Eiskunstlauf-WM:Akrobaten auf Glatteis

Ein Jahr nach dem Olympia-Gold: Bei der Weltmeisterschaft in Japan zeigt sich, wie weit der Weg der deutschen Eiskunstläufer zurück an die Spitze ist.

Von Barbara Klimke, Saitama/München

Eis ist tückisch, und manchmal zeigt sich das Risiko für die Athleten in der Gefahrenzone schon, bevor die Musik einsetzt. Beim Einlaufen vor der Kurzkür der Paare bei der Weltmeisterschaft in Japan wurden die Franzosen Vanessa James und Morgan Ciprès in eine Karambolage verwickelt. Mehrere Duos beschleunigten gleichzeitig mit den Europameistern und Grand-Prix-Siegern auf der Fläche, als Vanessa James rückwärts, in hohem Tempo mit einem Konkurrenten zusammenkrachte. Sie rappelte sich auf, anscheinend unverletzt. Doch als kurz danach die Vorstellung begann, unterliefen dem bis dahin besten Paar des Winters zwei ungewohnte Fehler. Womöglich ist es müßig zu analysieren, ob das Einlauf-Malheur und ein verpatzter Wurf im Programm in ursächlichem Zusammenhang stehen. Aber wer jemals in einen Auffahrunfall auf Glatteis verwickelt war, der ahnt, wie danach die Beine zittern.

ISU World Figure Skating Championships - Saitama Super Arena, Saitama, Japan

Aus der Spur: die Franzosen Vanessa James und Morgan Ciprès.

(Foto: Issei Kato/Reuters)

Tags darauf sind die Franzosen nach einer weit souveräner wirkenden Kür Fünfte geworden. Zu Weltmeistern wurden zum zweiten Mal nach 2017 die Chinesen Sui Wenjing und Han Cong gekürt, die Olympiazweiten hinter Aljona Savchenko und Bruno Massot im vergangenen Jahr. Hinter Chinas kreativen Kufenkünstlern reihten sich die russischen Paare Jewgenija Tarasowa/Wladimir Morosow und Natalja Sabijako/Alexander Enbert ein.

Der Crash von James/Ciprès verdeutlicht beispielhaft, dass Paarlauf seinem Wesen nach Akrobatik auf Glatteis ist. Und dass auch die Besten in den Schlamassel schlittern können. Den deutschen Teams, beide aus Berlin, sind die Programme ebenfalls etwas aus der Spur gelaufen: Minerva-Fabienne Hase und Nolan Seegert, von Romy Oesterreich trainiert, gingen nach einem fast fehlerfreien, eleganten Kurzprogramm als Zehntplatzierte in die Kür, leisteten sich eine wacklige Hebung und verließen kopfschüttelnd das Eis. Annika Hocke und Ruben Blommaert hingegen hatten das Kurzprogramm leicht verpatzt, zeigten aber die weit stabilere Kür. Im Schlussklassement fanden sie sich auf den Rängen 13 und 14 wieder. "Es wäre besser, wenn sie nicht nur ein Programm, sondern beide fehlerfrei zeigen würden", räumte Alexander König ein, der Hocke/Blommaert betreut: "Dann würde es vielleicht mit einem Platz unter den Top Ten klappen."

Aber übereilen lässt sich nichts in diesem komplizierten Sport auf einer Spiegelfläche. Hocke und Bloemmaert waren vor Saisonbeginn in einen Unfall verwickelt, als sich ihre Schlittschuhe im Training bei einer Pirouette verhakten und die scharfe Kufe ihres Schuhs wie eine rotierende Klinge seinen Fuß aufschlitze. Anschließend lagen sie mit schweren Erkältungen flach. Sie mussten den Start in den Winter also dreimal planen, wie König sagt.

Ohnehin verweist der Trainer darauf, dass Paarlauf bis zur höchsten Reife fast unendliche Geduld erfordert: "Da geht nichts von heute auf morgen." Kaum jemand dürfte das besser einschätzen können als König, der vor Jahresfrist Savchenko/Massot auf dem Weg zum Olympiasieg und WM-Titel begleitete: Savchenko, das zur Erinnerung, war bei ihrer Goldkür in Südkorea 34 Jahre alt. Sie hat mit Massot inzwischen eine Wettkampfpause von unbestimmter Länge eingelegt. Hingegen ist Minerva-Fabienne Hase, die Partnerin von Nolan Seegert, erst 19; und die frühere Solistin Annika Hocke, 18, erlebt überhaupt erst ihre zweite Saison als Paarläuferin. Es wird wohl ein Weilchen dauern, ehe sie ihre Würfe und Hebungen mit solch stilvoller Souveränität aufs Eis zaubern wie die Chinesen Sui Wenjing/Han Cong, die bereits seit zwölf Jahren ein Team bilden. In ihren Grundelementen nämlich, sagt König, unterscheidet die weltbesten Paare wenig voneinander: "Nicht, was sie machen, ist entscheidend, sondern wie sie es machen." Die Qualität der Ausführung sei es, an der die jungen Paare arbeiten müssten.

Eiskunstlauf-WM: Bei Olympia 2018 Paarlauf-Silber, bei der WM 2019 vorne: Sui Wenjing und Partner Han Cong aus China.

Bei Olympia 2018 Paarlauf-Silber, bei der WM 2019 vorne: Sui Wenjing und Partner Han Cong aus China.

(Foto: Nicolas Datiche/AFP)

Denn in Saitama, im kalten Licht der globalen Bühne, ist nun auch zutage getreten, was vom Glanz der sechs Weltmeistertitel Aljona Savchenkos hierzulande lange überstrahlt wurde: Das Gerüst des deutschen Eiskunstlaufs ist immer noch aus Eisen, nicht aus Gold. Ein Beispiel dafür lieferte der Wettbewerb der Männer, bei dem Paul Fentz aus Berlin im Kurzprogramm Rang 28 belegte; das Kürfinale hat er damit verpasst. Dem Eiskunstlauf fehle es an Leistungsdichte, hatte Sportdirektor Udo Dönsdorf schon zu WM-Beginn analysiert: "Wir müssen uns inhaltlich und strukturell neu aufstellen, weil zu wenige Läufer durchhalten und an die Spitze kommen."

Dönsdorf erhofft sich Verbesserung durch eine Professionalisierung der Strukturen im Verband. König, der noch immer auf die versprochene Bundestrainerstelle wartet, führt aus, was man sich darunter vorzustellen hat: zum Beispiel mehr gute Trainer für die Eisläufer in den Anfangsklassen. Olympiagold wird sich in naher Zukunft kaum reproduzieren lassen. Talententwicklung braucht Zeit - wie alles in diesem Sport, in dem vieles so leicht ins Rutschen kommen kann.

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