Eisschnelllauf:Die Kämpferin

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Eisschnelllauf: Blick nach vorne, am liebsten Richtung Olympia 2026: Leia Behlau hat es überwunden, nicht für die Spiele in Peking nominiert worden zu sein.

Blick nach vorne, am liebsten Richtung Olympia 2026: Leia Behlau hat es überwunden, nicht für die Spiele in Peking nominiert worden zu sein.

(Foto: imago)

Eisschnellläuferin Leia Behlau aus Inzell hatte sich 2019 noch frustriert und erschöpft von ihrem Sport abgewendet. Nun startet sie in einem internationalen Privatteam - und bei der WM in Hamar.

Von Sebastian Winter

Leia Marie Behlau stand mittendrin in der Gruppe, es war Ende Januar, etwas mehr als zwei Wochen noch bis zu den Olympischen Winterspielen in Peking. Und doch war sie nicht wirklich dabei. Aber was sollte sie machen, eine Einladung zur Verabschiedung der bayerischen Polizeisportlerinnen und -sportler von Innenminister Joachim Herrmann kann man ja schlecht ablehnen. Und so lächelte sie für die Kameras im Foyer des Ministeriums am Münchner Odeonsplatz, mit all den anderen, wie dem Biathleten Philipp Nawrath, der Snowboard-Racerin Ramona Hofmeister oder Christoph Hafer, der in Peking später Bronze im Zweier-Bob gewinnen sollte. Danach sagte Behlau: "Es hat sich nicht richtig angefühlt."

Hinter der Nominierung der 25-jährigen Eisschnellläuferin vom DEC Inzell stand zu diesem Zeitpunkt noch ein Fragezeichen, sie hatte die DOSB-Norm nicht erfüllt, allerdings hatte sie noch vage Hoffnungen auf einen Quotenplatz. Deswegen schaute sie an jenem Dienstag in München auch ständig aufs Handy. Während der Rückfahrt von München nach Inzell rief dann Nadine Seidenglanz an, die Sportdirektorin der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG), und überbrachte ihr die schlechte Nachricht: Behlau reiste nicht mit zu den Spielen nach Peking. Immerhin gab Seidenglanz ihr eine Perspektive: "Ich soll mich auf die Mehrkampf-Weltmeisterschaft in Hamar vorbereiten, die besten 24 des Weltcups nehmen daran teil." Behlau war 25. damals. Inzwischen ist klar, dass sie einen Startplatz bekommt (wie auch Claudia Pechstein). Sie kann also planen für die WM, die an diesem Wochenende in Norwegens Eisschnelllauf-Mekka stattfindet. Es ist eine gute Nachricht, endlich, nach schwierigen Jahren, die später noch zur Sprache kommen sollen.

Erstmals mit dem eisigen Untergrund so richtig in Berührung kam Behlau jedenfalls in ihrer Heimatstadt Unna, wo sie auf einem Eishockeyfeld mit umlaufender Eisschnelllaufbahn herumrutschte. Sie fand es faszinierend, wie man so schnell um die Bahn laufen kann auf Kufen, mit sieben begann sie selbst damit und trat für den Schlittschuh-Club Möhnesee an. "Klar ist das ein sehr trainingsintensiver Sport", sagt Behlau, "aber ich fand ihn total interessant. Und man konnte Pokale und Medaillen gewinnen." Auszeichnungen, Wertschätzung, eine Urkunde in den Händen: Es sind auch diese Träume, die Kinder zu diesem Sport bringen.

Als sie gerade mal 13 war, zog Behlau dann ins Sportinternat nach Erfurt, die Eisschnelllauf-Kaderschmiede, fern der Heimat und ihrer Familie. "Man wird schon schneller erwachsen", sagt sie in der Rückschau. Nach drei Jahren zog ihre Mutter zu ihr nach Erfurt und zu ihrem Bruder, der auch dorthin gewechselt war. Sie nahm an der Junioren-WM teil, später mit Claudia Pechstein an der Mehrkampf-Weltmeisterschaft in Calgary. "2014/15 war mein bestes Jahr", sagt Behlau. 2015 machte sie in Erfurt ihr Abitur, kam in die Sportfördergruppe der Bundeswehr, doch drei Jahre später verlor sie ihren Kaderstatus und ihre Stelle bei der Bundeswehr wegen zu schwacher Leistungen. Was war passiert?

