Eiskunstlauf Den Globus verzaubert

Vor der Kunst liegen Jahre harter Arbeit. Kaum jemand ist dieser Maxime je energischer gefolgt als Aljona Savchenko. Der Lohn ist die Olympiasieger-Kür, die fortan zu den großen Momenten in diesem Sport gezählt werden wird.

Von Barbara Klimke

Die Jacke wirkte ungewohnt, das Gesicht war vertraut: Im grauen Outfit der "Olympic Athletes of Russia", das runde Emblem auf der Brust, saß Robin Szolkowy vor wenigen Tagen auf einem Podest im Interviewraum der Eis-Arena dieser Winterspiele und erzählte von seinem neuen Leben. Fünfmal war er Weltmeister im Paarlauf und zweimal Olympia-Dritter mit Aljona Savchenko geworden. 2014, nach den Spielen von Sotschi, trennten sich die Wege. Szolkowy, 38, heuerte als Trainer im Ausbildungsteam der Russin Nina Moser an, nebenbei unterrichtet er Kinder in der Schweiz. Das Verhältnis zu seiner ehemaligen Partnerin ist freundschaftlich geblieben. Am Freitag hat er Aljona Savchenko und dem neuen Mann an ihrer Seite, Bruno Massot, zu dem "fantastischen Auftritt" gratuliert. "Heute", sagte er auf dem Podest sitzend, "weiß ich, was die beiden Bronzemedaillen wert sind."

Den größten Preis auf der Weltbühne des Sports hat Aljona Savchenko letztlich ohne ihn erobert. Aber sie musste für ihren Traum vom Olympiagold zunächst mit allem brechen, was hinter ihr lag. Im Nachhinein verblüfft, mit welch eiserner Entschlossenheit und Beharrlichkeit sie damals, bereits 30 Jahre alt, nach der erfolgreichen, aber komplizierten Partnerschaft mit Szolkowy in Chemnitz den Neuanfang wagte. Noch einmal nahm sie vier Jahre hartes Training in Kauf, Hunderte von harten Landungen auf spiegelglattem Eis, die in die Knochen gingen, um auf scharfen Kufen ihrem Lebensziel nachzujagen.

Sie hat letztlich nicht nur sich selbst beglückt, als sie schließlich mit Bruno Massot in Korea triumphierte. Die beiden führten der Welt auch vor, dass Eiskunstlauf die Macht hat, die Zuschauer für einen kurzen Moment, für viereinhalb Kürminuten, zu verzaubern; dass dieser Hochleistungssport in seinen schönsten Momenten eine Seele hat, wenn er die Grenze zum Tanz, zur Kunst, überwindet. "Eine große Kür", sagte der Sportdirektor der Deutschen Eislauf Union, Udo Dönsdorf, nach dem Gewinn des ersten deutschen Paarlauf-Golds seit 66 Jahren. Er hofft, dass dies der Funke war, der neues Interesse an einer hierzulande verblassten Sportart entfacht.

Die Kür ihres Lebens: Aljona Savchenko mit Partner Bruno Massot beim Gold-Lauf in Pyeongchang.

(Foto: Jung Yeon-Je/AFP)

Allerdings weiß Dönsdorf auch, welche Willenskraft dem zugrunde lag. Für Savchenko bestand der erste Schritt darin, dass sie sich aus dem Umfeld in Chemnitz löste, in dem sie elf Jahre lang unter Ingo Steuer trainiert hatte. Bei der Suche nach einer Trainer-Alternative landete Savchenko mit ihrem neuen Eis-Partner, dem fünf Jahre jüngeren Massot, schließlich im Allgäu, in einer Landschaft, deren Ruhe sie als inspirierend empfindet, und wo sie am Eislauf-Stützpunkt auf den verständnisvollen, jovialen Alexander König traf. König, ein ehemaliger Paarläufer aus Berlin, der neben der Trainer- auch über eine Mediatoren-Ausbildung verfügt, fand von Anfang an den richtigen Ton im Umgang mit Savchenko. Die stellt stets höchste Ansprüche an sich und ihr Umfeld, aber auch an den in Frankreich geborenen Massot, der in der neuen Konstellation mit einer Weltklassepartnerin zunächst ein Lernender war. König, 51, nennt sein Erwachsenen-Duo "die Kinder", und die Athleten reden ihn stets höflich mit "Herr König" an.

Patriarchalische Strukturen sucht man dennoch vergeblich in Oberstdorf. Herr König und seine Kinder sind ein Kollektiv. Entscheidungen, sagt der Trainer, würden "basisdemokratisch" getroffen, von der Wahl der Kürmusik und den Kostümen bis zu der Frage, ob Savchenko/Massot einen hochkomplizierten Dreifachwurfaxel oder doch besser den leichteren Wurf-Flip in ihre Kür einbauen. "Jeder kann bei uns sagen, was er denkt, hier gibt es keine Hierarchien", sagt König. Vor allem ist es ihm gelungen, in Savchenkos unermüdlichem Vorwärtsdrang, ihrer Ruhelosigkeit und Energie etwas anderes als nur lodernden Ehrgeiz zu erspähen. "Sie sprüht vor Ideen", sagte er nach dem Olympiasieg und lobte ihr "wahnsinniges Gerechtigkeitsempfinden, das Bodenständige, den Anstand und Respekt" sowie ihren enormen Eifer und die Pflichterfüllung: "Bei ihr kommt immer erst die Arbeit, dann alles andere." Eine bemerkenswerte Transformation will er beobachtet haben in den vier Jahren der Zusammenarbeit: "Ihre Persönlichkeit hat sich geöffnet", glaubt König: "Sie darf Mensch sein." Bisweilen erinnert ihn das an einen Flaschengeist - wenn der Korken geöffnet wird und die Kreativität aufsteigt, "der Genius".

