eine "Aura der Unsterblichkeit", wie der Reporter von La Repubblica sich erinnert: "Man konnte sie in der Luft riechen", schreibt er, "wie ein Parfüm, eine Geruchsschwade."

Nun gehört es ja zum Reflex des Fußballchronisten, dass er sich ganz gerne mittragen lässt, wenn ein Spiel mal die hehren Erwartungen erfüllt, mit der man es auflädt. Gerade wenn der Aushang einer Partie besonders prominent daherkommt, fällt die Darbietung in der Regel besonders dürftig aus. Diesmal nicht. Für Italien ging es im Viertelfinale in München darum, gegen die Nummer eins im Ranking der Fifa zu zeigen, dass es nicht nur schön ist, sondern richtig, richtig schön. Die Beweisführung auf der feinen Grenze zwischen "belli" und "bellissimi". Viel war darüber geschrieben worden, dass die italienische Nationalmannschaft zwar einen choralen, beinahe komunenhaft kollektiven und stürmischen Fußball spielte in diesem Turnier, dass aber eben auch die Gegner viel Kunst zuließen, auch billige, es waren bestenfalls Gegner aus der mittleren Güteklasse.

"Bellissimi" hingegen aber wird man erst, wenn die Schönheit auch gegen einen Gegner aus der höchsten Güteklasse gelingt. Belgien schwirrte schon lange vor der EM als Gefahr in den Köpfen der Italiener herum, man hatte das Tableau studiert, die Wahrscheinlichkeiten abgewogen: Viertelfinale gegen Belgien, gegen Romelu Lukaku, Kevin De Bruyne und Eden Hazard - Gott bewahre! Man schickte Spione zum Übungsgelände der Belgier, sie sollten nachschauen, ob die angeschlagenen De Bruyne und Hazard mittrainierten, ob sie wohl fit werden würden fürs Spiel. So etwas muss man schließlich wissen.

Der Sturm war diesmal nur eine Nebenbühne

Nur einer war gelassen, gelöst fast. Trainer Roberto Mancini sagte schon nach dem erlittenen Sieg gegen Österreich, dass es gegen Belgien wohl einfacher werden würde. Große untereinander, man lässt einander spielen. Und so wurde es ein großes Spiel mit unerwarteten Protagonisten, denkwürdigen Duellen und einem Drama samt Tränen.

Italien spielte, wie es neuerdings immer spielt: mit ansteckender Freude, mit diesem unbändigen Zug zum Tor, der im Land wie ein epochaler Paradigmenwechsel verhandelt und gefeiert wird. Vom Catenaccio, dem Riegelfußball, zum Calcio spettacolo, dem Spektakelfußball, in nur drei Jahren. "Wir sind wieder groß", sagte Beppe Bergomi, der frühere Nationalspieler und Experte bei Sky Italia, nach dem Schlusspfiff, und weil er merkte, dass ihm der Satz ganz gut gelungen war, wiederholte er ihn: "Wir sind wieder groß." Zwei Kleine sorgten dafür.

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Parallelebene: Während Sturmkollege Ciro Immobile noch peinlich den sterbenden Schwan mimt, schließt Nicolò Barella (rechts) zum 1:0 gegen Belgien ab. Stuart Franklin/dpa

Der Sarde Nicolò Barella, 1,72 Meter, von Inter Mailand, ist, was die Italiener einen "Incursore" nennen - ein Überfallsangreifer unter den Mittelfeldspielern, einer, der dem nominellen Sturm zu opportuner Zeit mit seiner Gesellschaft zur Überzahl verhilft. Es war just eine halbe Stunde gespielt, da stand Barella plötzlich zwischen drei belgischen Verteidigern, irgendwie unter deren Radar und mit gesenktem Kopf, tankte sich durch und wuchtete den Ball ins entfernte Eck. Barella mag man im Ausland vielleicht noch nicht so gut kennen. Inter Mailand holte ihn vor zwei Jahren für 50 Millionen Euro aus Cagliari, da war er erst 22. Die Torszene beinhaltete einen denkwürdigen Nebenakt, der dem Darsteller später viel Häme und einige Kritik eintrug: Ciro Immobile hatte sich gerade noch gekrümmt und gewälzt am Boden, angeblich fürchterlich gefoult im Strafraum der Belgier, da stand er plötzlich wieder auf - in die Höhe katapultiert wie von einer Bettfeder, hüpfend und beschwerdefrei. Geheilt, ein Wunder. War das nötig?

