Süddeutsche Zeitung

Eiskunstlauf:Savchenko lehrt die Todesspirale

  • Aljona Savchenko ist nach ihrer Goldkür mit Bruno Massot bei Olympia nun Trainerin.
  • Sie arbeitet mit den US-Paarläufern Alexa Scimeca Knierim und Chris Knierim, die im März bei der WM in Mailand erschreckende Fehler machten.
  • Um mit Savchenko trainieren zu können, trafen die Knierims fundamentale Entscheidungen.

Von Barbara Klimke, Oberstdorf

Falls Aljona Savchenko eines Tages auf die Idee kommen sollte, ihren märchenhaften Weg bis auf den Olymp in Buchform zu fassen, könnte es sinnvoll sein, ein Kapitel der Todesspirale zu widmen. Das Element ist Grundbestandteil jedes Paarlaufprogramms - und genau so schauerlich-faszinierend, wie es klingt: Auf einem Bein, fast liegend, wird die Läuferin im Kreis übers Eis geschleudert, vom Partner nur am ausgestreckten Arm gehalten. Aljona Savchenko beherrscht die Nummer in- und auswendig und in allen Varianten so perfekt, dass sie dabei vermutlich mit der freien Hand noch ins Publikum winken könnte. Sie hatte in ihrer Goldkür mit Bruno Massot bei Olympia weit größere Risikonummern im Programm. Und dennoch hat diese Todesspirale ihre Karriere nun letztlich in eine ganz neue Dimension gewirbelt.

Am Wochenende jedenfalls hat Aljona Savchenko, 34, in einem langen schwarzen Mantel recht ruhig in Oberstdorf an der Bande gestanden, als die US-Paarläufer Alexa Scimeca Knierim und Chris Knierim die Arena betraten. Es war Savchenkos offizielle Premiere als Trainerin. Sie ließ ihre Athleten nicht aus den Augen, wippte ein wenig mit im Takt der Musik, hielt kurz inne, als die Todesspirale an der Reihe war - und hat am Ende ihr Duo glücklich umarmt. "Für den ersten Wettkampf der Saison", lobte sie, "ist das sehr ordentlich."

Es war dieser Zuspruch, dieses aufmunternde Vertrauen, das Alexa Knierim suchte, als sie sich im März, bei der WM in Mailand, tränenüberströmt erstmals an Savchenko wandte. Sie war damals mehrmals heftig gestürzt, bei einem Wurf, aber auch, was auf diesem Niveau selten vorkommt, bei einem Pflichtelement am Boden: der Todesspirale. Ein erschrecktes Raunen ging durchs Publikum. Denn die Ehepartner Alexa und Chris Knierim, 27 und 30 Jahre alt, sind alles andere als Anfänger auf dem Eis. Nur wenige Wochen zuvor, bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang, hatten die US-Meister mit dem amerikanischen Team Mannschaftsbronze gewonnen, sie gehörten seit Jahren zur internationalen Spitze. Und dennoch mussten sie erleben, wie sie binnen kurzer Zeit den Halt auf spiegelglattem Untergrund verloren: nur Platz 15 im olympischen Paarlauf-Wettbewerb, Platz 15 nach der WM-Rutschpartie. Sie waren auf den Tiefpunkt ihrer Karriere geschlittert. In Mailand, nur Minuten vor ihrem eigenen Auftritt, spendete Aljona Savchenko der weinenden Alexa Knierim Trost und stellte Hilfe in Aussicht. Dann trat sie selbst mit Bruno Massot ins Scheinwerferlicht und lief zum letzten Mal die Goldkür, "La terre vue du ciel", mit der sie - erstmals gemeinsam - Weltmeister wurden.

Savchenko und Massot treten bei "Holiday on Ice" auf

Vielleicht war es Schicksal, so hat das Duo Knierim/Knierim nun bei der Nebelhorn Trophy in Oberstdorf gemutmaßt, dass es seinen eigenen schlimmsten Absturz just erlebte, als für die Olympiasieger im Triumph ein Lebensabschnitt endete. Savchenko/Massot steckten im März, nach WM- und Olympiagold, noch im Entscheidungsprozess über ihre Zukunft. Die Todesspiraltränen haben wohl als Katalysator gewirkt. Sechs Monate später sind die weltbesten Paarläufer unabhängig voneinander als Trainer tätig, ihre Wettkampfkarriere ist nach offizieller Lesart unterbrochen, dafür treten Savchenko und Massot den Winter über gemeinsam als Showgäste bei "Holiday on Ice" auf.

Dass die Knierims mehr als nur einen kollegialen Ratschlag wollten, war allen Beteiligten bewusst. In Mailand, sagte Alexa, hätten sie als Eisläufer vor der Existenzfrage gestanden: entweder Rücktritt - oder radikaler Schnitt. Die US-Meisterin hatte in Savchenko immer ein Vorbild gesehen, hatte "jedes Programm, jede Kufenstellung studiert". Für sein Idol verließ das Ehepaar sogar seine langjährige Trainerin Dalilah Sappenfield in Colorado, eine Familienfreundin, die auch Trauzeugin war.

Die Knierims treffen eine fundamentale Entscheidung

Schon kurz nach der WM legte Aljona Savchenko los, mit einer Energie, die die Knierims dann doch erstaunte: "Vielleicht hatten wir es uns früher in Colorado ein bisschen zu gemütlich gemacht." Per Internet tauschten sie Ideen über Musik, Kostüme, Programme aus. Im August flog Savchenko, die weiter in Oberstdorf wohnt, mit ihrem Mann, dem Künstler Liam Cross, für vier Wochen in die USA. Den Choreografen, Benoit Richaud, brachte sie gleich mit. Zum Abschluss begleitete die neue verantwortliche Trainerin ihr Paar zu den Sichtungen des US-Verbandes. Dann folgte die nächste Fundamentalentscheidung: Die Knierims packten Koffer. Sie sind nun ganz nach Oberstdorf umgesiedelt, an den Stützpunkt ihrer neuen Trainerin, vorerst bis zum Jahresende.

Zu den Grand-Prix-Wettbewerben wie Skate America werden sie vom Allgäu aus anreisen. Sie hoffen darauf, dass Aljona Savchenko ihre Kufenkunst "auf ein neues Level hebt", und die Trainerin hat sich vorgenommen, ihren Läufern genügend Zeit zu geben. Viele Automatismen, sagte sie in Oberstdorf, müssten verändert werden, um jene Präzision zu erreichen, für die Preisrichter die höchsten Punkte verleihen. "Wir gehen langsam voran, Schritt für Schritt. Für das Ziel, das wir gemeinsam haben, braucht man Zeit."

Die Olympiasieger Savchenko/Massot werden von Ende November an auch selbst wieder im Rampenlicht stehen, wenn sie auf ihre Deutschlandtournee gehen. Aber für die Betreuung ihrer Läufer hat Aljona Savchenko vorgesorgt: Der Choreograf steht mit einem Team bereit. Natürlich, so geben die Knierims zu, sei ihr Karriereschritt letztlich auch ein Eis-Roulette: "Wir sind in einem neuen Land, und wir haben eine Trainerin, die nie noch zuvor ein Paar betreute." Aber sie haben eine Trainerin, die ihnen die Todesspirale in allen Varianten locker vormachen kann.

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SZ vom 02.10.2018/tbr
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