Deutschland bei der Eishockey-WM:Momente fürs Briefmarkenalbum

Eishockey-WM: Schweiz - Deutschland

Kollektive Ekstase: Die deutsche Mannschaft feiert den entscheidenden Treffer im Penaltyschießen von Marcel Noebels.

(Foto: Roman Koksarov/dpa)

Der Erfolg des deutschen Eishockeyteams in Riga zeigt die Weiterentwicklung unter Trainer Söderholm. Nach Olympia-Silber 2018 soll nun die erste WM-Medaille seit 68 Jahren her - ausgerechnet im Duell mit Weltmeister Finnland.

Von Johannes Schnitzler

Martin "Bolly" Beck. Karl Bierschel. Karl Enzler. Dieter Niess. Kurt Sepp. Sie sind die Letzten. Markus Egen war auch dabei. Aber er ist vergangene Woche gestorben, mit 93 Jahren. Sepp, der Jüngste der noch Lebenden, ist 85, Enzler, der Älteste, jetzt 96. Wer ihre Namen spontan zuordnen kann, darf sich mit Recht Eishockey-Experte nennen. Oder hat ein gutes Langzeit-Gedächtnis.

68 Jahre ist es her, dass eine deutsche Eishockey-Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft eine Medaille gewonnen hat. 1953 war das. Die deutsche Mannschaft spielte mit Beck und Bierschel in der Abwehr, mit Enzler, Niess und Sepp im Sturm. Bruno Leinweber, der Trainer, ist seit 1989 tot. Zwischen 1930 und 1934 gewann Deutschland zweimal Silber und ein Mal Bronze. Aber das waren andere Zeiten. Die Kanadier schlugen Dänemark 1949 mal 47:0, fast ein Tor pro Spielminute, unvorstellbar heute.

Und bei der WM 1953 in Basel und in Zürich, da fehlten die meisten Nationen, allen voran die damals überragenden Teams aus Kanada und USA. Als dann auch noch die Tschechoslowaken, eine von nur vier Mannschaften, die überhaupt angetreten waren, vorzeitig wegen des Todes ihres Staatspräsidenten Klement Gottwald abreisten, da hatte Deutschland eine Medaille schon sicher. Es wurde Silber. Dabei blieb es. Bis heute.

Es ist somit nicht völlig übertrieben, wenn Toni Söderholm, der aktuelle Cheftrainer des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), sagt: "Diese Mannschaft hat ein Stück Eishockey-Geschichte geschrieben." Er meint: seine Mannschaft.

Eine Medaille hat die deutsche Mannschaft des Jahres 2021 zwar noch nicht sicher. Aber sie steht in Lettland zum ersten Mal seit 2010 wieder in einem WM-Halbfinale, dank des 3:2-Erfolgs nach Penaltyschießen am Donnerstag gegen die Schweiz. Am Samstag (17.15 Uhr) trifft sie auf Titelverteidiger Finnland, in der anderen Partie stehen sich die USA und Kanada gegenüber.

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"Diese Mannschaft hat ein Stück Eishockey-Geschichte geschrieben": Bundestrainer Toni Söderholm.

(Foto: ActionPictures/imago)

Wieder einmal spielte also die Schweiz eine zentrale Rolle in einer deutschen Erfolgskampagne: 1953 waren die Eidgenossen WM-Gastgeber; 2010 beim Turnier in Deutschland, das mit einem Spiel vor mehr als 77 000 Zuschauern in der Fußball-Arena von Gelsenkirchen begann und für das DEB-Team auf Platz vier endete, sowie 2018 auf dem Weg zu Olympia-Silber waren sie Gegner auf dem Eis.

2010 hieß der Torschütze beim 1:0-Erfolg Philip Gogulla, in Pyeongchang trafen Leo Pföderl und Yannic Seidenberg zum 2:1 nach Verlängerung (dazwischen gab es ein 0:1 bei der WM 2015 in Prag, aber daran wollte sich am Donnerstag verständlicherweise niemand erinnern). Diesmal vollendete der Berliner Marcel Noebels, zuletzt zwei Mal nacheinander Spieler des Jahres in der Deutschen Eishockey Liga. Und die Art, wie er das tat, bündelte den Willen und das neue Selbstbewusstsein der deutschen Spieler in einem, nun ja, historischen Augenblick.

Noebels, 29, Stürmer beim deutschen Meister Berlin und Topscorer der Deutschen bei diesem Turnier, verlud Leonardo Genoni und schob den Puck mit einer Hand - der rechten - am Schweizer Keeper vorbei ins Netz; ausgerechnet Noebels, um dessen Einsatz die Deutschen zwei Tage lang gebangt hatten, weil er sich im letzten Gruppenspiel, dem nicht minder Nerven zerrenden 2:1 gegen Gastgeber Lettland, an der linken Hand verletzt hatte. Erst 44 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit hatte Verteidiger Leon Gawanke zum 2:2 ausgeglichen, Tom Kühnhackl (38.) den Puck zuvor zum Anschlusstreffer über die Linie malocht.

