Wäre. Hätte. Könnte. Dies ist eine Geschichte im Konjunktiv. Wäre 2020 nicht das Coronavirus über die Welt hereingebrochen, hätte die Eishockey-Weltmeisterschaft bereits im selben Jahr in der Schweiz stattgefunden. Und Patrick Fischer könnte heute ein Weltmeistertrainer sein.
Im Indikativ sieht die Geschichte etwas anders aus. Die WM 2020 wurde abgesagt, die Schweiz musste weitere sechs Jahre warten, bis sie das Turnier austragen darf. Und nun, da die WM endlich das Land erreicht, ist Patrick Fischer, 50, nicht mehr Trainer der Schweizer Nationalmannschaft, die an diesem Montag auf die deutsche Mannschaft trifft. Weil der Mann, der mit der Schweiz viermal im WM-Endspiel stand, einen Monat vor dem Turnier entlassen wurde. Weil er, wie er es kurz zuvor zugegeben hatte, mit einem gefälschten Impfzertifikat zu den Olympischen Spielen 2022 nach China gereist war.
Was der Höhe- und Schlusspunkt von Fischers Karriere als Nationaltrainer hätte werden können, hat sich im WM-Gastgeberland zu einem ganz realen Skandal ausgewachsen. Und zu einer Blamage für die Swiss Ice Hockey Federation (SIHF).

Eishockey ist in der Schweiz Volkssport. Die National League zählt in Europa zu den stärksten und finanzkräftigsten Ligen, die Champions Hockey League (CHL) wird von hier aus verwaltet. Ihren Geschäftssitz hat die CHL AG in Zug, einer Kleinstadt mit etwas mehr als 30 000 Einwohnern, der gleichnamige Kanton gilt als Steueroase: Die Steuersätze sind um rund 50 Prozent niedriger als im Landesdurchschnitt. Auch der EV Zug hat hier seine Heimat, der Verein, in dem Patrick Fischer sportlich groß geworden ist.
Fischers Geständnis beherrschte in der Schweiz die Schlagzeilen, nicht nur auf den Sport-, sondern auf den Titelseiten. „Vor den Olympischen Winterspielen in Peking bin ich unter Verwendung eines nicht gültigen Covid-Impfzertifikats nach China eingereist. Die Swiss Ice Hockey Federation, Swiss Olympic sowie mein Umfeld hatten davon keine Kenntnis“, sagte Fischer in einer Mitteilung des Verbandes SIHF. Er habe sich in einer „außergewöhnlichen persönlichen Notlage“ befunden, sagte Fischer, da er sich nicht impfen lassen, aber auch nicht seine Mannschaft im Stich lassen wollte. „Ich erkenne, dass ich in dieser Angelegenheit einen schweren Fehler gemacht habe. Ich stehe dafür gerade und übernehme die volle Verantwortung“, sagte Fischer.
Der Verband will Fischer zunächst nicht sanktionieren, muss sich dann aber dem öffentlichen Druck beugen
Fischer war seit zehn Jahren Schweizer Nationaltrainer. In dieser Zeit führte er die „Nati“ dreimal (2018, 2024 und 2025) ins WM-Finale. Im vergangenen Jahr wurde er als Schweizer Trainer des Jahres ausgezeichnet. Schon 2013, damals noch als Assistent von Sean Simpson, erreichte er mit dem Team das WM-Endspiel. Zum Titel reichte es bislang nicht. In diesem Jahr soll es aber so weit sein. Das erklärte Ziel der Schweizer heißt Gold. Ihr Kader ist bis auf Kevin Fiala, den noch Folgen einer Verletzung bei Olympia beschäftigen, bestens besetzt. Neben den NHL-Profis Roman Josi, Nico Hischier, Timo Meier oder Nino Niederreiter sind auch alle Leistungsträger aus der heimischen Liga an Bord, darunter Torhüter-Denkmal Leonardo Genoni, 38, oder Sven Andrighetto, der das deutsche Team 2025 beim 5:1-Sieg mit vier Treffern bedachte. Lediglich der vermeintlich unverwüstliche WM-Rekordspieler Andreas Ambühl, 42, hat nach der Silbermedaille 2025 seine große Karriere beendet.
