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Eisschnelllauf:Das Puzzle passt wieder

ISU World Single Distances Speed Skating Championships in Gangneung, Korea - 10 Feb 2017

Jubelgeste in Südkorea: Nico Ihle, Silbermedaillengewinner bei der WM in Gangneung.

(Foto: Heon-Kyun/EPA)

Keine Angst mehr vor Fehlstarts: Nico Ihle schaffte das Kunststück, sich nach einem Tief neu zu erfinden - WM-Silber ist seine Belohnung.

Es ist nur ein Moment, in dem Nico Ihle preisgibt, wie viel ihm die Silbermedaille über 500 Meter bei den Weltmeisterschaften im Eisschnelllauf im südkoreanischen Gangneung bedeutet. "Jemand, der das erlebt hat, was ich in den vergangenen Jahren durchmachen musste", fängt Ihle an, bevor er den Satz unterbricht. All die Bilder der vergangenen zwei Saisons - von niederschmetternden Niederlagen, von Stürzen, Disqualifikationen, von all den großen Hoffnungen und den vielen Enttäuschungen - scheinen in diesem Moment hochzukommen. "Jemand der das durchmachen musste, weiß diese WM-Medaille unheimlich zu schätzen", vollendet Ihle schließlich den Satz.

Ihle brauchte überhaupt wieder etwas, dem er vertrauen konnte

Ihle ist bereits in der Eisschnelllauf- Arena in Calgary, wo am Wochenende bereits die WM im Sprint-Vierkampf ansteht. Aber in Gedanken ist er noch in Gangneung. Dort, wo er mit 31 seine erste WM-Medaille gewann, wo er den größten Erfolg eines deutschen Sprinters in der Geschichte der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) errang. Dort, wo das kräftezehrende Rennen plötzlich so mühelos aussah: der schnelle Start, die kräftigen Schritte, gar die Kurvenführung, mit der Ihle öfter Probleme hatte. Alles schien plötzlich so einfach zu sein. Dabei war für Ihle in den vergangenen Jahren gar nichts einfach.

Ihle, eigentlich ein Athlet für die Kurzstrecken, hat einen mühsamen und langen Weg zur Weltspitze hinter sich. Seit der Saison 2005/2006 startet er in den Weltcups. Als er bei den Olympischen Spielen 2014 überraschend Vierter über 1000 Meter wurde, hoffte die DESG, dass der damals 29-Jährige sich endlich in der Weltspitze würde etablieren können. Zuerst sah es danach aus: Ihle erlief sich drei Weltcup-Podiumsplätze. Dann kam dieser Fehlstart bei der Sprint-WM 2015, der Ihle Bronze kostete - plötzlich lief nichts mehr zusammen. Ihle rannte der Konkurrenz zu Beginn der Saison 2015/2016 weit hinterher, flog in den engen Kurven mit Geschwindigkeiten von knapp 60 Stundenkilometern aus der Bahn und wurde ab und an disqualifiziert, weil er Linien übertrat, die er nicht übertreten durfte. Die Folge: der Abstieg in die zweite Liga des Weltcups. Ihle, der die Wettkämpfe immer liebte, sagte damals: "Sobald der Startschuss fällt, verkrampfe ich."

Ihle fing an zu zweifeln, sich zu hinterfragen, nach Fehlern zu suchen. Gerade im Eisschnelllauf ist das verflixt kompliziert. Die Sportart ist wie ein Puzzle, indem alle Einzelteile zusammenpassen müssen: die Schlittschuhe, die Kufen, die Technik, das Training und sogar das eigene Körpergewicht. Ihle stand vor einem Puzzle, das gar nicht mehr zusammenpasste.

Also fing er an, einzelne Teile auszutauschen und abzuändern. Er legte sich weniger Gewichte im Kraftraum auf, nahm sechs Kilogramm ab und ersetzte noch während der Saison seine alten Kufen durch neue. Gerade der letzte Schritt war ungewöhnlich. "Normalerweise verändern die Eisschnellläufer ihr Material nicht", erklärt Ihle. "Viele setzten auf das Vertraute." Ihle aber brauchte überhaupt wieder etwas, dem er vertrauen konnte.

Es dauerte eine Weile, bis das Vertrauen zurückkam, bis das Hinterfragen und die Zweifel aufhörten. Aber spätestens bei der Sprint-WM in Seoul am Ende der vergangenen Saison fühlte sich das Eisschnelllaufen schnell, besser, einfacher an. Ihle sprintete dort auf Platz vier. Dabei hatte ein großes Puzzleteil zu diesem Zeitpunkt noch gefehlt: Sein Trainingspartner und Bruder Denny kehrte nach einem Kreuzbandriss erst zu Beginn dieser Saison ins Training zurück. Zuvor hatte Ihle beinahe ein Jahr lang alleine seine Runden auf der Heimbahn in Chemnitz gedreht. "Mir hat im Training öfters mal der Ansporn gefehlt", sagt Ihle.

Mit Denny konnte ihn nichts mehr aufhalten. Alleine in dieser Saison gelangen Ihle zwei Weltcupsiege, ein zweiter Platz bei der Sprint-EM, Silber bei der WM. "Ich weiß jetzt, dass ich auf dem richtigen Weg bin", sagt Ihle. Er will jetzt nur noch nach vorne schauen und "nur noch auf das Podium laufen". Am besten jetzt am Wochenende bei der Sprint-WM oder im nächsten Jahr bei den Olympischen Spielen. Das Puzzle, das Ihle wieder mühsam zusammengebaut hat, soll schließlich noch eine Weile halten.