Nun lief Noebels an und entschied sich für einen Penalty, der wie ein "Panenka"-Elfmeter im Fußball verdammt lässig aussieht und den Schützen zur coolsten Socke im Stadion macht - wenn er denn klappt. Wenn nicht, sieht der Schütze aus wieder der letzte Depp auf dem Planeten. Ihm sei das Herz in die Hose gerutscht, bekannte Noebels hinterher, und er sei froh, nicht so früh gewusst zu haben, dass er zu den Schützen gehörte. Als er dann anlief, habe er einfach "den Kopf ausgeschaltet". Als er ihn wieder einschaltete, flogen ihm die Kollegen um den Hals.

Marcel Noebels 92 of Germany scores 2-3 in the penalty trick against Leonardo Genoni 63 of Switzerland SWITZERLAND - GER

Eiskunst: Marcel Noebels verlädt den Schweizer Schlussmannn Leonardo Genoni.

(Foto: ActionPictures/imago)

Toni Söderholm sagte, Noebels' Penalty sei einer jener Treffer "von denen man eigentlich Briefmarken produziert", Kühnhackl schwärmte von einem "unglaublichen Move". Bei aller Ekstase aber richteten sie ihren Blick schnell nach vorn auf den Samstag, denn: "Wir sind noch nicht fertig", wie Kapitän Moritz Müller sagte.

Müller, 34, war vor drei Jahren schon beim bislang größten deutschen Eishockey-Erfolg in Pyeongchang dabei, neben ihm standen am Donnerstag fünf weitere Olympia-Helden von 2018 auf dem Eis. Spätestens seit damals, noch unter Söderholms Amtsvorgänger Marco Sturm, haben die deutschen Spieler ein neues Selbstverständnis entwickelt.

Es lautet: Wir können Medaillen holen. Söderholm bestärkt sie darin. Er beklagt nicht, dass ihm vor dem Turnier zahlreiche Stammspieler aus unterschiedlichen Gründen abgesagt haben, sondern zollt jenen seinen Respekt und seine Aufmerksamkeit, die dabei sind. "Ich hoffe, das gibt dem deutschen Eishockey wieder einen Push und zeigt, wie gut die Spieler sich entwickelt haben", sagte der 43-Jährige.

"Es bestätigt, was für uns möglich ist." Söderholms Amtskollege Patrick Fischer, der mit den Schweizern 2013 (als Co-Trainer) und 2018 (als Chefcoach) das WM-Finale erreicht und für das schon etwas weiter ausgeprägte Schweizer Selbstbewusstsein den Begriff "Swissness" geprägt hat, wirkte am Donnerstag überrascht, wie gut sich diese Deutschen zuletzt entwickelt haben. Nach Noebels' Treffer entfuhr ihm ein kurzer Fluch, familienfreundlich übersetzt in etwa: Holla, die sind besser als gedacht.

"Wenn man Weltmeister werden will, muss man jeden schlagen", sagt Kapitän Müller. Und grinst

Söderholm sagte: "Es freut mich, dass die Spieler jetzt zeigen, wie gut sie sind. Die Jungs sind sehr, sehr gute Vorbilder." Kapitän Müller entwischten vor den Kameras des Weltverbands gar ein paar Tränen: "Fürs deutsche Eishockey ist das enorm wichtig, weil es den Olympia-Erfolg noch mal verstärkt", sagte der Kölner. Wer so viel Leidenschaft investiere, der habe den Erfolg auch verdient.

Mit "Mission Gold" wie vor drei Jahren in Pyeongchang sei die teaminterne Chat-Gruppe diesmal nicht überschrieben. Aber wie damals haben sie ehrgeizige Ziele: "Wenn man Weltmeister werden will, muss man jeden schlagen", sagte Müller. Er grinste dabei. Aber warum sollten sie nicht auch Finnland bezwingen?

In der Gruppenphase unterlagen sie dem Team von Jukka Jalonen zwar 1:2, vor zwei Jahren aber war es die Mannschaft des Finnen Söderholm, die dem späteren Weltmeister die einzige Niederlage in der regulären Spielzeit beibrachte. "Wir wissen, wie gut wir sind", sagte Dominik Kahun, NHL-Profi von den Edmonton Oilers, der ebenfalls einen Penalty versenkt hatte. "Ich denke, wir haben eine ziemlich gute Chance." Und er meinte nicht: auf das Spiel um Platz drei. Die Post sollte schon mal ihre Briefmarken-Pressen ölen.

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