Eiskunstlauf:Neue Möglichkeiten ohne gedrillte Teenager

Eiskunstlauf: "Alles kann passieren:" Nicole Schott, 26, zeigt in Oberstdorf eine seltene Kombination aus Kufentanz und Konstanz.

"Alles kann passieren:" Nicole Schott, 26, zeigt in Oberstdorf eine seltene Kombination aus Kufentanz und Konstanz.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Die Sperre Russlands hat den Wettbewerb im Eiskunstlauf in allen Sparten belebt. Für Nicole Schott, die in Oberstdorf zu ihrem siebten deutschen Meistertitel tanzt, eröffnet das neue Chancen.

Von Barbara Klimke, Oberstdorf

Wer die Eishalle in Oberstdorf betritt, der wird schon nach ein paar Metern mit der Vergangenheit in Schaukästen konfrontiert: mit Bildern von Norbert Schramm auf Kufen, mit Plakaten der Tanzlegenden Torvill/Dean und des Goldpaars Savchenko/Massot, manche Bilder mehr, manche weniger vergilbt. Die Glamourzeit des Eiskunstlaufs liegt schon ein Weilchen zurück. Was nicht heißt, dass es keine Zeitzeugen gibt. Nicole Schott zum Beispiel, wohnhaft in Oberstdorf, erinnert sich gut an ihre ersten Meisterschaften, als sie gegen fünfzehn oder sogar zwanzig Konkurrentinnen antrat - nicht gegen drei Gegnerinnen wie heutzutage. Wann das war? "Will ich gar nicht so genau wissen", sagt sie und lacht: "Ich bin alt."

Nicole Schott ist 26. In Lebensbereichen, in denen ein Dreifach-Rittberger nicht zu den Berufsanforderungen gehört, ginge sie in dem Alter ohne Weiteres als junger Hüpfer durch. Im Eiskunstlauf, ihrem Metier, hat sie am Wochenende schon ihren siebten deutschen Meistertitel seit 2012 erobert. Eine derartige Kombination aus Konstanz und Kufenkunst hat im Westen kaum jemand mehr zur Schau gestellt, seit Ellen Brockhöft in den 1920er Jahren im weiten Faltenrock für den Berliner Schlittschuhclub ebenfalls siebenmal zur Meisterschaft getanzt war. Um zu den DDR-Koryphäen aufzuschließen, zu Katarina Witt (acht Titel) und Rekordmeisterin Gabriele Seyfert (zehn), müsste Nicole Schott zwar noch ein paar Jährchen anhängen - aber ausgeschlossen ist das nicht angesichts der Vitalität, die sie in diesem Winter an den Tag legt.

Am Wochenende hielt sie ihre Trainingskollegin Kristina Isaev, fünf Jahre jünger, auf Distanz, obwohl sie nicht ihr komplettes Repertoire ausschöpfte: Anders als bei den Olympischen Winterspielen im Februar sprang sie keine Dreifach-Dreifach-Kombination. Die deutsche Meisterschaft hätten sie und Trainer Michael Huth in diesem Jahr "ins Training eingebaut", sagt sie zur Erklärung, der Wettkampf stellte alos nur eine Etappe auf dem Weg zur Europameisterschaft dar, die in gut zwei Wochen in Espoo beginnt. Dort, in Finnland, rechnet sich Nicole Schott, Zehnte der Weltmeisterschaften des vergangenen Jahrs, gute Chancen aus; und dies, obwohl sie noch im Sommer lange an den Folgeerscheinungen einer Corona-Infektion laboriert hatte.

Die Berliner Paarläufer Hocke/Kunkel trainieren nun in Bergamo

"Alles kann passieren", sagt sie nun. "Jetzt kann diejenige gewinnen, die den besten Tag erwischt." Seit Februar, seit Kreml-Herrscher Putin seinen Truppen den Überfall auf die Ukraine befahl, sind Russlands Eisläufer von internationalen Wettkämpfen verbannt. Somit fehlen die Athleten jener Nation, die diese Wintersportart zuletzt in fast allen Disziplinen dominiert hatten - besonders in der Tüll-und-Toeloop-Sparte der Frauen, in der zu Höchstleistung gedrillte russische Kinder und Teenager die Älteren wegen des physischen Vorteils bei den Sprüngen deklassierten. Noch bei der EM 2022 hatten die Russinnen um die später des Dopings überführte Kamila Walijewa alle Medaillen gewonnen.