"Letztlich geriet ich in eine Abwärtsspirale. Es ging physisch und mental nichts mehr."

"Unser Trainingsprogramm wurde von einem Trainer geschrieben, der nicht vor Ort war, es gab keine richtige Trainingssteuerung", sagt Behlau. Zudem habe es nach der Mehrkampf-WM mehrere Trainerwechsel in Erfurt gegeben. Sie war verunsichert, "letztlich geriet ich in eine Abwärtsspirale. Es ging physisch und mental nichts mehr". Behlau sieht auch das damalige Übertraining als einen Grund für ihre Ausgezehrtheit an. 2018 zog sie die Reißleine, wechselte zum DEC Inzell, sie wollte auch einen neuen Trainingsreiz setzen. Das Problem war aber, dass sie unter all den Sprinterinnen, die sich dort schwerpunktmäßig versammelt hatten, als Mehrkämpferin keinen Anschluss fand, die Trainingsmethodik unterschied sich auch zu sehr; die Gruppe löste sich später ohnehin auf.

Behlau war so frustriert, dass sie 2019 ihre Schlittschuhe an den Nagel hängte. Sie wollte mit ihrem Sport nichts mehr zu tun haben, forcierte ihr International-Management-Fernstudium, machte ein fünfmonatiges Pflichtpraktikum - und kaufte sich im Winter einen Skipass: "Ich wollte endlich mal Skifahren lernen. Aufgrund der Verletzungsgefahr war das vorher nicht machbar."

Sie wollte alles hinter sich lassen, auch Erfurt und Pechstein. Behlau möchte öffentlich nicht über sie sprechen.

Die Auszeit tat Behlau enorm gut, sie wirkte befreiend, auch für ihren Körper. "Ich habe mich erholt vom Übertraining", sagt sie selbst. Dann, im Frühjahr 2020, klingelte ihr Telefon. Ihr Trainer Michael Restner aus Inzell war dran - mit einer kühnen Idee: Weil er selbst für sich beim DEC keine Zukunft mehr gesehen hatte, auch wegen manchem Zwist mit den damaligen Verantwortlichen, wollte Restner ein internationales Privatteam in Inzell gründen, das durch lokale Förderer und Sponsoren aus dem Chiemgau unterstützt wird. Restner sagt, er mache alles ehrenamtlich, neben seinem Job als Abwassertechniker. Junge Athletinnen und Athleten aus Großbritannien, Portugal, Belgien, Frankreich und Deutschland schlossen sich an.

Auch Behlau sagte zu. Seither trainiert die Gruppe zwischen September und März als "GSSP Chiemgau" - die Abkürzung bedeutet: Global Speedskating Project - in der Max-Aicher-Arena in Inzell. Behlau wohnt mit einer Deutschen und einer Belgierin zusammen, abends wird gemeinsam gekocht und zwischendurch auch mal Kaffee getrunken. Seither läuft es wieder, sie fand auch auf dem Eis wieder zurück in die Spur. Im Januar 2021 qualifizierte sie sich für die Mehrkampf-Europameisterschaft in Heerenveen und belegte dort Rang 18. Im Januar 2022 wurde sie bei der EM in Heerenveen über 3000 Meter Neunte, nur zwei Ränge hinter Pechstein. Seit August 2021 ist sie zudem Teil des Spitzensport-Förderung der Bayerischen Bereitschaftspolizei, die Ausbildung beginnt im März in Ainring. Vereinsmitglied beim DEC Inzell ist Behlau ohnehin, sie genießt dadurch alle Vorteile des Stützpunkts. Inzwischen ist sie im Ergänzungskader der DESG, ihr Ziel: nach dieser Saison in den Perspektivkader aufrücken.

An die Olympischen Spiele in Peking, deren Rennen sie am Fernseher verfolgte und die für die DESG nicht wirklich erfolgreich waren, verschwendet Behlau keinen Gedanken mehr, sie blickt nach vorne: "Die Spiele 2026 in Italien sind auf jeden Fall mein großes Ziel."

Bis dahin sind noch vier Jahre Zeit, um ihre Schlittschuhe, die sie bei der für sie so zwiespältigen Verabschiedung am Odeonsplatz unter den Armen trug, richtig einzufahren. Die Gravur war schon mal olympiareif: Leia Marie stand auf der Seite in schöner Schnörkelschrift - ein Name, den man sich unbedingt merken sollte.

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