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Eisschnelllauf:Drunter und drüber

Stefanie Teeuwen

Stefanie Teeuwen

(Foto: Beate Dobbratz / dpa)

Die Präsidentin tritt zurück, und Claudia Pechstein legt sich mit dem Bundestrainer an - der deutsche Eisschnelllauf rutscht in die nächste Krise.

Von Barbara Klimke, Inzell

Die Laufzeiten und Rundengeschwindigkeiten der Athleten im Inzeller Eisoval wird sie auch an diesem Wochenende verfolgen. Stefanie Teeuwen, 50, war selbst einmal Eisschnellläuferin, und der Sport, sagt sie, liege ihr weiter am Herzen. Nur klappt sie diesmal dafür am Abend zu Hause den Laptop auf. Die weite Anfahrt nach Oberbayern, das Händeschütteln, die Gespräche, die Sitzungen hat sie sich erspart: "Das würde mir schwerfallen", sagt sie, "nach allem, was war."

Stefanie Teeuwen hat am Donnerstag ihr Amt als Präsidentin der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) niedergelegt, wenige Stunden vor Beginn der nationalen Meisterschaften. Der Zeitpunkt kam für viele überraschend, aber aus Teeuwens Sicht hat sich das Ende nach drei Jahren an der Spitze eines kleinen, krisengeplagten Wintersportverbands angebahnt. "Ich habe das mit Leidenschaft gemacht", erläutert sie am Freitag am Telefon: "Aber wenn es auf einer persönlichen Ebene zu Anfeindungen kommt, und es irgendwann die Gesundheit betrifft, dann muss man sich fragen, ob das noch das Richtige ist."

Zu den Details eines offenbar seit längerem schwelenden internen Zwists, der ihr die Weiterführung des Amtes unmöglich machte, wollte sich Teeuwen nicht öffentlich äußern; da gelte es, Schaden vom Verband abzuhalten. Aber dass sie in verschiedenen Gremien des Verbandes Rückhalt vermisste, dass es "Mitspieler gab, die nur Steine in den Weg legten", die wohl andere Ziele verfolgten, räumt sie offen ein.

Teeuwen, früher Aktivensprecherin und schon 1998 Präsidiumsmitglied im Nationalen Olympischen Komitee, galt als Verfechterin einer leistungssportlichen Orientierung des Verbandes. Auf diesem Gebiet fand auch eine grundlegende Neuausrichtung statt, nachdem die zuletzt medaillenlose DESG auf dem olympischen Eis von Pyeongchang 2018 noch mit Karacho ins Abseits geschlittert war. Ein neuer Bundestrainer, Danny Leger, hat den Kurz- und Mittelstreckenbereich übernommen und eine zehnköpfige Trainingsgruppe um Joel Dufter in Inzell zusammengestellt. Diesem Eis-Projekt hat sich im Alter von 33 Jahren sogar Nico Ihle angeschlossen, der beste deutsche Sprinter, der in den vergangenen Jahren lieber allein auf der Freiluftbahn von Chemnitz seine Kurven drehte. Auch der zweite Einzelgänger, Langstreckenspezialist Patrick Beckert aus Erfurt, lobt den "permanenten Austausch" mit dem neuen Mehrkampf-Bundestrainer, Erik Bouwman aus den Niederlanden. Falls im Spitzenkader der Kufenläufer nun tatsächlich Ruhe einkehren sollte, wie Teeuwen hoffte, so dürfte zumindest dies noch ein Verdienst der ehemaligen Präsidentin sein.

Dass Claudia Pechstein, 47, die dritte erklärte Solistin der DESG, Abstand hält zu den neuen Eisformationen, überrascht insofern nicht, als sie es auch früher vorzog, ein eigenes Team in Berlin zu etablieren. Allerdings ist ihr Verhältnis zu Bundestrainer Bouwman, 46, mehr als unterkühlt. Der neue Mann in der DESG habe ihr "mitgeteilt, dass er keinen Bock darauf hat, dass ich mittrainiere", erzählte sie kürzlich der Bild und forderte anschließend eine "fette Entschuldigung" ein. Bouwman hat in Inzell zumindest erklärt, dass er "großen Respekt" vor der fünfmaligen Olympiasiegerin habe. Aber um die gefrorene Beziehung zwischen dem DESG-Cheftrainer und der erfolgreichsten Sportlerin aufzutauen, wird wohl ein Eisbrecher vonnöten sein. Claudia Pechstein trainiert inzwischen mit dem polnischen Team.

Allerdings hat Pechstein dem Verband noch am Abend des Rücktritts von Stefanie Teeuwen einen Vorschlag unterbreitet, wie das Vakuum an der Spitze zu füllen sei. Sie brachte ihren Lebensgefährten, Matthias Große, als Kandidaten ins Spiel. Der Unternehmer aus Berlin, den der Deutsche Olympische Sportbund schon als Pechstein-Betreuer zu Winterspielen schickte und den die Läuferin mitunter als ihren "Bodyguard" bezeichnete, hat am Freitag seine Absichten der Deutschen Presse-Agentur erklärt: Er wolle den Verband "vor dem drohenden Untergang" retten.

Die beiden verbliebenen Vizepräsidenten, Schatzmeister Dieter Wallisch und der für Shorttrack zuständige Uwe Rietzke, ließen ausrichten, dass der Vorstand noch immer geschäftsfähig sei. Über weitere Schritte wird nach den Meisterschaften beraten. Bundestrainer Bouwman hält die Kandidatur des Pechstein-Lebensgefährten Große übrigens für keine gute Idee. "Das ist genau so unrealistisch", sagte er, "als würde ich meine Frau für das Präsidentenamt vorschlagen." Es bleibt frostig im Eis-Oval.

© SZ vom 09.11.2019
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