Eiskunstlauf:Die Gunst der Sterne

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Pirouettenkönig: Paul Fentz, 29, führt auch nach dem nationalen Championat in Neuss das Ranking an. (Foto: Uwe Kraft/imago)

Paul Fentz ist der einzige deutsche Spitzenläufer - doch die Olympianorm hat er nicht geschafft. Weshalb schlägt ihn der Verband nun trotzdem für den Teamwettbewerb in Peking vor?

Von Barbara Klimke

Neulich hat Paul Fentz in Berlin beim Amt vorgesprochen. Beruf?, fragte die Sachbearbeiterin. "Eiskunstläufer", antwortete Fentz; die Dame habe dann aus behördlichem Interesse seinen Namen gegoogelt, erzählt er. Dass sich ein Antragsteller bei der Bundesagentur für Arbeit als "arbeitsloser deutscher Meister" vorstellt, kommt nicht alle Tage vor.

Genau genommen handelt es sich sogar um einen viermaligen deutschen Meister. Denn Paul Fentz, 29, vom SC Berlin, hat am vergangenen Wochenende in Neuss erneut die Konkurrenz geschlagen, die beim Championat in der Eishalle im Südpark neben ihm aus vier Mitbewerbern bestand. Dieser nationale Titelgewinn war ihm aus mehreren Gründen eine Herzensangelegenheit; zum einen, weil so gewissermaßen mit Brief und Siegel beglaubigt ist, dass er, demografisch gesehen, noch immer "der Beste von 84 Millionen" ist, wie er bemerkte, "zumindest im Eiskunstlauf".

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Den kleinen statistischen Fehler in seiner Rechnung, der darin besteht, dass hierzulande nicht die Gesamtbevölkerung auf Kufen Pirouetten dreht, nahm er schmunzelnd in Kauf. Zudem sah er den Meisterschaftsgewinn auch als eine Rechtfertigung in eigener Sache. Denn Fentz hat zum Stichtag 1. Oktober, wie er berichtete, seinen Bundeskaderstatus verloren. Sportsoldat der Bundeswehr ist er schon seit zwei Wintern nicht mehr, weshalb er sich vorsorglich um den Termin beim Arbeitsamt bemühte.

Zur deutschen Meisterschaft fuhr Fentz "auf Mamas Kosten"

Bis zum Wochenende war seine Perspektive in der Glitzerwelt des Eiskunstlaufs tatsächlich trübe. Paul Fentz mag der einzige Spitzenläufer der Deutschen Eislauf-Union (DEU) sein, der an guten Tagen wie am Sonntag in der Meisterschaftskür in der Lage ist, dem Publikum eine einwandfreie Kombination aus Vierfach-Toeloop und Dreifach-Toeloop vorzuführen; im Kurzprogramm tags zuvor war er beim Vierfach-Toeloop noch gestürzt.

Aber international haben sich die Maßstäbe in den Solodisziplinen in den vergangenen vier Jahren gewaltig verschoben - was sich besonders in der Entwicklung der Sprünge zeigt. Vierfachrotationen in der Luft bei möglichst vielen Elementen sind bei den weltbesten männlichen Läufern keine Ausnahme mehr, sondern Teil des Repertoires. Und in Russland nehmen es inzwischen sogar einige 14- bis 15-jährige Mädchen in diesem Bereich mit den Männern auf.

Bei der vergangenen Eiskunstlauf-WM im Frühjahr in Stockholm, einem Festival der Sprünge, war Fentz auf Platz 26 unter seinen Möglichkeiten geblieben und hatte die direkte Olympiaqualifikation für die Winterspiele in Peking im Februar 2022 verpasst. Eine Extrarunde durfte er noch laufen bei der Nebelhorn Trophy im September in Oberstdorf, aber auch dort verfehlte er das Ziel, den Olympiaquotenplatz im Männereinzel für die DEU zu sichern.

Auf Strümpfen schleppte er sich damals vor die Presse und berichtete von Trainingsrückstand wegen einer Dreifachverletzung (Hüfte, Schambein, Adduktoren); aber er hatte im Sommer auch schon ein sogenanntes Monitoring vergeigt. "Es war sehr ärgerlich für ihn", sagt DEU-Sportdirektorin Claudia Pfeifer, "aber wir hatten mit dem DOSB verbindliche Meilensteine für ihn festgelegt, die er alle nicht erreichte." Der Verlust des Kaderstatus war damals die Konsequenz.

Vorgeschlagen wird Fentz nun für den Ergänzungskader

Noch zu den deutschen Meisterschaften in Neuss "ging die Reise auf Mamas Kosten", wie Fentz berichtete - aber nun, fünf Tage und einen Vierfach-Toeloop später, scheinen sich die Sterne wieder zu seinen Gunsten ausgerichtet zu haben. Der Eiskunstlauf-Weltverband ISU hat der DEU am Dienstag mitgeteilt, dass Deutschland auch am Mannschaftswettbewerb der olympischen Winterspiele teilnehmen darf; im aktuellen Ranking nehmen die Athletinnen und Athleten der DEU den siebten Platz ein, die besten zehn Teams sind startberechtigt.

Um eine solche Mannschaft abzusichern, braucht die DEU allerdings nicht nur ein Paarlauf-Duo, ein Eistanz-Duo und eine Solistin, sondern auch einen Mann. "Ich kann bestätigen, dass wir Paul Fentz dem Deutschen Olympischen Sportbund zur Nominierung für den Teamwettbewerb vorschlagen werden", teilte Sportdirektorin Pfeifer am Mittwochnachmittag mit. Er soll den Reigen mit den Paarläufern Minerva Hase/Nolan Seegert, den Tänzern Katharina Müller/Tim Dieck und der sechsmaligen Meisterin Nicole Schott, die für die Einzelwettbewerbe qualifiziert sind, komplettieren.

Ohne Kaderstatus aber fliegt niemand zu Olympia, und deshalb soll Paul Fentz nun auch in den Ergänzungskader aufgenommen werden, in dem er bis zum Frühherbst war. Damit sei die Voraussetzungen geschaffen, betont Pfeifer, "dass er auch wieder eine Förderung bekommt".

Die Olympianorm von 219 Punkten hatte Paul Fentz übrigens auch am Wochenende in Neuss nicht geschafft. Aber er kam in der Saison zweimal über die 200-Punkte-Marke, er ist nach wie vor der Beste im weiten Land. Im Januar fährt er erst einmal zur EM nach Tallinn. Und wer weiß: Vielleicht werden damit auch die Amtsbesuche bei der Sachbearbeiterin wieder seltener.

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