Claudia Pechstein:Der Machtkampf fängt wohl gerade erst an

Pechstein hat den Verband in den letzten Jahren selbst polarisiert. Nicht nur durch ihren Kampf gegen den Weltverband ISU, der sie 2009 wegen ungewöhnlicher Blutwerte - zu Unrecht, wie sie argumentiert - sperrte. Auch zum neuen Bundestrainer für den Mehrkampf, zum Niederländer Erik Bouwman, der die Kräfte durch mannschaftliche Geschlossenheit zu konzentrieren versucht, hält sie Distanz. Bouwman habe ihr mitgeteilt, dass er "keinen Bock" darauf habe, sie im Team zu trainieren, hat sie kürzlich erklärt und eine Entschuldigung gefordert.

In diesem Jahr hat sich Pechstein einem polnischen Eisschnelllauf-Team angeschlossen. Am Wochenende, als sie in Inzell bei den offenen deutschen Meisterschaften ihre beeindruckende Trophäensammlung um die Titel 38 und 39 erweiterte, gab es die nächste Debatte. Über die 3000-Meter-Distanz siegte Pechstein in 4:05,57 Minuten vor Roxanne Dufter aus Inzell und Michelle Uhrig aus Berlin. Über 5000 Meter am Samstag aber trat sie ohne nationale Konkurrentin an. Dufter und Uhrig hatten sich erst an-, dann wieder abgemeldet. Pechstein zog also einsam mit der dreimaligen Olympiasiegerin Martina Sablikova aus Tschechien über die Bahn. Sie kam mit fast zehn Sekunden Rückstand in 7:00,51 ins Ziel und wurde auch ohne Mitbewerber zur Meisterin ausgerufen - die DESG hatte vorher, in weiser Voraussicht, den entsprechenden Passus der Wettkampfordnung neu interpretiert. "Mein Ziel war es, konstant zu laufen", sagte Pechstein. Und fügte hinzu: "Dass sich keine der Konkurrentinnen auf den 5000 Metern gestellt hat, dafür kann ich nichts."

Bundestrainer Bouwman erklärte die Absenz von Uhrig und Dufter damit, dass beide schon tags zuvor die Verbandsnormen erfüllt hatten und für den Weltcup, der nächste Woche in Minsk beginnt, Kräfte sparten. Nach Harmonie aber klang das nicht. Matthias Große, der Präsidentschaftsanwärter, hat am Wochenende dann sogar die sportliche, von Teeuwen eingeleitet Neuausrichtung der DESG mit den holländischen Trainern in Frage gestellt. Die Deutsche Presse-Agentur zitiert ihn mit der Aussage: "Müssen wir fünf- oder sechsstellige Summen ausgeben für diese Trainer, wenn wir selbst in Deutschland Olympiasieger haben, die das genau so gut machen würden?" Zur Ruhe ist der Verband nach den Rücktrittsquerelen nicht gekommen. Der Machtkampf fängt wohl gerade erst an.

© SZ vom 11.11.2019
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