Und auch Fischer wäre fast noch dabei gewesen. Nach seinem Geständnis, das er eher beiläufig während der Recherchen für eine WM-Doku des Schweizer Fernsehens SRF preisgegeben hatte, sah der Verband zunächst von Sanktionen ab. Verbandspräsident Urs Kessler erklärte, Fischer sei 2023 als Privatperson für sein Fehlverhalten verurteilt worden und habe die daraus resultierenden Konsequenzen vollumfänglich getragen. Der ehemalige Profi musste wegen Urkundenfälschung knapp 40 000 Franken Strafe bezahlen. „Wir als Verband haben dies zur Kenntnis genommen und finden es anerkennenswert, dass Patrick Fischer diesen Schritt an die Öffentlichkeit geht und seinen Fehler klar einräumt“, sagte SIHF-Präsident Kessler. „Für uns ist die Angelegenheit damit abgeschlossen.“ Angesichts des enormen öffentlichen Interesses war diese Position so kurz vor der WM aber nicht lange zu halten.
In ihrem Leitbild hat die SIHF ihre „Vision“ klar formuliert: „Go for Gold!“ Darin heißt es unter anderem: „Wir repräsentieren das gesamte Schweizer Eishockey mit Stolz, sorgen für ein positives Image und sind bereit, das nötige Investment für die Zukunft des Schweizer Eishockeysports zu leisten.“ Um ihr Image zu retten, entschied sich die SIHF zwei Tage später, Fischer doch vorzeitig zu entlassen. Vier Wochen vor Turnierbeginn übernahm sein bisheriger Assistent und designierter Nachfolger Jan Cadieux, 46, früher als geplant.
Damit nimmt eine ungewöhnliche Karriere eine weitere unerwartete Wendung. Nach seinem Profi-Debüt mit 17 Jahren und mehreren Meistertiteln in der Schweiz wagte Fischer nach den Olympischen Spielen 2006 mit 31 Jahren den Sprung in die NHL, zu den Phoenix Coyotes, deren Eigentümer und Trainer damals Wayne Gretzky war. Nach einer schweren Verletzung im Jahr darauf und diversen Comeback-Versuchen tritt Fischer 2009 als Spieler zurück – und begibt sich auf eine, wie er sagt, „innere Reise“ zu sich selbst in die Urwälder Mittel- und Südamerikas. Fischer lebt mit Indigenen in einfachen Holzhütten am Amazonas, reitet mit Lakota-Sioux über die Prärien South Dakotas, unterstützt Umweltprojekte. Er unterzieht sich Naturzeremonien, lässt seine Biografie schreiben – und kehrt als neuer Mensch in den Spitzensport zurück. Er wisse, hat Fischer einmal der SZ gesagt, dass er polarisiere und dass die Erwartungen an ihn, den scheinbar esoterisch angehauchten „Häuptling Hockey“, wie manche spotten, nicht höher sein könnten. „Es ist unser Traum, eines Tages Gold zu holen“, sagte Fischer. Und: „Es gibt sicher Menschen, die nicht nur Gutes über mich denken.“ Aber schlimmer wäre doch, „wenn sie uns nichts zutrauen würden“.
Fischers Goldtraum ist spektakulär geplatzt. Aber so ganz weg ist er nicht in Zürich. Sein Nachfolger Jan Cadieux sagt, er stehe regelmäßig mit ihm in Kontakt. Auch die Spieler tragen Fischer offenbar nichts nach. Nach der Entscheidung des Verbandes, ihn zu entlassen, gab es aus dem Team Stimmen, die diese Entscheidung infrage stellten, Kapitän Roman Josi forderte sogar schriftlich Fischers Reinstallation.
Dem Schweizer Selbstbewusstsein scheint die Aufregung nicht geschadet zu haben. Zum WM-Auftakt besiegte die „Nati“ in einer Neuauflage des Endspiels 2025 Titelverteidiger und Olympiasieger USA 3:1, am Samstag folgte ein 4:2 gegen Lettland. Vor dem Duell mit dem einstigen Angstgegner Deutschland an diesem Montag (20.20 Uhr, Pro Sieben und Magentasport) wurde in einigen Schweizer Medien nur über die Höhe des zu erwartenden Sieges spekuliert. Nach dem 0:2 der Deutschen gegen Lettland vom Sonntagabend umso lauter.


