Eiskunstlauf:Die erste Medaille seit Savchenko/Massot

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Temperamentvoll: Annika Hocke und Robert Kunkel in Espoo. (Foto: Daniel Mihailescu/AFP)

Annika Hocke und Robert Kunkel werden Dritte bei den Europameisterschaften. Für die deutschen Paarläufer zahlt es sich aus, von Berlin nach Bergamo umgezogen zu sein.

Von Barbara Klimke

Es war noch Frühling, als Annika Hocke und Robert Kunkel ihre Taschen packten. Ein Probetraining in Bergamo hatten sie sich organisiert, weit weg von Berlin, wo sie nach dem Fortgang internationaler Trainingspaare keine Perspektive mehr für sich sahen. "Wir wollten nicht wirklich weg", erklärte Robert Kunkel kürzlich, denn so ein Neuanfang barg akute Glatteisgefahr für das junge Paar. Das Wagnis hat sich gelohnt: Annika Hocke und Robert Kunkel, 22 und 23 Jahre alt, sind als EM-Dritte nun in Espoo zu ihrer ersten internationalen Medaille getanzt.

So ein Auszug in die weite Welt ist inzwischen zum festen Topos in Eiskunstlauferfolgsgeschichten geworden. Auch Aljona Savchenko, aufgewachsen in der Nähe von Kiew, hatte sich einst mutterseelenallein auf den Weg in ein ihr bis dahin fremdes Land gemacht. Die Paarlauf-Olympiasiegerin von Pyeongchang ist nun weitergereist und betreute als Trainerin in Espoo ein niederländisches Duo. Seit Savchenko/Massot, 2018 auch Weltmeister, hatte bis Donnerstagabend kein deutscher Kufenkünstler eine Plakette bei einem internationalen Titelkampf für den Verband DEU gewonnen.

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Es wäre sogar ein noch hellerer silberner oder goldener Glanz möglich gewesen für Hocke/Kunkel, die nach ihrem temperamentvollen Kurzprogramm zum Abba-Musical "Mamma Mia" als Zweitplatzierte aufs Eis gingen. Dann stürzte Annika Hocke in der Kür zu den etwas elegischeren Klängen von "Without you" beim Dreifach-Salchow. Den Toeloop sprangen beide statt dreifach nur zweifach, was zur Folge hatte, dass sie von den Juroren einen Platz zurückgestuft wurden. Das zweite deutsche Paar, Alissa Jefimowa und Ruben Blommaert, das in Oberstdorf trainiert, rutschte nach einigen Fehlern vom dritten Platz auf den undankbaren vierten Rang.

Vor einem hatten Hocke/Kunkel bei der EM noch Platz 13 belegt

Ein wenig enttäuscht war Annika Hocke nach diesem Abend, denn in Finnland hatte sich die Chance geboten, womöglich eine historische Sternstunde zu nutzen. Es fehlten die drei russischen Paare, die im Jahr zuvor sämtliche Medaillen bei den europäischen Titelkämpfen unter sich aufgeteilt hatten: Wegen des Angriffskriegs auf die Ukraine sind Athleten aus dem Land des Aggressors Russland von Wettkämpfen des Weltverbandes ISU verbannt. "Ich bin etwas traurig, dass wir bei der EM nicht unser Bestes zeigen konnten, aber wir nehmen viel Gutes mit", sagte Hocke: "Wir vergessen immer, dass wir mit unseren Trainern ein ziemlich neues Team sind. Wir haben viel verändert, und es ist immer noch der Anfang." Vor einem hatten sie bei der EM Platz 13 belegt.

Wie realistisch jetzt die Gelegenheit gewesen wäre, mit perfekten Einzelsprüngen die neuen Europameister Sara Conti und Niccolo Macii aus Italien sowie die Zweitplatzierten, deren Landsleute Rebecca Ghilardi und Filippo Ambrosini, zu schlagen, weiß ohnehin niemand besser als Annika Hocke und Robert Kunkel. Denn seit dem Umzug nach Bergamo stehen sie alle dort gemeinsam auf dem Eis. Außerhalb Russlands habe sich die privat finanzierte Akademie den Ruf als wichtigstes europäisches Eiskunstlaufzentrum erworben, schwärmten Hocke/Kunkel kürzlich bei der deutschen Meisterschaft. Betreut werden die beiden vom ehemaligen Paarläufer Ondrej Hotarek, sie haben einen Athletiktrainer, Ballett- und Tanzstunden: "Für jeden dort gibt es mindestens eine vollbesetzte Stelle", erzählte Kunkel. Dankbar sind sie deshalb ihrem Verein SC Charlottenburg, der sie anfangs mit einer Spendenaktion unterstützt habe, wie auch dem Verband DEU, der nun den Bergamo-Aufenthalt fördert.

Sie werden wohl noch ein Weilchen bleiben südlich der Alpen, im gelobten Land der Eisblumen. Im März steht schon die nächste Aufgabe bei der WM in Japan an.

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