Eisstock-WM:Die Daubenjäger aus Swakopmund

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ICE STOCK SPORT - Icestocksport World Championships 2020

„Wenigstens einer, der Gefühl hat“: Beim niederbayerischen Publikum sorgte Jessie Mweshipopya für Begeisterung.

(Foto: Hans Oberlaender/GEPA pictures)

Namibia, Kenia, Brasilien: Bei der Eisstock-WM in Regen überraschen Teams aus Länder, die kein Eis kennen. Die Wege dieses Sports in die Welt sind mit einzelnen Pionieren verknüpft.

Von Thomas Gröbner

Jessie Mweshipopya hatte sich gut vorbereitet auf seine erste Eisstock-WM. Er hat Eiswürfel aus dem Kühlschrank genommen und sie zwischen die Hände gepresst, bis sie langsam zerschmolzen sind. Um ein Gefühl für Kälte und Eis zu bekommen. Für etwas, das in Namibia nicht lange hält. Aber für das Eisstockschießen doch essenziell ist.

2012 war das, und seit seiner ersten WM hat Mweshipopya viel gelernt. Über das Eis und den Eisstock, und längst ist er einer der besten Spieler Namibias, das seit der Kolonialzeit durchwirkt ist mit kulturellen Seltsamkeiten aus Deutschland. Das Eisstock-Team besteht abgesehen von Mweshipopya aus Auswanderern, die äußerst geschäftstüchtig sind: Kein anderes Land vermarktet sich so gut bei der WM, die roten Jacken sind vollgeklebt mit Sponsoren, auf den Schultern wirbt die Brauerei Gassen aus Swakopmund, ihr Slogan: "Bayerisches Bier mit afrikanischer Seele."

Überhaupt, hier im niederbayerischen Städtchen Regen ist bei der WM am Wochenende viel zusammengekommen, was auf dem ersten Blick nicht so recht zusammengehen mag. Mit orangem Turban schwingt das Team Indien den Stock, ein Brasilianer heult auf dem Eis, weil er gerade den entscheidenden Wurf versemmelt hat, um dem späteren Weltmeister Österreich eine gewaltige Blamage zu verpassen. Die Dänen stehen den Kenianern im Weg, und Namibia überrollt Kanada.

Schauplatz dieses Treffens der Exoten ist das Eisstadion, das in einem Hang liegt, als wäre ein Felsbrocken hinuntergeschmettert worden vom Großen Arber und wäre eingeschlagen zwischen aufgerissenen Äckern und Kuhweiden. Vor der Halle stapeln sich die blauen Container wie Legosteine, die Athleten finden darin Unterschlupf zwischen den Wettkämpfen, daneben rumpeln die Dieselaggregate und kühlen ein Zelt, das auch aufs Oktoberfest passen würde, unterm Zeltdach liegt eine 120 Meter lange Kunsteisbahn.

Drinnen raunen die Regener: "Wenigstens einer, der Gefühl hat." Jessie hat die Anerkennung der heimischen Experten gewonnen, später schüttelt er Hände, Gratulation zum zweiten Platz in der Gruppe B, in der die schwächeren Nationen aufeinandertreffen, während in der Gruppe A Österreich vor Italien und Deutschland gewinnt, die üblichen Verdächtigen also.

Die Linke-Brüder aus Immenstadt brachten den Sport in die USA, in Australien ist er Familiensache

Trotzdem, Eisstockschießen ist ein demokratischer Sport, mitmachen kann jeder, der einen Stock halten kann, vielleicht auch deshalb hat es sich so hartnäckig verbreitet. "Nach einer Stunde kann ich spielen", sagt Christian Lindner, Präsident des Eisstock-Weltverbandes (IFI), und dann wird mit den Stöcken auf ein bewegliches Ziel geschossen, das fast überall "Daube" heißt, die Österreicher aber nennen es "Haserl". 500 Jahre soll der Sport alt sein, er war ein Vergnügen der Bauern und der Landbevölkerung in Bayern, Österreich und Südtirol in den langen Wintern. Es ging so ausgelassen zu, dass sich die Kirche in Bayern genötigt sah, fürstbischöfliche Verordnungen in Salzburg und Freising herauszugeben, denn die "Lustbarkeiten" wie das Eisschießen waren ein Ärgernis und dürften "niemals vor geendigtem Gottesdienst" beginnen.

