Eisschnelllauf-EM in Russland Oranje droht mit EM-Boykott

Ireen Wüst überlegt, ob sie an der EM in Russland teilnehmen soll.

(Foto: dpa)
  • In der Eisschnelllauf-Nation Niederlande wird kontrovers über einen Boykott der EM in Russland diskutiert.
  • Das Veranstalterland kontert mit der Aufforderung, die Holländer auszuschließen.

Wie die beste Läuferin reagiert

Die Stimmung ist angespannt, die Rufe nach einem Boykott werden immer lauter. "Vom Gefühl her ist es nicht richtig, meinen EM-Titel in Russland zu verteidigen", sagte Ireen Wüst, die erfolgreichste Eisschnellläuferin der vergangenen Jahre: "Darum schließe ich auch nichts aus." Was sich da in den Niederlanden zusammenbraut, könnte einen ersten Vorgeschmack geben auf eine neue Eiszeit, die dem Weltsport bevorsteht. Der Eisschnelllauf könnte im Januar jedenfalls einige politische Aufregung mit sich bringen. In den Niederlanden, der mit Abstand größten und wichtigsten Nation im weltweiten Eisschnelllauf, ziehen immer mehr Sportler und Trainer einen Boykott der EM in Tscheljabinsk (10. und 11. Januar) in Erwägung.

Die Antwort aus Russland

"Not amused" ist man in Russland. So forderte Andrej Wahutin, Vizepräsident des Eisschnelllauf-Verbandes RSU, vom Eislauf-Weltverband ISU den Ausschluss des niederländischen Teams. "Ich weiß nicht, wie die Entscheidung der ISU nach der Meldung der Athleten sein wird. Aber nach diesen Worten denke ich, muss über einen Ausschluss gesprochen werden", sagte Wahutin nach einem Bericht der niederländischen Website Schaatsen.nl dem russischen Internetdienst Lenta.ru.

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Wohl kaum ein Land außer der Ukraine steht Russland in der weltpolitischen Krise unversöhnlicher gegenüber als die Niederlande. Von den 298 Todesopfern, die der weltweit geächtete Abschuss des Passagierflugzeugs MH17 im Juli über der Ukraine gefordert hat, stammten 192 aus den Niederlanden. "Politisch gesehen stimmt in dem Land natürlich nicht viel", sagt Wüst, "und ich denke auch, dass viele Niederländer jemanden kennen, der von der Flugzeugkatastrophe der MH 17 betroffen ist."

Was die Hintergründe sind

Ohne niederländische Läufer wäre die EM am Ural eine Veranstaltung zweiter Klasse. Im Februar hatten die Oranje-Stars bei der Olympia-Show in Sotschi acht Gold-, sieben Silber- und acht Bronzemedaillen abgeräumt - und damit mehr Edelmetall als das komplette deutsche Olympiateam. Wüst, Doppel-Olympiasiegerin von Sotschi, hat die letzten beiden EM-Mehrkämpfe für sich entschieden. Bei den Männern ist die Oranje-Dominanz in der Königsdisziplin Mehrkampf noch viel erdrückender. 22 der letzten 26 Europameister sind Niederländer. Unumstrittenes Idol unter ihnen ist Sven Kramer, und auch der sechsmalige Europameister lehnt den EM-Austragungsort ab. Der Status quo mache für ihn eine Teilnahme "unglaublich schwierig", sagte Kramer.

Wie die Verbände sich positionieren

Boykotte gegen das sportpolitisch ungemein mächtige Russland sind für die Weltverbände und auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) ein rotes Tuch. Daran haben auch die jüngsten Enthüllungen über ein staatliche gestütztes Dopingsystem in dem Riesenreich (noch) nichts geändert. Jan Dijkema, niederländischer Vizepräsident der ISU, bediente sich ungeachtet der explosiven Stimmung in seiner Heimat eines Totschlagarguments, das Sportfürsten in aller Welt gerne benutzen, um ihre vor allem finanziell wertvollen Großveranstaltungen zu schützen. "Es ist vernünftig, Sport und Politik auseinanderzuhalten", sagte Dijkema. Er sehe "keinen einzigen Grund, die Europameisterschaft zu verlegen."

Die Kritik in den Niederlanden konnte diese Aussage allerdings nicht eindämmen. Team-Olympiasiegerin Marrit Leenstra hatte bereits bekundet, einem Russland-Start kritisch gegenüber zu stehen. Ihr Trainer Jan van Veen hat sich bereits definitiv entschlossen, keinen Fuß auf russischen Boden zu setzen. "Sport und Politik haben nichts miteinander zu tun? Mit Blick auf Russland habe ich einen anderen Eindruck", sagte der Coach, der auch Titelverteidiger Jan Blockhuijsen und Allround-Weltmeister Koen Verweij betreut. Van Veen stört sich an dem Umgang der möglicherweise verantwortlichen Russen mit der Katastrophe der MH 17 und an der "aggressiven" Rolle Russlands im Ukraine-Konflikt. Für seine Sportler hat er schon andere Betreuer gefunden. Der niederländische Eissportverband KNSB, der bis zu sechs EM-Startplätze hat, will Sportlern und Trainern die freie Wahl lassen, der EM fernzubleiben oder beizuwohnen.