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EM 2012:Auf den Hund gekommen

Der EM-Gastgeber Polen zweifelt an der Qualität seiner Nationalelf - der Organisationspartner Ukraine hat noch ganz andere Sorgen. Uefa-Präsident Michel Platini muss sich plötzlich mit Straßenkötern beschäftigen.

Boris Herrmann

Paris ist die Stadt der einsamen Herzen. Rom ist die Stadt der einsamen Päpste. Und Kiew ist die Stadt der einsamen Hunde. Etwa 50 000 herrenlose Tiere streunen konservativen Schätzungen zufolge durch die Hauptstadt der Ukraine, in der außerdem 2,8 Millionen Zweibeiner leben. Bislang haben es sich die beiden Parallelgesellschaften Kiews ganz gut miteinander eingerichtet, aber jetzt kommt bald die Fußball-EM - und mit ihr kommen die Fernsehteams und die Eventtouristen. Da soll es schön sauber sein. Im Rathaus von Kiew hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass es nicht den besten Eindruck macht, wenn 2012 die EM-Besucher zur Begrüßung von bellenden Haarmonstern angepinkelt werden. Und so verschwinden gerade mehr und mehr Hunde von den Straßen.

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"Wir haben nie darum gebeten, die Hunde aus den Straßen zu entfernen", schreibt Uefa-Präsident Michel Platini.

(Foto: AFP)

Mehrere Tierschutzorganisationen wittern deshalb eine großangelegte Säuberungsaktion und sprechen ungeniert von Massenmord. Sie behaupten, die Hunde in Kiew würden systematisch vergiftet, erschossen und verbrannt. Selbst als der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch zu Beginn der Woche im Berliner Hotel Adlon von Versöhnung sprach, machte draußen vor der Tür eine Handvoll halbnackter Tierschützer auf das Hundeproblem der EM aufmerksam. Als ob die nicht schon genug Sorgen hätte.

Seit Polen und die Ukraine im April 2007 den Zuschlag bekamen, ist kaum ein Tag vergangen, an dem der europäische Fußballverband Uefa nicht hätte beschwichtigen, relativieren und erklären müssen. Meistens ging es dabei um die großen Themen wie Stadionbau und Clanwirtschaft. Dass sich Präsident Michel Platini nun auch zu Straßenkötern äußert, veranschaulicht ganz gut, wie viele Nerven dieses Turnier bereits zwei Jahre vor dem Eröffnungsspiel gekostet hat. Platini sah sich dazu veranlasst, einen Brief nach Kiew zu schicken, in dem er sicherheitshalber klarstellte: "Wir haben nie darum gebeten, die Hunde aus den Straßen zu entfernen." Es liegt inzwischen auf der Hand, dass die Uefa ihre Richtlinienkompetenz überschätzte, als sie ihr Turnier ins tiefe Osteuropa vergab, während sie den damit einhergehenden Argwohn wohl eher unterschätzte.

Wieder einmal stellt sich die Frage nach dem Sinn und Unsinn solcher als Entwicklungshilfe getarnter Großveranstaltungen. Wie schon in Südafrika muss auch in Polen und der Ukraine eine komplette Infrastruktur aus den Baugruben gestampft werden - für ein paar Tage Spitzenfußball. Wenn am Wochenende die ersten EM-Qualifikationsspiele stattfinden, stehen lediglich in zwei von acht künftigen Spielorten (Charkiw und Donezk) funktionierende Stadien, die allerdings beide noch keine funktionierenden Zufahrtswege haben. "Polen und die Ukraine haben in den zurückliegenden Monaten große Anstrengungen unternommen, die Dinge sind positiv vorangegangen", hat Platini vor wenigen Tagen mitgeteilt. Das darf man weniger als Lob denn als Gnadenfrist verstehen.

Die Bauarbeiten in den polnischen EM-Städten Warschau, Breslau, Danzig und Posen sind inzwischen halbwegs im Zeitplan, neben dem von Hunden umgebenen Endspiel-Rohbau in Kiew gibt aber vor allem Lwiw Anlass zur Sorge. Beim Besuch dieses ebenso malerischen wie morbiden Städtchens in der Westukraine hat Platini auch in diesem Frühjahr wieder mit seiner strikten 4+4-Strategie gehadert, wonach beide Ausrichterländer je vier Spielorte stellen dürfen. Im Gegensatz zu Charkiw und Donezk hat Lwiw nämlich keinen allmächtigen Oligarchen, der die Fußballparty aus seiner Privatschatulle finanziert. Es hat vielmehr einen allmächtigen Oligarchen, der von dieser Europameisterschaft inzwischen die Schnauze voll hat.

Korrupte Sumpflandschaft

Der Mann heißt Petro Petrowitsch Deminski, residiert hinter einem gewaltigen grünen Marmortisch im Fußballfeld-Design, und stellte noch vor zwei Jahren den Stadionbau in Lwiw als seinen bescheidenen Beitrag zum Gelingen der Veranstaltung dar. Später forderte er dafür im Kleingedruckten einige repräsentative Innenstadtgrundstücke, und da sich die Stadtverwaltung auf diese Erpressung dann doch nicht einlassen wollte, rosten bislang nur ein paar Stahlträger vor sich hin, wo eigentlich das neue Lemberg-Stadion glänzen sollte. Die Uefa räumte auf Anfrage ein, dass es "aufgrund des harten Winters zu leichten Verzögerungen" beim Bau gekommen sei. Harter Winter ist ein schöner Ausdruck für jene korrupte Sumpflandschaft, die sich Lwiw nennt. Nachdem sich Deminski zurückgezogen hatte, übernahm Alexander Jefremow am Ort die Initiative. Zwischenzeitlich wurde der Ligaboss und Klubchef des FC Karpaty Lemberg allerdings für sechs Monate suspendiert - nicht, weil er mit Spiel- manipulationen zu tun hatte, sondern weil er sich dabei erwischen ließ.

Im Nachbarland Polen laufen die Vorbereitungen etwas bürokratischer ab als in der Ukraine, aber sie laufen wenigstens. Die wichtigsten Straßenbauprojekte werden ordnungsgemäß zu Teer verarbeitet, und seit sich der Oberpfälzer Bauriese Max Bögl dem Stadionbau in Breslau angenommen hat, sind auch hier die Planvorgaben wieder in Sichtweite. Die polnischen Selbstzweifel verlagern sich derweil von der Frage, ob die Stadien fertig werden, zur Frage, welches Team eigentlich in diesen fertigen Stadien spielen soll. Nicht nur aus dem Sportministerium von Adam Giersz in Warschau heißt es: "Das größte Problem könnte der Zustand der Nationalelf sein."

Auswahlcoach Franciszek Smuda hat bestärkt von einer Jobgarantie bis zur EM einen attraktiven, offensiven Spielstil angekündigt. Topfußballer, die damit etwas anfangen können, sucht er bislang indes vergebens. 0:6 gegen Spanien, 0:3 gegen Kamerun, so sehen die jüngsten Offensivbemühungen der polnischen Mannschaft aus. Beim Testspiel am Samstag in Lodz soll nun endlich der erste Torerfolg seit sechs Monaten gelingen. Die Gelegenheit scheint günstig zu sein. Es geht gegen die Ukraine.

© SZ vom 04.09.2010
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