Der Russland-Bann hat im Eiskunstlauf zu einer grundlegenden Veränderung geführt, die fast mit einer tektonischen Plattenverschiebung zu vergleichen ist. Es wirkt, als sei der Wettbewerb der Nationen neu belebt.

Nicht nur Nicole Schott spürt deshalb nach einem Jahrzehnt im internationalen Geschäft, dass die einst starre Hierarchie aufbricht. Die Paarlauf-Kollegen sind ebenfalls hochmotiviert. Schon in den Herbstmonaten hat die Deutsche Eislauf Union in ihrer Paradedisziplin bemerkenswerte Ergebnisse verbucht, weil gleich drei Paare bei den Grand-Prix-Wettbewerben mit Schwung in die Medaillenränge kurvten. In Oberstdorf haben sich nun erstmals Annika Hocke, 22, und Robert Kunkel, 23, zu Meistern gekürt - sie setzten sich gegen ihre jüngeren Herausforderer Letizia Roscher, 18, und Luis Schuster, 21, aus Chemnitz durch. Paar Nummer drei, Alisa Efimova und Ruben Blommaert aus Oberstdorf, war erkrankt.

Die Frage, ob die Sanktionen gegen die Russen richtig sind, beschäftigt Annika Hocke, ohne dass sie sich auf eine Meinung festgelegt hat. Ihr Partner Robert Kunkel findet, "dass die Politik den Sport nicht beeinflussen" soll. "Aber man kann auch fragen, warum sollten die Russen bei internationalen Veranstaltungen laufen? Die Ukrainer können ja auch nicht laufen, weil deren Eishallen zerbombt sind", sagt er. Zudem erinnert er an den Dopingfall Walijewa. "Das ist eine Geschichte, an der, selbst wenn der Krieg schon vorbei wäre, noch einmal gearbeitet werden müsste."

Das Duo Hocke/Kunkel hatte im Sommer beschlossen, von Berlin nach Bergamo umzuziehen, um dort an einem privaten Eislaufzentrum mit europäischen Spitzenpaaren zu trainieren. Ein Abenteuer, das die Ambitionen wachsen lässt, auch im Hinblick auf die Europameisterschaft. "Wir wissen, dass da was möglich ist. Wir müssen in Espoo gut laufen, andernfalls gäbe es sowieso keine Medaille", erklärt Annika Hocke, die in Italien täglich auf dem Eis oder an der Ballettstange die internationale Konkurrenz vor Augen hat. Im Übrigen finden beide, "dass Paarlaufen eine tolle Sportart ist". Sie haben sich zur Aufgabe genommen, "die große Tradition des Paarlaufs in Deutschland fortzuführen", wie Hocke sagt.

Eiskunstlauf: Symmetrisch: Jennifer Janse van Rensburg und Benjamin Steffan sichern sich mit einer fantasievollen Kür den zweiten Titel.

Symmetrisch: Jennifer Janse van Rensburg und Benjamin Steffan sichern sich mit einer fantasievollen Kür den zweiten Titel.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Im Unterschied zum Paarlauf sind die Traditionslinien im Einzelwettbewerb der Männer etwas verwischt. Wer daran anknüpfen will, muss schon lange einen Vierfachsprung im Programm haben. Daran hat in Oberstdorf kein Geringerer als der frühere zweimalige Europameister Norbert Schramm, 62, erinnert, der am Wochenende unter den Zuschauern war. Der neue deutsche Meister, Nikita Starostin, 20, ein gebürtiger Russe, der für den ERVC Westfalen startet, ist davon noch ein Stück entfernt; ebenso der Berliner Kai Jagoda, 22, der nach dem Kurzprogramm in Führung gelegen hatte. Beide haben ihre Vierfach-Premiere erst für die Zukunft geplant.

Im Eistanzen wiederum zeigten Jennifer Janse van Rensburg, 29, und Benjamin Steffan, 26, die ihren Titel verteidigten, dass ein wunderbares Programm die Leute noch immer bestens unterhält. Und wer weiß, vielleicht können sie mit Elan und ihrer fantasievollen Kür "Age of Heroes" ebenfalls in neue Dimensionen gleiten. Vieles ist möglich in diesem Winter, in dem die Gewissheiten schmelzen und sich die Eisplatten verschieben.

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