bedeckt München 27°

Eisschwimmen:Ein Speckmantel gegen die Kälte

"Irgendwann fühlt es sich nicht mehr wie eine Hand an, sondern wie ein Klumpen": Bei der Eisschwimm-WM treffen sich Experten und bibbernde Anfänger. Ein Besuch bei den Verehrern der Kälte in Burghausen.

Von Thomas Gröbner

Eisschwimmen, Lektion eins: Kopfsprünge sind verboten, weil durch die Kälte unter Wasser Schnappatmung einsetzen würde. Zweite Lektion: Nicht am Rand schwimmen, denn das Eis holt sich den See schnell zurück und wächst hauchzart nach. Dritte Lektion: Wenn sich der Urinstinkt meldet und sagt "raus hier", kann man ihm gehorchen. Oder weiterschwimmen.

Das alles erzählt Oliver Halder, eingemummt in einer warmen, grünen Jacke, wie sie alle freiwilligen Helfer am Wöhrsee in Burghausen tragen. Acht Bahnen sind aus dem Eis geschnitten, Pumpen halten gurgelnd das Wasser des Sees in Bewegung, damit es nicht wieder zu Eis wird. Darüber erheben sich die Zinnen der Burg, der Himmel ist eisgrau. Die Kälte beißt ins Gesicht, minus vier Grad, Wassertemperatur: zwei Grad. Beste Bedingungen also.

Halder ist einer der Organisatoren dieser Eisschwimm-Weltmeisterschaft, die zusammen mit den offenen deutschen Meisterschaften an diesem Wochenende ausgetragen wird. Weltmeister und bibbernde Anfänger ziehen hier ihre Bahnen.

"Das ist ein Boom", stellt Christof Wandratsch fest, während Popmusik auf die Zuschauer einprasselt. Er ist der bekannteste Eisschwimmer Deutschlands, er wohnt in Burghausen, viele Zuschauer sind auch seinetwegen gekommen. In seiner Vita steht unter anderem: Den Ärmelkanal in knapp sieben Stunden durchquert, den Bodensee ohne Pause durchschwommen, Weltmeister im Eisschwimmen und Weltrekordhalter über 1000 Meter. In der Bugwelle der mächtigen Kraulzüge des 50-Jährigen ist hier etwas entstanden. 400 Teilnehmer sind gemeldet.

Wenn man mit Wandratsch sprechen will, dann muss man ihn verfolgen. Stehen bleibt er nur, um einen Freund zu umarmen oder einen Konkurrenten zu herzen, was meist das Gleiche ist. Oder um einen Energie-Riegel zu kauen. Gleich muss er wieder ins Wasser. Vorher aber noch ein paar Worte.

"Zack-zack" sei das gegangen. Im Januar 2016 hatten Wandratsch und sein Team den Zuschlag für die Ausrichtung der Eisschwimm-WM bekommen. Am Freitag zogen die Schwimmer dann zum Soundtrack von "Hells Bells" von der Burg herunter ein, im Scheinwerferlicht. "Man braucht gute Bilder, das muss nach was ausschauen", sagt er. Er zwängt sich in eine enge, neonfarbene Badehose. Wandratsch ist ein Athlet im Speckmantel. Wenn es sein muss, dann legt er 20 Kilo zu, gegen die Kälte. Seinen "Biopren" nennt er die schützende Schicht. Er ist einer, dem kein Wettkampf auf Dauer hart genug sein kann und der sich deshalb einen eigenen aus der Taufe gehoben hat. Dass er seinen Weltmeistertitel über 1000 Meter am Freitag nicht verteidigen konnte, ärgert ihn.

Am Rand stehen Taucher bereit, daneben warten Sanitäter. Nur einmal mussten sie am Samstag eingreifen. Ein Schwimmer hat sich, kein Witz, verbrannt - in einem der heißen Holz-Zuber, in die sich die Schwimmer nach dem Gang ins Eiswasser flüchten.

"Professionell Verrückte" nennt Oliver Halder solche Menschen wie den Franzosen, der sich eine Spielzeug-Axt auf die Badekappe montiert hat. Und meint auch Jackie Cobell, die sie die "Ice-Queen" rufen. Unter den Falten, die die Zeit gegraben haben, trägt die Britin stolz ein Tattoo, das ihre Ärmelkanal-Überquerung feiert, die als die langsamste in die Geschichtsbücher einging. 2010 wurde sie von der Strömung abgetrieben, statt 35 Kilometer schwamm sie fast hundert. "28:44" steht auf ihrer Haut. 28 Stunden, 44 Minuten.

Immer wieder scheppert durch die Lautsprecher das Kommando "take off your clothes" und "go into the water". Siebenhundertmal tauchen Schwimmer an diesem Wochenende ein, ringen um Luft, versuchen, den Schmerz auszuhalten, schwimmen los.

Zur SZ-Startseite