Eiskunstlauf:Hier die WM, dort die Gegenveranstaltung

Lesezeit: 3 min

Eiskunstlauf: Kaori Sakamoto aus Japan kürt sich mit sieben Dreifachsprüngen zur Kufenkönigin.

Kaori Sakamoto aus Japan kürt sich mit sieben Dreifachsprüngen zur Kufenkönigin.

(Foto: SYLVAIN THOMAS/AFP)

Während ein Trio aus drei Kontinenten die Eiskunstlauf-WM in Montpellier dominiert, veranstaltet die verbannte Elite Russlands um Kamila Walijewa einfach ihren eigenen Wettbewerb.

Von Barbara Klimke

Ganz zum Schluss, die Eiskunstlaufsaison war erst seit einer Stunde offiziell beendet, erinnerte Kaori Sakamoto noch einmal kurz an die Vergangenheit. 13 Jahre war sie alt, als 2014 für lange Zeit zum letzten Mal eine japanische Fahne unters Hallendach gezogen wurde bei einem wichtigen Championat. Als Schülerin bewunderte sie damals die großen Kufenkünstlerinnen ihres Landes, Mao Asada, die dreimalige Weltmeisterin, oder Olympiasiegerin Shizuka Arakawa. Aber sie sah sie nur selten und von Ferne, höchstens einmal im Jahr bei der japanischen Meisterschaft. "Ich habe zu ihnen aufgeblickt", erzählte Sakamoto, 21, in Montpellier. Und nun, da sie selbst goldene Spuren ins Eis zeichnet, hoffe sie, ebenfalls ein Vorbild zu sein.

Nicht nur in Japan, das erstmals seit acht Jahren bei den Frauen wieder eine Titelträgerin zurück im Land begrüßen kann, setzten sich bei der Weltmeisterschaft in Frankreich die Traditionslinien fort. Auch die USA hatten seit 2016 auf eine WM-Medaillengewinnerin warten müssen, ehe die 16-jährige Alysa Liu ihre Kür zu Tschaikowskys Violinkonzert mit einem Dreifach-Axel garnierte und auf den Bronzeplatz sprang. Und die 22-jährige Loena Hendrickx hat Belgien mit dem zweiten Platz sogar ein Unikat beschert: Sie ist die erste Eis-Solistin des Landes, die eine WM-Medaille erobern konnte; nur Eislauf-Nostalgiker erinnerten an Belgiens Pendant, das Paarlauf-Gold von 1948.

Ein Trio aus drei Kontinenten winkte also zum Abschluss der "Mondiale" an der Côte d'Azur fröhlich in die Runde, und das stand dann doch im Kontrast zur WM 2021, als Eiskunstläuferinnen aus Russland geschlossen das Siegerpodest betreten hatten; eine Dominanz, die sich bei der Europameisterschaft wiederholte. Russische Athleten hatte der Weltverband ISU wegen der Militärinvasion ihres Landes in die Ukraine diesmal nicht nach Frankreich eingeladen.

Die ISU hatte dieses Fehlen auf der Homepage mit einer kleinen Anmerkung und Verweis auf Artikel 17.1 der Satzung vermerkt. Die auffälligste Folge war diese: Keine der 24 Athletinnen in Montpellier vollführte in der Kür einen Vierfachsprung, jene Höchstschwierigkeit, die zuletzt ausschließlich die minderjährigen russischen Akrobatinnen um Olympiasiegerin Anna Schtscherbakowa, 17, im Repertoire hatten. Sogar US-Sprungwunder Alysa Liu, die den Vierfach-Lutz als Kind beherrschte, als sie andere physische Voraussetzungen hatte - kleiner, dünner, leichter -, verzichtete für ihre Bronze-Kür getrost auf derlei Kapriolen.

Russlands ausgeschlossene Athletinnen treten in einer Gegenveranstaltung in Saransk an

Weil die Konzentration auf das Zählen von Rotationen fehlte, konnte sich der Blick ausnahmsweise wieder auf die zweite Komponente dieser künstlerisch-athletischen Sportart richten, die Kunst. Kaori Sakamoto zauberte sieben saubere Dreifachsprünge in ihre Kür, aber weil sie eher weit als hoch springt, weil sie den Schwung nach der Landung mitnimmt und in Tempo umsetzt, gelang ihr ein betörend fließendes, kufentechnisch brillantes Programm. Mit dieser Interpretation war sie vor einem Monat hinter den beiden 17-jährigen Russinnen Anna Schtscherbakowa und Alexandra Trussowa schon Olympia-Dritte geworden. Auch die Belgierin Hendrickx gilt weniger als phänomenale Springerin denn als Stilistin; ebenfalls Nicole Schott, 25, die sechsmalige deutsche Meisterin, die mit der höchstbewerteten Kür ihrer Karriere WM-Zehnte wurde.

Eiskunstlauf: Höchstbewertete Kür ihrer Karriere: Die Deutsche Nicole Schott wird Zehnte bei der Weltmeisterschaft in Frankreich.

Höchstbewertete Kür ihrer Karriere: Die Deutsche Nicole Schott wird Zehnte bei der Weltmeisterschaft in Frankreich.

(Foto: Juan Medina/Reuters)

In Russland, das die Wettkämpfe aus Ferne verfolgte, fiel das Urteil über die Titelkämpfe eher abschätzig aus. Ein Championat ohne die Besten, so hieß es in Eislaufforen, sei ein Muster ohne Wert. Just zum Zeitpunkt der WM organisierte Russlands Eislaufverband einen eigenen, rein russischen Wettbewerb, den Cup des Ersten Kanals, benannt nach dem nationalen Fernsehsender.

Bei dieser Gegenveranstaltung in Saransk trat am Wochenende tatsächlich die Schlittschuhelite des Landes an, angeführt von Olympiasiegerin Schtscherbakowa in der Gruppe "Rote Maschine" - und der 15-jährigen Kamila Walijewa in der Gruppe "Zeit der Ersten". Es war das erste Mal nach dem Auftritt in Peking, bei dem sie, weinend und vernichtend geschlagen, das Eis verließ, dass sich Europameisterin Walijewa wieder vor großem Publikum präsentierte. Neben dem Teamwettbewerb, bei dem sie in der Kurzkür glänzte, wurde den Zuschauern auch ein Sprung-Turnier geboten.

Über ihren Dopingfall Walijewa ist noch immer nicht entschieden

Kamila Walijewa wurde nach ihrer Rückkehr aus China von Staatspräsident Wladimir Putin wie viele andere Wintersportler mit einem Orden ausgezeichnet, außerdem nahm sie einen weiteren Orden ihrer Heimatstadt Kasan entgegen. Über ihren Dopingfall, der während der Spiele weltweit die Nachrichten bestimmte, ist noch immer nicht entschieden. Ebenso wenig liegt eine Antwort auf die Frage vor, wie das verbotene Herzmittel Trimetazidin in den Körper einer 15-Jährigen kam. Nachdem der Sportgerichtshof Cas Walijewas vorläufiger Suspendierung in Peking aufhob und ihr das olympische Solo-Debüt erlaubte, ging der Fall an die Russlands Antidopingbehörde (Rusada) zurück.

Bis zu einem Urteil kann es noch dauern: Die Weltantidopingagentur Wada teilt mit, dass die Verfahrensordnung (ISRM) ein erstinstanzliches Urteil innerhalb von sechs Monaten vorschlägt. "Das wäre am oder um den 8. August 2022 im Falle von Frau Walijewa", so die Wada. Für die zweite Untersuchung, die des Umfelds der minderjährigen Athletin, gibt es demnach keine Frist.

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