Als Andres Ambühl als Letzter die Kabine betrat, herrschte verdächtige Ruhe. Bis auf die übliche Bum-bum-Musik war kaum ein Laut zu hören nach dem 10:0-Sieg, einem „Stängeli“, wie die Schweizer sagen, gegen Ungarn, der den bereits fürs Viertelfinale der Eishockey-WM qualifizierten Schweizern leicht und locker vom Schläger gegangen war. Trainer Patrick Fischer konnte es sich sogar leisten, mehrere Spieler zu schonen. Ambühl blickte wohl auch deshalb nur kurz verwundert drein, weil es gar so ruhig war, aber viel Aufhebens zu machen um ein so einseitiges Match? Nicht Ambühls Sache. Also setzte er sich auf seinen Platz und begann mit seinen Routinen nach dem Spiel, so wie er es immer gehalten hat in 25 Jahren als Eishockeyprofi.
Dann brach die Hölle los.
Auf ein verabredetes Signal hin stürmten Spieler und Betreuer auf Ambühl ein, bespritzten den Stürmer aus ihren Wasserflaschen, skandierten „Büeli, Büeli“ und tanzten wie berauschte Derwische. Nachdem das Rudel von ihm abgelassen hatte, wischte Ambühl sich die tropfnassen Haare aus der Stirn und lächelte verlegen. Kinder, nicht doch.
Andres Ambühl, 41, ist seit Montagabend der älteste Spieler, der je bei einer Eishockey-Weltmeisterschaft drei Tore in einem Spiel geschossen hat. Ein weiterer Rekord für den Bauernsohn aus Davos, der gerade seine 20. Weltmeisterschaft spielt. Unerreicht. Der Mann mit den meisten Länderspielen – seit Montag sind es 347, wobei: so genau kann das gar keiner mehr sagen – und der mit den meisten WM-Spielen (147) war er zuvor schon, 2022 überholte er den Deutschen Udo Kießling, der auf 119 Spiele kam, in dieser Kategorie.
Ambühl ist nicht mehr der Leistungsträger, der er über viele Jahre als Kapitän der „Nati“ war. „Früher war er der Schnellste, jetzt ist er immer noch so schnell wie die anderen“, sagt sein Trainer. Und das, obwohl Ambühl auf leistungssportgerechte Askese verzichtet. Wenn er Gummibären essen will, isst er Gummibären. Und das Warmlaufen, nun ja: „Er bereitet sich lieber mental vor, sitzt in der Garderobe und wartet, bis das Spiel beginnt“, hat Patrick Fischer dem Magazin Dump&Chase verraten.
Bei dieser WM gibt Ambühl den sogenannten 13. Stürmer, jenen, der einspringt, wenn die anderen mal Luft brauchen oder sich einer verletzt hat. Beim 3:0 gegen die USA verbrachte Ambühl exakt 78 Sekunden aktiv auf dem Eis. Aber das spielt keine Rolle. „Er ist ein unglaublicher Spieler, und noch viel mehr ist er ein unglaublicher Mensch“, sagt Torhüter Leonardo Genoni, 37, über den langjährigen Teamkollegen in der Nationalmannschaft und beim HC Davos. Ambühl sei auch „in der Kabine“ ein Phänomen, ergänzt in ähnlicher Richtung Stürmer Christoph Bertschy. „Ich glaube nicht, dass jemand seine Rekorde jemals brechen wird.“
Umso unglaublicher erscheint, dass Ambühl seine Karriere nach dieser WM beenden wird. Von der nationalen Bühne hat er sich bereits verabschiedet, nach mehr als 1300 Spielen in der Schweizer National League, unterbrochen von einem einjährigen Abstecher in die American Hockey League, sechs Meistertiteln und drei Erfolgen beim traditionsreichen Spengler Cup in Davos. Zweimal stand Ambühl mit der Schweiz im WM-Finale, 2013 und 2024, Nummer drei und eine Medaille wären der krönende Abschluss seiner einzigartigen Karriere. Und was sagt er selbst zu seiner Leistung? Er habe am Morgen davor noch gelacht, weil sein Teamkollege Timo Meier ihm den Hattrick prophezeit habe. Aber ja: „Wichtig ist, dass wir dieses Match seriös und ohne viel Larifari gespielt haben.“ So, Kinder, und jetzt setzt euch wieder hin und beruhigt euch. Ist doch nur Eishockey.