Zwölf Minuten später brachte dann Lorenzo "Lorenzino" Insigne, 1,63 Meter, alle zum Schweigen. Was wurde der Neapolitaner in den vergangenen Tagen doch dafür kritisiert, dass er immer und immer wieder seinen Paradeschuss versucht: den Drehschuss mit seinem rechten Füßchen. Gelingt er, ist er eine Wonne, die Quintessenz ballistischer Eleganz. Gelingt er nicht, fliegt der Ball in den Himmel. Passierte ein paar Mal zu oft in diesem Turnier, dann verkommt eine Geste ja schnell zur nervigen Marotte. Nun, was macht Insigne? Er befördert den Ball mit seinem rechten Füßchen in den rechten Winkel, gedrechselt und schön.

Herrlich geschlenzt: Nach vielen vergeblichen Versuchen bei dieser EM versenkt Lorenzo Insigne (rechts) den Ball kunstvoll zum 2:0 ins Tor.
Herrlich geschlenzt: Nach vielen vergeblichen Versuchen bei dieser EM versenkt Lorenzo Insigne (rechts) den Ball kunstvoll zum 2:0 ins Tor. Claudio Villa/Getty

Aber der Sturm war diesmal nur eine Nebenbühne, die Hauptbühne war die Abwehr und das Duell um alles. Giorgio Chiellini, 36 Jahre alt, Innenverteidiger aus einer anderen Zeit, hart und aufsässig und ungelenk, ließ Lukaku kaum Luft zum Atmen und kaum mal einen freien Rasenmeter, klammerte sich an ihm fest in jedem Luftduell, umtänzelte und bedrängte ihn - es war mehr Ring- als Ballsport. Und da man dachte, dass der ehrenhaft, aber sichtbar gealterte "Giorgione", Bachelor in Wirtschaftswissenschaften, allein nicht ausreichen würde, um den Jahrzehntstürmer zu bremsen, wurde er zusätzlich gedoppelt von Leonardo Bonucci. Die beiden spielen auch bei Juventus nebeneinander, man nennt sie "Senatoren", im jungen italienischen Team sind sie die Senioren.

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Der starke Spinazzola fällt nach dem Riss der Achillessehne lange aus

Lukaku schoss sein Tor, klar, Lukaku trifft immer. Aber da musste das Abwehrduo zuschauen, die Hände in den Hüften: Nach dem verwandelten Elfmeter in der Nachspielzeit der ersten Hälfte drehte Lukaku ab, als wäre noch alles drin. Und das war es auch.

Zum Ende des Spiels, als Italien seinen 2:1-Vorsprung verteidigte wie früher, mit Herz und Riegel, quittierte der italienische Fernsehkommentator jeden Befreiungsschlag, jede Grätsche, jedes Gehechte von Chiellini mit dessen Namen: "Chiellini!" - "Chieeeeellllliiiiniii!" Ein Crescendo, auch akustisch, eine Befreiung. Nun heißt es, Giorgio Chiellini habe Lukaku neutralisiert wie weiland Claudio Gentile den unaufhaltsamen Diego Armando Maradona. Eine Ewigkeit ist es her, aber Mythen sterben nie.

Hätte sich zum Schluss nicht Leonardo Spinazzola verletzt, der vielleicht beste Spieler der Azzurri bei dieser EM, die eigentliche Offenbarung, dann wäre nicht nur alles schön gewesen, sondern auch noch gut. "Spina" fällt lange aus, mindestens ein halbes Jahr, er hat sich bei einem seiner epischen Laufduelle auf der linken Außenbahn die Achillessehne gerissen und soll nun in Finnland operiert werden. Er weinte schon, da waren die Ärzte noch gar nicht bei ihm. Die düstere Note in einer hellen Nacht. Als Spinazzola das Team am Wochenende verließ, herzten und küssten ihn alle so innig, dass das ganze Land von den Bildern bewegt war.

Der grandiose und oftmals streng kritische Mario Sconcerti, Kommentator des Corriere della Sera, schreibt in einer Eloge an die Spielintelligenz der Azzurri: "Ich bin glücklich. Einem Chronisten passiert es selten, dass er das sagen kann, aber diesmal war ich bewegt - und möchte dafür danken."

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