Entspannt sah Marcel Noebels aus, aber nicht so, als habe er nach einer Woche Ibiza jede Körperspannung verloren. „Es ist kein schönes Gefühl, wenn man nach Hause geschickt wird“, sagte der 33-Jährige, der vor einer Woche, vor dem ersten WM-Spiel der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft in Dänemark, aus Herning hatte abreisen müssen. Sein Platz im Kader wurde gebraucht für NHL-Stürmer Tim Stützle. Noebels war aber nicht im Zorn gegangen, sondern hatte bei Bundestrainer Harold Kreis hinterlassen, dass er sich bereithalte für den Fall, dass Not am Mann sei.
Noebels war nicht nach Ibiza geflogen, sondern nach Hause, um nach einer langen DEL-Saison mit Meister Berlin „mal alles fallen zu lassen“. Nach mehr als drei Wochen ohne Spiel sei er zwar ein wenig aus dem Rhythmus. Aber „so schnell verlernt man das Geradeauslaufen nicht“. Und so packte Noebels seine Koffer sofort neu, als er aus Herning den Anruf erhielt, dass nach der Verletzung von NHL-Stürmer Lukas Reichel seine Dienste gefragt seien. Am Sonntag stand er mit der Mannschaft erstmals wieder auf dem Eis.
Es sei für ihn „eine Charaktersache“, nicht zu schmollen, und er hoffe, dass seine Entscheidung, „wieder bei den Jungs zu sein, auch noch mal ein Zeichen für die Kabine ist, dass es hier weit gehen kann“. Er habe auf jeden Fall so gepackt, „dass es bis Schweden reicht“ – in Stockholm finden Ende der Woche beide Halbfinals und am Sonntag das Endspiel statt.
Zuerst muss es die DEB-Auswahl einmal ins Viertelfinale schaffen. Am Montag (16.20 Uhr, Pro7 und Magentasport) trifft sie auf Weltmeister Tschechien, für Dienstag bahnt sich ein direktes Duell ums Viertelfinale mit Co-Gastgeber Dänemark an. „Das wird kein Zuckerschlecken“, sagte Noebels. Und empfahl dem Team, sich auf seine Werte zu besinnen: einfach spielen, geschlossen, als Team. „Wir müssen Eishockey nicht neu erfinden.“
Torhüter Grubauer trainiert mit der Mannschaft
Das einfache Spiel: manchmal gar nicht so einfach. „Wir haben wieder zu kompliziert gespielt“, sagte Stürmer Wojciech Stachowiak nach dem 3:6 gegen die USA am Samstag. „Gegen die besseren Gegner müssen wir einfacher spielen und denen das Leben schwerer machen. Das haben wir im zweiten Drittel gemacht, im ersten leider nicht.“ Das 0:3 nach 20 Minuten glich die Mannschaft noch aus – ehe eine Strafzeit sie im letzten Abschnitt wieder aus dem Tritt brachte.
Auch Verteidiger Moritz Seider fand, die Mannschaft habe zu Beginn „schläfrig gewirkt“. Beim 1:5 gegen die Schweiz zwei Tage zuvor war ihr das Mitteldrittel (0:4) völlig entglitten. „Wir haben gesehen, dass wir gegen die Topmannschaften mithalten können, dass wir Rückstände aufholen können.“ Aber, auch das räumte Seider ein: „Vielleicht wollen wir zu viel.“
Kapitän Seider, 24, und Stützle, 23, die aus Detroit und Ottawa mit dem Etikett „NHL-Superstars“ eingeflogen kamen, scheinen in jeder Szene beweisen zu wollen, warum die Erwartungen in sie so groß sind – und dass sie berechtigt sind. „Jeder will gewinnen, jeder möchte Verantwortung übernehmen“, sagt Harold Kreis. Es reiche aber, wenn jeder seine eigene Aufgabe erfülle und nicht noch die vom Nebenmann miterledigen wolle. „Wir verkaufen uns zu schlecht. Wir sind eine bessere Mannschaft“, sagt Kreis und meint: besser als jene Mannschaft, die im zweiten Drittel gegen die Schweiz 0:4 und im ersten gegen die USA 0:3 unterging. „Wenn die Leistung sich verteilt, sind wir eine sehr gute Mannschaft.“
Der Schweizer Trainer Patrick Fischer hatte nach dem Sieg gegen Deutschland davon berichtet, dass sein mit sieben NHL-Profis bestücktes Team im vergangenen Jahr auf dem Weg zu WM-Silber ein ähnliches Phänomen erlebte. „Es war fast zu viel von den NHL-Spielern. Natürlich nehmen wir das gerne mit, wenn sie schöne Tore schießen, klar.“ Aber man dürfe die Spieler aus der heimischen Liga nicht vergessen. Der Münchner Patrick Hager hatte in den Tagen zuvor schon angemerkt, man müsse den NHL-Spielern Druck von den Schultern nehmen. Wenn Seider und Stützle wüssten, dass sie von der Gruppe unterstützt werden, „dann haben wir schon ganz, ganz viel richtig gemacht“. Dafür seien die Spieler „mit ein bisschen mehr Erfahrung“ zuständig.

In diesem Sinn ist Marcel Noebels mit seiner Ruhe an der Scheibe und seiner Übersicht eine Komponente, die dem deutschen Spiel womöglich gefehlt hat. Vielleicht gelingt es ihm auch, den bislang glück- und erfolglosen Leo Pföderl, DEL-Spieler des Jahres, in die Spur zu bringen. In sechs gemeinsamen Berliner Jahren haben Noebels und Pföderl eine Art telepathisches Verständnis entwickelt: Der eine weiß, was der andere tut, bisweilen früher, als der andere selbst es weiß. „Leo hatte ein bisschen Pech am Schläger. Aber da mache ich mir bei ihm überhaupt keine Sorgen“, sagte Noebels über den gebürtigen Tölzer: „Wenn die Berliner Jungs wieder zusammenspielen, dann klappt es auch bei unserem Kollegen aus Bayern wieder.“
Auch um einen anderen Bayern müsse man sich nicht sorgen, sagte Bundestrainer Kreis. Befürchtungen, Torhüter Philipp Grubauer habe sich gegen die USA einen Bruch des Handgelenks zugezogen, bestätigten sich nicht. „Alles tipptopp“, sagte Kreis. Auch der Rosenheimer trainierte am Sonntag wieder mit der Mannschaft.


