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Eisschnelllauf:Einzelgänger auf Eis

EISSCHNELLLAUF Deutsche Meisterschaft Patrick BECKERT GER am 27 10 2017 während der Deutschen Me

Kam wie alle deutschen Eisschnellläufer ohne Medaille aus Pyeongchang zurück: Patrick Beckert.

(Foto: Ernst Wukits/imago)

Patrick Beckert sichert sich in Inzell seinen 16. deutschen Meistertitel - und gleitet konzentriert auf die Winterspiele zu. Sein Weg, den deutschen Verband zu verlassen, scheint sich auszuzahlen.

Kufen, Kanten, Rundenzeiten. Nur darauf konzentriert sich Patrick Beckert, wenn er durch den weißen Tunnel gleitet. Am Samstag auf der 1500-Meter-Strecke jedoch kreisten seine Gedanken nur zur Hälfte um sein eigenes Ich. Zur anderen Hälfte galten sie dem Befinden des Kontrahenten, der im direkten Duell neben ihm lief und den er schließlich ein paar Meter hinter sich ließ. "Das ist sehr schade für ihn", sagte er später im Ziel, "denn diese Strecke liegt ihm eigentlich besser als mir." Sein junger Gegner sei grippegeschwächt ins Rennen gegangen, er habe zwei Tage im Bett gelegen. Es klang aufrichtig mitfühlend. Wer wird schon gern deutscher Meister, wenn er dabei seinen kleinen Bruder schlägt?

Patrick Beckert aus Erfurt, 27, hat in Inzell in 1:47,78 Minuten seinen 16. nationalen Titel im Eisschnelllauf gewonnen. Schon am Vortag ließ er über 5000 Meter seinen Mitbewerbern keine Chance, und dass er auch am Sonntagmittag bei den 10.000 Metern als Favorit ins Rennen geht, steht außer Frage, weil er auf der Langstrecke der Weltmeisterschafts-Dritte ist. Alle Leistungsnachweise des Verbandes für den Olympiawinter hat er also erbracht, und es wurmte ihn nur, dass sich für seinen Bruder Pedro, 21, die Erwartungen nicht erfüllten. Die nationale Norm, die zur Teilnahme an den Weltcup-Rennen berechtigt, hat der Jüngere als Fünfter (1:49,88) in Inzell vorerst verpasst. Nur im Rahmen von internationalen Wettkämpfen aber kann er sich für höhere Aufgaben empfehlen. Pedro muss nun auf eine Nachrücker-Qualifikation in ein paar Wochen in Erfurt hoffen, wenn er den älteren Bruder noch zu Olympia begleiten will.

Zwei Beckerts sind gerade weltklasse - vielleicht wird es noch eine kleine Dynastie

Das war der Plan der Beckerts, die sich anschicken, im Eisschnelllauf eine kleine Dynastie zu gründen. Und die bereit sind, dafür auch den schwierigen Weg zu gehen. Schon aus Vancouver hatte Stephanie, 29, die Älteste, eine Goldmedaille im Team-Wettbewerb und zwei silberne Olympiaplaketten nach Hause gebracht; in Inzell will sie am Sonntag einen langen Anlauf über 5000 Meter nach Pyeongchang 2018 nehmen; die Jüngste der Beckert-Schwestern, Jessica, 23, hat bislang noch nicht den Sprung in den Weltcup geschafft. Patrick indes war bereits zweimal bei den Winterspielen; die letzten, 2014 in Sotschi, endeten für ihn auf den Plätzen sechs und acht. "Deshalb brauche ich niemandem zu erzählen, dass ich diesmal nur hinfahre, um teilzunehmen", erklärte er in Inzell. "Ich konzentriere mich auf die Langstrecken, weil ich glaube, dass ich da eine Chance auf eine Medaille habe. Ich will am 11. und 15. Februar in der Form meines Lebens sein." Das sind die Wettkampftage für die 5000 und 10.000 Meter.

Auf diese beiden Daten bereitet er sich seit Jahren vor. Und hatte zu diesem Zweck sogar mit dem Verband, der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft, gebrochen. Weil er nach den letzten Winterspielen, die für die DESG medaillenlos blieben, nicht mehr an die nationalen Konzepte glaubte, ging er in die Niederlande und schloss sich einem Privatteam und Trainer Gerard Kemkers an. Damit endete sowohl die Förderung durch den deutschen Verband als auch seine Anstellung in der Sportfördergruppe der Bundeswehr. "Finanziell war das nicht leicht", sagt er. Patrick Beckert blieb ein Jahr, dann kehrte er nach Erfurt zurück. Heute ist der Kanadier Gabriel Girard sein Trainer, der zuvor in Holland Assistent bei Kemkers war. "Es ging mir nie darum zu zeigen, dass mein Trainingsplan besser als der des Bundestrainer war", sagt Beckert heute. "Aber Eisschnelllauf ist eine Einzelsportart, und ich glaube, dass ein Konzept nicht immer für alle funktioniert."

"Ich brauche nicht jeden Tag einen, der mich in den Hintern tritt"

Inzwischen hat sich das Verhältnis zur DESG entspannt; seit diesem Jahr profitiert Beckert auch wieder von einem Bundeswehrplatz. DESG-Sportdirektor Robert Bartko erklärt den Umschwung so: "Wir haben damals gesagt, wir können keinen Athleten mit Bundesmitteln fördern, wenn er sich einem Profiteam anschließt und nicht mehr Teil des deutschen Sportsystems ist. Mittlerweile hat Patrick uns durch seine anhaltend guten Leistungen überzeugt." Deshalb habe der Verband keine Probleme damit gehabt, die frühere Einschätzung zu revidieren.

Noch immer muss Beckert die Kosten für seinen kanadischen Trainer selbst aufbringen - auch wenn sie im Sommer manchmal wochenlang nur per Skype und Internet kommunizieren. "Ich kann gut allein trainieren", stellte er nun in Inzell klar. "Ich brauche nicht jeden Tag einen, der mich in den Hintern tritt." Sein Trainer, Gabriel Girard, sieht es ebenso: "Er ist so vorbildlich diszipliniert, wie man sich als Betreuer nur wünschen kann." Ganz allein allerdings zieht Patrick Beckert seine Bahnen keineswegs mehr auf dem Eis. Seit einem Jahr ist Bruder Pedro mit von der Partie. Tausende von Runden sind sie schon gemeinsam übers Eis geglitten. Dass sie bei einer deutschen Meisterschaft gegeneinander laufen, war allerdings das erste Mal.