Wie dieser Genius wirkt, zeigte sich bei der Entwicklung jener Gold-Kür zum Thema "La terre vue du ciel" ("Die Erde von oben gesehen"), die jetzt neunmal mit der Traumnote "zehn" und einer Weltrekordpunktzahl belohnt wurde. Es war Savchenko, die die Dokumentarfilmmusik entdeckte und das Team dafür begeistern konnte. Sie hat auch den britischen Choreografen Christopher Dean angeschrieben. Dean, der mit seiner Partnerin Jayne Torvill zu den Spielen von Sarajevo 1984 jenen "Bolero" ins Eis malte, der eine fast hypnotische Sogwirkung entfaltet und noch immer als Maß aller Dinge im Eistanz gilt, fühlte sich geehrt, als ihm Savchenko die Musik zusandte: "Ich habe selten eine Frau getroffen, die so viel Feuer und Willen hat", sagte er im Herbst in Oberstdorf.

Aljona Savchenko, am Tag nach ihrem Paarlauf-Olympiasieg

"Wenn man mit glücklichen Emotionen Menschen zu Tränen rührt, ist es das Schönste. Tränen können nicht alle zeigen - aber wenn doch, hat der Mensch Gefühle."

Christopher Dean lud das ganze Team nach Colorado ein, wo binnen einer Woche das neue Eis-Kunstwerk entstand. "Es war lustig", erzählte Savchenko: "Manchmal hat er uns zu einem Knoten gebogen, und wir wussten gar nicht, wie wir da wieder rauskommen sollten." Dean war ebenfalls amüsiert, als er über den Arbeitseifer des deutschen Duos berichtete: "Aljona steigert sich in die Dinge hinein. Wir mussten sie regelrecht vom Eis zerren, sonst hätte sie da übernachtet. Bruno ist da ein guter Ausgleich. Er würde eher sagen: Es müssen nicht zwölf Stunden Arbeit sein - elf reichen auch."

Es war ursprünglich geplant, dem Colorado-Besuch einen weiteren folgen zu lassen, zur Vervollkommnung des Programms. Die Reise wurde aber im Herbst wegen Terminschwierigkeiten und des enormen Arbeitspensums des Duos wieder abgeblasen. Und so ist jenes Oevre, das nun seine olympische Premiere erlebte, tatsächlich eine glückliche Teamarbeit geworden. Dort, wo Christopher Dean aufgehört hatte, machten Herr König und seine Kinder mit Martin Skotnicky weiter, dem Bundestrainer für Eistanz am Stützpunkt Oberstdorf. Skotnicky, mittlerweile 70, hat Tanzpaare wie die Geschwister Duchesnay geformt und vor dreißig Jahren auch in Oberstdorf an der Schöpfung des "Boleros" von Torvill/Dean mitgewirkt; er setzte Deans Arbeit in dessen Geiste fort. Bei den weltbesten Küren wird bis zum Schluss an Details gefeilt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich die Programme von Sarajevo 1984 und Pyeongchang 2018 nicht nur in ihrer künstlerischen Ambition entsprechen, sondern auch der Farbton der Kostüme ähnlich ist.

Skotnicky gehörte wie Cheftrainer König und Assistent Jean-François Ballester zu jener kleinen Gruppe, die nach dem fehlerhaften und nur mit Platz vier beendeten Kurzprogramm in Südkorea Kriegsrat hielt. Bei diesem Meeting trichterte Aljona Savchenko dem niedergeschlagenen Massot ein, "wie ein Tiger zu kämpfen", damit das "Goldmedaillenprogramm", wie sie es nennt, in seinem Glanz erstrahle. Auch die Wettkampfmotivation ist Teamsache.

Als Sportdirektor Dönsdorf in Südkorea die letzten vier Jahre der neuen Olympiasieger Revue passieren ließ, hat er nicht nur dem Trainer gedankt: "Herr König hat große Arbeit geleistet, weil er ein sehr motivierender Berater ist." Er bezeichnete den Umzug des Duos ins Allgäu generell als Schicksalsfügung: "Die Jahre in Oberstdorf waren für beide eine große Erfahrung und Bereicherung. Wären sie nicht von Chemnitz weggegangen, dann wäre ihnen das persönliche Glück nicht über den Weg gelaufen." Aljona Savchenko hat in Oberstdorf ihren heutigen Ehemann getroffen, den Briten Liam Cross - bei einem Pokerspiel, wie es heißt.

Die Frage ist nun, wie lange dieser kleine künstlerische Kosmos noch Bestand haben wird. Alexander König will zurückziehen nach Berlin, aus familiären Gründen, wie er sagt: "Ich habe wegen Aljona und Bruno extra noch ein Jahr in Oberstdorf angehängt." Und die Olympiasieger? Der Auftritt bei den Weltmeisterschaften im März in Mailand ist fest eingeplant, danach wollen sie sich Gedanken über die Zukunft machen. Vielleicht zaubern sie auch einfach weiter auf dem Eis. Jetzt, da sie endlich Anerkennung gefunden haben als Künstler von Weltrang auf Kufen.