Süddeutsche Zeitung

Eisschnelllauf:Am Ende steht die Null

Die Misere der Deutschen kann auch Claudia Pechstein nicht verdecken - und eine Besserung ist kurzfristig nicht in Sicht. Es fehlt an Nachwuchs.

Als die Schlussfeier in den Bergen begann, war Claudia Pechstein schon in der Luft. Feierlich zu beschließen gab es wohl wenig nach ihren vier Wettkämpfen in Südkorea. Und von Olympia selbst als dem periodisch wiederkehrenden Wintersportereignis in ihrem Leben nahm sie auch nicht winkend Abschied. Sie hat beizeiten angekündigt, dass sie gewillt ist, in vier Jahren erneut ihre Bahnen übers Eisoval zu ziehen, 2022 in Peking. Somit bestand in Pyeongchang kaum Anlass zu Sentimentalitäten.

Die frühe Abreise, selbst wenn lange geplant, ließ sich auch symbolisch deuten: Claudia Pechstein, die in der vergangenen Woche 46 Jahre alt wurde, ist längst nicht fertig mit ihrem Sport. Als sie am Samstagabend nach zwei strapaziösen Massenstart-Rennen über je 16 Runden, dem Halbfinale und dem Finale, hustend und sichtlich erschöpft das letzte Mal in Gangneung vor Journalisten stand, hat sie umgehend ihre kommenden Termine aufgezählt: deutsche Meisterschaften in Erfurt am 3. und 4. März; Mehrkampf-Weltmeisterschaft am darauf folgenden Wochenende in Amsterdam; dann das Weltcup-Finale in Minsk. "Olympia hat seine eigenen Gesetze", erklärte sie: "Ich habe eine super Saison bisher, und das ist das, was überwiegt."

Die Siegerin des Massenstarts war nicht geboren, als Pechstein die erste Olympia-Medaille gewann

Das klang, als habe sie ihre Kufenjagd in Gangneung den nüchternen Bilanzierungsgrundsätzen der Leistungsanalytiker unterworfen. Aber ganz so leidenschaftslos betrachtet Claudia Pechstein das Wintersportspektakel nicht, das sie bereits zum siebten Mal erlebte und dem sie ihre größten Triumphe verdankt: fünfmal Eisschnelllauf-Gold in den Jahren 1994, 1998, 2002 und 2006, dazu vier weitere Medaillen. "Es gibt nur Olympia, in dieser Saison ist das der einzige Höhepunkt", hatte sie im Oktober verkündet. Und noch vor zwei Wochen, nach den 3000 Metern in Südkorea, äußerte sie den Wunsch, dass "ich am Ende vielleicht einen Platz auf dem Podium abbekomme". Unrealistisch waren diese Ziele nicht nach zwei Weltcup-Siegen in den Monaten zuvor, über 5000 Meter und im Massenstart. Daran gemessen blieb sie im Eis-Oval von Gangneung mit den Plätzen neun (über 3000 Meter), acht (über 5000 Meter), sechs (Teamverfolgung) und 13 (Massenstart) hinter ihren Erwartungen zurück. War sie enttäuscht? "Nein, überhaupt nicht", erklärte sie am Samstag resolut, als sie einen kleinen Hustenanfall überstanden hatte: "Ich bin stolz, dass ich mit meinem Alter die siebten Spiele absolviert habe." Außerdem, betonte sie, habe sie von allen deutschen Eisschnellläufern das umfangreichste Programm bewältigt.

Auch so etwas ist ihr wichtig. Schließlich ist sie die einzige Frau, die von sich sagen kann, dass sie die Winterspiele von Albertville, Lillehammer, Nagano, Salt Lake City, Turin, Sotschi und Pyeongchang als aktive Sportlerin erlebte. Sie hat nie verwunden, dass ihr der Eislauf-Weltverband ISU zwei Jahre ihrer Karriere nahm, als er sie wegen auffälliger Blutwerte 2009 sperrte: Vancouver 2010 entging ihr deshalb, bis heute wehrt sie sich juristisch gegen die ISU und verweist auf Gutachten der Diagnose einer angeborenen Sphärozytose. Vor dem Hintergrund eines Vierteljahrhunderts auf dem Eis ist es womöglich müßig zu fragen, warum es ihr an Kraft fehlte: Japans Siegerin im Massenstart, die 25 Jahre alte Nana Takagi, war noch nicht geboren, als Pechstein ihre erste olympische Bronzemedaille gewann, 1992 in Albertville.

Für diese Dauerleistung, Disziplin und Härte gegen sich selbst zollen ihr mittlerweile sogar die früheren Erzrivalinnen Anni Friesinger und Gunda Niemann Tribut. Und wenn der Deutsche Olympische Sportbund ihr zum Geburtstag im Deutschen Haus den roten Teppich ausrollt, einen Kuchen backen lässt und eigens zur Pressekonferenz einlädt, dann fühlt sich Pechstein geschätzt und geehrt. Medaillen sind nur das eine - die letzte olympische gewann sie vor zwölf Jahren. Es geht immer auch um öffentliche Anerkennung, weshalb es ihr beispielsweise wichtig gewesen wäre, bei der Eröffnung die Fahne zu tragen. Vor Olympia hat sie fehlende Wertschätzung beklagt und in der Tageszeitung Welt moniert, Athleten würden hierzulande manchmal "nur als Steuernummer" gesehen. Falls sie 2022 in China als fast 50-Jährige noch Schlittschuh laufen sollte, wäre ihr weit über die hiesigen Finanzämter hinaus Aufmerksamkeit gewiss.

Schlagzeilen liefert Pechstein ihrem Verband noch immer; über die Misere aber hat sie ihm nicht hinweghelfen können. Wie vor vier Jahren in Sotschi verfehlte die Deutsche Eisschnelllauf Gemeinschaft (DESG) ihre Ziele, Sportdirektor Robert Bartko bilanzierte null Medaillen: "Wir müssen uns im Nachgang positionieren und sagen, dass die Medaillenchancen, die wir uns erarbeitet haben, nicht funktioniert haben." Weil auch Sprinter Nico Ihle, 32, und Langstreckler Patrick Beckert, 28, ohne Edelmetall blieben, steht das schlechteste Abschneiden seit 54 Jahren zu Buche; Beckerts siebter Rang über 10 000 Meter war die beste Einzel-Platzierung.

Eine Besserung, das musste Bartko einräumen, sei kurzfristig nicht in Sicht. Dem Eisschnelllauf fehlt es an Nachwuchs, die neuen Konzepte sind so ausgerichtet, dass sie erst im kommenden Jahrzehnt greifen: Es werde "keinen schnellen Erfolg" geben, warnt Bartko: "Vor 2026 und 2030 ist keine wesentliche Veränderung zu erwarten." In solchen Zeiträumen rechnet nicht einmal Claudia Pechstein.

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SZ vom 26.02.2018
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