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Eisschnelllauf:Medaille inmitten der Konfrontation

"Die Freude überwiegt": Joel Dufter, EM-Dritter.

(Foto: Vincent Jannink/AFP)

Joel Dufter gewinnt Bronze bei der Eisschnelllauf-EM - befindet sich aber zusammen mit anderen Athleten in der offenen Auseinandersetzung mit der Verbandsführung.

Von Barbara Klimke

Es war ein stiller Abend, den Joel Dufter auf dem Hotelzimmer verlebte, mit schwankenden Gefühlen zwischen Sorge und Genugtuung. Schon auf dem Heimweg vom Eisoval war klar, dass er seinen ersten großen Medaillengewinn nicht feiern würde. Zum einen, weil die Eisschnellläufer den Saisonhöhepunkt in Heerenveen in Isolation verbringen; zum anderen, weil er wegen seines Zimmernachbarn Nico Ihle, 33, beunruhigt war: Ihle war schwer gestürzt im 500-Meter-Sprint, und die Physiotherapeutin hatte Dufter, 25, ans Herz gelegt, des Nachts ein Auge auf den älteren Kollegen zu haben. So blieb Dufter, EM-Dritter im Sprint, in den vier Wänden und nahm telefonisch Glückwünsche entgegen. Ein Anruf des Präsidenten seines Verbandes DESG war nicht dabei.

"Da hat sich keiner bei mir gemeldet", erzählte er am anderen Morgen, als er Entwarnung im Falle des verletzten Kumpels Ihle geben konnte ("der ist ein tougher Junge"). Überrascht hat ihn das Ausbleiben einer direkten Reaktion von Verbandschef Matthias Große jedoch kaum.

Was sollte er erwarten nach den Verwerfungen der letzten Tage? Die Sprinter, ein Quartett um Dufter, befinden sich in offener Konfrontation mit den Verbandsoberen um Große und die Sportbeauftragte Nadine Seidenglanz, die wenige Tage vor der EM ohne Erklärung den Sprint-Bundestrainer abberiefen. Ein Affront, wie die Athleten finden, die sich ihrerseits an die Öffentlichkeit wandten. Große drohte Sanktionen an und ließ die Lage damit eskalieren. Auf die Homepage der DESG hat Seidenglanz einen "Herzlichen Glückwunsch" nach dem Medaillengewinn gesetzt - aber einen, "die eher nach Eigenlob klingt", wie Dufter findet.

Der Überraschungserfolg von Heerenveen hat ihn nicht beruhigen können, so wenig wie seine drei Mitstreiter Jeremias Marx, Hendrik Dombek und Stefan Emele. Noch immer ist kein Nachfolger für den Sprint-Bundestrainer Danny Leger benannt, der bei der Bundeswehr angestellt ist und zehn Jahre lang in Inzell auch Dufters Heimtrainer war. Alles, sagt der frühere WM-Achte Dufter, habe er seinem Coach zu verdanken; selbst nach der Ausbootung habe Leger ihm noch einen Trainingsplan für die EM geschrieben, weil Dufter ihn ausdrücklich darum bat. Sie seien auf einem guten Weg gewesen, hätten über Jahre "etwas aufgebaut", gemeinsam mit dem Team und ihrem Sportwissenschaftler neue Konzepte und Ideen entwickelt, auch für die Winterspiele 2022 in Peking. "Jetzt", sagt Dufter, "nehmen sie mir ein Jahr vor Olympia den Trainer weg und sagen einfach: Arbeite mal mit dem neuen zusammen, das funktioniert schon. Aber: Wie soll das klappen? Die Zeit wird knapp." Im kommenden Jahr, so argumentiert er, erwarte die Öffentlichkeit Leistung bei den Winterspielen, Trainerrochaden interessierten dann niemanden mehr.

Noch kennt das Team nicht einmal die Identität des neuen Sprint-Bundestrainer-Kandidaten. Die Stelle ist ausgeschrieben. Ebenso die des Leistungssportreferenten. Vakant außerdem, unter anderem: das Amt des Nachwuchs-Bundestrainers, des Bundestrainers, des Berliner Stützpunktleiters. Die große Leere will Große am 22. Januar mit Namen füllen, dann soll den Athleten auch das sportliche Konzept erläutert werden. Nur, sagt Dufter: "Dann ist die Saison natürlich schon halb vorbei."

Was ihn besonders ärgert, ist der Umstand, dass die Athleten keine Antworten auf Fragen zur sportlichen Zukunft erhalten hätten, "als seien wir dazu nicht befugt". Auch deshalb empfand er Genugtuung nach den vier Sprints am Wochenende, als er - diesmal mit dem Erfurter Trainer Andreas Behr an der Bande - auf scharfen Kufen zur Medaille flitzte. "Das war die richtige Antwort: vier solide Läufe, keine großen Fehler." Nur die beiden Niederländer Thomas Krol und Hein Otterspeer waren schneller. Das zweite 500-Meter-Rennen am Sonntag (35,23 Sekunden) verlief nicht ganz wie vorgesehen. Zuvor war Ihle gestürzt und in der letzte Kurve kopfüber in die Bande gerutscht. Die Sorge um den Kollegen lief mit in diesem Rennen. Doch über 1000 Meter, seine Lieblingsstrecke, machte Dufter in 1:08,93 Minuten den kleinen Rückstand wieder wett.

In den kommenden beiden Wochen stehen noch zwei Weltcup-Wettbewerbe an in Heerenveen. Weitere stille Tage auf dem Doppelzimmer - bis die DESG sich zur Zukunft ihrer Athleten erklärt.

© SZ/klef
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