Eiskunstlauf:Frühlingserwachen an der Côte d'Azur

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Eiskunstlauf: Die Kunst, das Schwere leicht aussehen zu lassen: Minerva Hase und Nolan Seegert auf dem Eis.

Die Kunst, das Schwere leicht aussehen zu lassen: Minerva Hase und Nolan Seegert auf dem Eis.

(Foto: Sergei Bobylev/dpa)

Die Paarläufer Minerva Hase und Nolan Seegert wollen nach der Olympia-Enttäuschung bei der WM ihr Können beweisen. Das übliche Training in Sotschi ist nach Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine allerdings eingestellt.

Von Barbara Klimke, München

Einmal noch die Paarlaufkür zum Klang von "People Help the People", ein lyrisches Stück mit weichen Bewegungen, harmonischen Schrittfolgen, dessen Tücke darin besteht, den enormen Kraftakt auf Kufen wie federleichtes Schweben aussehen zu lassen. Beim letzten Auftritt in Peking ging das gründlich schief: Nolan Seegert, von einer zehntägigen Corona-Isolation körperlich geschwächt, musste bei den Olympischen Spielen eine Hebung abbrechen; Partnerin Minerva Hase stürzte bei einem Wurf. Ein Gesamtkunstwerk zerbrach in seine Einzelteile, weil die Energie fehlte, es über vier elendig lange Minuten zusammenzuhalten. "Wir wollen beweisen, dass wir es besser können, dass das nicht unser Standard ist", sagte der verzweifelte Nolan Seegert danach. Ein letztes Mal nun also noch: "People Help the People" bei der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft in Montpellier, die an diesem Mittwoch beginnt.

Einen Monat nach der in jeder künstlerischen Hinsicht verunglückten Olympiakür, bei der sie Letzte wurden - "man kann es auch als Katastrophe bezeichnen", sagt Seegert trocken - ist das besten deutsche Paarlauf-Duo nach Südfrankreich aufgebrochen. Vom Frost und Frust der Winterspiele an die Côte d'Azur, wo Hase/Seegert nun eine Art Frühlingserwachen für sich planen.

Nach der Quarantäne in Peking galt es, Kondition neu aufzubauen

Sie haben beharrlich trainiert in den zurückliegenden vier Wochen, um die Eindrücke aus Peking zu verdrängen. Vor allem war der Konditionsrückstand aufzuholen, der aus den Umständen der Quarantäne-Zwangsmaßnahmen in China resultierte, die dem Hochleistungssportler Seegert, 29, hinter versperrter Tür in einem Minizimmer nur unzureichende Übungen ermöglichten: Sit-ups, Liegestütze, Hampelmänner. Das einzige Utensil, das ihm zur Verfügung stand, war eine kleine Gymnastikmatte. Minerva Hase, 22, galt als Covid-Kontaktperson und lief im Februar tagelang, von anderen isoliert, allein übers Pekinger Eis. Mittlerweile, so erzählte Seegert zu Wochenbeginn am Telefon, hätten sie wohl achtzig Prozent des Leistungsvermögens wiedererlangt, das ihnen im Dezember zum dritten deutschen Meistertitel verhalf.

Doch der Weg zurück zur Routine verlief für die Berliner Eiskunstläufer, die 2020 Fünfte der Europameisterschaft waren, erneut über Umwege. Seit dem Sommer waren sie regelmäßig zu ihrem Trainer Dmitri Sawin nach Sotschi gereist. Diese Vorbereitung an der Schwarzmeerküste ist wegen Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine unmöglich geworden. Seegert und Hase gehören zur Sportfördergruppe der Bundeswehr, und die Bundeswehr wies alle Soldatinnen und Soldaten an, "keine Reisen im Rahmen der dienstlichen Tätigkeit" nach Russland oder Belarus zu unternehmen, wie ein Sprecher der Streitkräftebasis bestätigt: "Da es sich bei Trainings- und Wettkampfmaßnahmen von Sportsoldatinnen und Sportsoldaten um dienstliche Tätigkeiten handelt, wurde in Abstimmung und Einvernehmen mit der Deutschen Eislauf-Union (DEU) durch die Bundeswehr angeordnet, das geplante Trainingslager nicht in Russland durchzuführen." Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine, sagt Seegert, habe dies für sie beide aber ohnehin nicht mehr zur Diskussion gestanden.

Ein paar Tage blieben sie in Berlin, dann verlegten sie das Training nach Bergamo, an das Eiszentrum in Norditalien, wo sich inzwischen auch andere Duos aus der Sotschi-Paarlaufgruppe eingefunden hatten. Trainer Sawin betreute sie aus der Ferne per Video, er durfte nun allerdings zu den Titelkämpfen nach Südfrankreich reisen.

Der deutsche Verband DEU hatte im Sommer dem Begehr der beiden Paarläufer zugestimmt, im Olympiajahr vom vertrauten Umfeld bei Trainerin Romy Oesterreich in Berlin nach Russland zu wechseln. Athleten bei der Suche nach neuen Impulsen behilflich zu sein, sagte Sportdirektorin Claudia Pfeifer damals, das müsse ein "Verband auch möglich machen können". Auch die Dortmunder Eistänzer Katharina Müller und Tim Dieck schlugen diesen Weg ein, sie holten sich in Moskau bei der früheren Weltmeisterin Angelika Krylowa den letzten Schliff - die Reisen sind nun ebenfalls eingestellt. Diese vier Eiskunstläufer sind nach Auskunft des Sprechers der Streitkräftebasis "die einzigen Angehörigen der Spitzensportförderung der Bundeswehr, die immer wieder einmal zu Trainingslagern nach Russland reisen".

Die Tänzer Müller/Dieck, die bei Olympia unglücklich mit Minimalrückstand von 0,06 Punkten das Kürfinale verpassten, sind nicht für die WM nominiert. Und weil die deutschen Meister Jennifer Janse van Rensburg, 28, und Benjamin Steffan, 26, wegen eines positiven Corona-Tests nicht anreisen dürfen, sind nun keine deutschen Tänzer auf dem Eis in Montpellier vertreten.

So wird das Virus, das die Olympiakür von Hase/Seegert nach allen Regeln der Kunst vom Traum in einen Albtraum verwandelte, auch dieses Championat prägen. Nolan Seegert hat sich wenige Tage nach der Rückkehr aus Peking in der Berliner Charité einem Gesundheitscheck unterzogen. "Alles in Ordnung", kann er berichten. Einmal, ein letztes Mal also noch ihr Programm für 2022, "People Help the People" von Birdy, mit Hebungen, Würfen, Todesspirale. Wie es danach weitergeht, sagen die beiden Eisartisten, das ist ohnehin noch nicht entschieden.

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