Heute sind die Winter kürzer und das Eis ist selten, aus dem Brauchtum ist ein Sport geworden, mit über 40 000 Vereinsspielern und 100 000 Hobbyspielern, mit überdachten Stockbahnen, gespielt wird auf Pflastersteinen oder auf Teerbelag. Sechs Vereine gibt es in Regen, Eisstockschießen ist hier größer als Fußball.

Man kann die Wege in die Welt nachvollziehen, in vielen Ländern ist der Sport mit einzelnen Namen und Schicksalen verknüpft. Die Linke-Brüder zum Beispiel, ehemalige Nationalspieler aus Immenstadt im Allgäu, "die haben es nach Amerika gebracht", sagt Lindner. Sepp Schauberger aus Garmisch wanderte nach Peru aus und zog einen Autoteile-Handel auf - und ein Nationalteam. Australiens Team besteht sowieso aus einer Familie: Papa Manfred Stöghofer, einst aus Amstetten in Österreich ausgewandert, stellt mit seinen Drillingen und einem weiteren Sohn die Auswahl. Und in China treibt der Präsident des jungen Stockverbands die Entwicklung voran und vertreibt gleichzeitig Kunsteisbahnen, "der legt unwahrscheinlich viel Herzblut rein", sagt Lindner, und "macht natürlich ein Geschäft draus".

Timothy Ngugi ist noch so ein Name, "Präsident" nennen sie ihn in Kenia, zumindest jene, die dem Eisstock-Sport frönen. 18 Stöcke gibt es im Land, mehr nicht, sie sind teuer, 300 Euro das Stück. Kenias WM-Reise ist knapp kalkuliert, der Eisstock-Weltverband hat Geld dazugegeben, damit die vier Spieler sich wenigstens etwas zu essen kaufen können. 1997 war er zum Studium in Leipzig, so erzählt das Ngugi, als der damalige Eisstock-Präsident auftauchte und versprach, die Ausrüstung zu stellen, wenn Ngugi sich um eine Mannschaft kümmert. Seitdem gibt es Eisstock in Kenia, und "wir lieben es", sagt Ngugi. Er glaubt an die einende Kraft des Stockschießen, "Sport for Peace", und ein wenig sieht er sich als Missionar für den Frieden und den Eisstock. Er sucht gerade Unterstützer für Flug und Hotel, um bei einer großen Sportkonferenz in Afrika dabei zu sein, er könnte dort dem ganzen Kontinent die frohe Kunde bringen vom Stocksport.

Das Finale beginnt um sechs Uhr morgens - denn ab 12 Uhr gilt das Veranstaltungsverbot

Seit 2002 ist Ngugi auf jeder WM, beim Afrika-Cup ist Kenia Seriensieger, wobei sich das Turnier meist im Duell gegen Namibia erschöpft. In Ägypten hingegen ist der Sport schon wieder Geschichte. So ist es oft: "Mit den Menschen verschwindet dann auch schnell wieder der Sport", sagt Detlef Pfeifer, Namibias Präsident.

Trotzdem scheint der Siegeszug des Eisstocksports kaum aufzuhalten zu sein, wenn man Weltverbandschef Lindner zuhört: Olympia! 2026 in Italien soll Eisstockschießen in die olympische Familie aufgenommen werden. Die Italiener, Gastgeber und Medaillenfavorit, hätten dann ein gewichtiges Wörtchen mitzureden bei den neuen Sportarten. Was soll da noch schiefgehen, glaubt Lindner.

Aber gerade quält noch die Gegenwart. Wegen des Coronavirus musste der WM-Finaltag ohne Zuschauer stattfinden. Weil das Verbot von Veranstaltungen über 100 Personen am Samstag Mittag in Kraft trat, begann das Finale schon im Dunklen um sechs Uhr morgens. "120 000 Euro Miese", das ist die Bilanz von Organisatorin Manuela Hallhuber, 41, die sich kleine Eisstöcke auf die Fingernägel gepinselt hat. Sie hat zusammen mit acht anderen Stockschützen die WM veranstaltet. Die Organisatoren haften nun mit ihrem Privatvermögen; Hallhuber hofft auf Hilfe von Verband und Politik: "Wir wollten schon in die Geschichte eingehen mit dieser WM. Aber nicht so."

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