Süddeutsche Zeitung

Eishockey:Wie Eishockey in Deutschland ums Überleben kämpft

Lesezeit: 9 min

Reportage von Sebastian Fischer, Hamburg/Straubing

Die Erinnerungen an seine Liebe hat er weggesperrt. Frederik Gutzeit hat alles in eine Kiste auf dem Dachboden gepackt: vier Trikots von den Hamburg Freezers, sieben Schals, sechs Jahreskarten, Autogramme, eine Fahne, Pucks, Fotos. Er hat die Kiste mit Tape umwickelt, in eine Ecke gestellt und nicht mehr angerührt.

Gutzeit, 34, ist Informatiker, ein Mann wie ein Schrank, dichter Bart, die Zunge mit einem Stachel gepierct, nicht unbedingt einer, der in seiner Freizeit Liebesgedichte schreibt. Doch wenn er von dieser Kiste auf seinem Dachboden spricht, dann atmet er lange aus und pult mit einem Zeigefinger im Auge. Dann sagt er, dass er die Trennung noch nicht richtig verarbeitet habe. Es tut noch immer weh.

Es ist nun, da die Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) auf ihr Finale zusteuert, gut elf Monate her, dass die Hamburg Freezers ihre Lizenz aufgaben. Gutzeit wollte damals erst nicht glauben, dass ihm drohen sollte, wovor sich insgeheim jeder Eishockey-Fan jeden Sommer fürchtet: die Pleite seines Lieblingsklubs.

Die Gerüchte hatte es in Hamburg schon seit Jahren gegeben. Der Bilanzverlust für den amerikanischen Milliardär und Investor Philip Anschutz betrug am Ende angeblich mehr als 54 Millionen Euro. Obwohl die Zuschauerzahlen mit die besten in Deutschland waren und die Freezers um die Meisterschaft spielten, musste die Anschutz Entertainment Group jährlich ein Minus von etwa zweieinhalb Millionen Euro ausgleichen. Es wurde Anschutz zu viel. Er machte Schluss, per E-Mail.

Gutzeit hat um die Zukunft der Freezers gekämpft. Er wollte das Ende nicht einfach hinnehmen, seinen Platz nicht aufgeben im Block U 13, Reihe 4, Sitz 5. Er hat im Netz ein Crowdfunding gestartet, gut 500 000 Euro haben sie in zwei Wochen gesammelt, um den Investor umzustimmen. Doch dann stand Gutzeit nachts zwischen Hunderten Fans vor der Geschäftsstelle, und der Geschäftsführer verkündete das Aus. Gutzeits Frau weinte. Und er hatte gelernt, wie es läuft im Eishockey.

Sport ist große Show, und große Show bedeutet großes Geld. Das gilt in Deutschland für den Profifußball. Doch für den Rest ist die Show oft unbezahlbar.

"Es kann nicht erwartet werden, dass die Mäzene uferlos investieren"

Ein paar Monate vor den Hamburg Freezers scheiterten 2016 auch die Handballer des HSV Hamburg bei der Suche nach einem rettenden Geldgeber. Die Basketball-Bundesliga entzog in dieser Saison dem Klub Phoenix Hagen wegen Zahlungsunfähigkeit die Lizenz. Im Eishockey sind seit Gründung der Liga 1994 schon 18 Klubs verschwunden.

Eishockey hat in Deutschland eine stolze Tradition, es ist der Sport des legendären Landshuters Erich Kühnhackl, der mit der Nationalmannschaft 1976 Olympia-Bronze gewann. Es ist die Leidenschaft sehr vieler Menschen, 20 Millionen interessiert das Spiel, sagen Marktforscher. Aber Eishockey ist ein Verlustgeschäft, das ist ein offenes Geheimnis. Das Problem wird nicht gern thematisiert, gerade jetzt, auf dem Höhepunkt der Saison, in den Playoffs. An diesem Wochenende beginnt das Halbfinale, das Niveau ist hoch, die Trainer sprechen von "Werbung für das Eishockey". Auch weil im Mai die Stadt Köln mit Paris die Weltmeisterschaft ausrichtet.

Auf Plakaten wirbt der Deutsche Eishockey-Bund mit Asterix und Obelix auf Kufen, Tennisspielerin Angelique Kerber ist offizielle Botschafterin. Fans und potenzielle Sponsoren sollen an spektakulären Sport denken, nicht an Pleiten.

Wer über das Risiko spricht, muss mutig sein. Gabriele Sennebogen findet, sie ist vor allem ehrlich. In das Büro der Geschäftsführerin der Tigers in Straubing, am kleinsten DEL-Standort, scheint kein Tageslicht. Sennebogen sieht aus wie die niederbayerische Version der Schauspielerin Jamie Lee Curtis, mit schwarzer Rundbrille und Halstuch. Sie teilt sich ein kleines Zimmer mit dem Sportdirektor. Hinter ihr, vor dem einzigen Fenster, sind die Jalousien heruntergezogen. Fans könnten sonst reinschauen und ihre Mails lesen.

In Straubing, knapp hundert Kilometer vor der tschechischen Grenze, leben 50 000 Menschen. Es gibt keinen bedeutenden Fußballverein. Glaubt man Sennebogen, dann sprechen 50 000 Menschen an drei Tagen der Woche über Eishockey. Und der Verein lebt davon. Es gibt 22 Gesellschafter, drei Hauptgesellschafter um die Maschinenbaufirma von Sennebogens Mann, zahlreiche kleine Sponsoren. Und es gibt die Vorgabe, keine Schulden zu machen. Das sei das Besondere an Straubing im Vergleich zur Konkurrenz, sagt sie. Nach dem Treffen der DEL-Gesellschafter im vergangenen Herbst hat Sennebogen ein wütendes Interview in der Lokalzeitung gegeben. Sie zitierte aus dem internen Vortrag der DEL-Wirtschaftsprüfer. Die hätten "eindringlich gebeten, diesen Wahnsinn zu stoppen". Wie immer.

In der Saison 2015/2016, sagt sie, hätten die 14 DEL-Klubs gemeinsam einen Betriebsverlust von 15 Millionen Euro erwirtschaftet. Diesmal wird es kaum anders aussehen, wenn die Klubs im Mai ihre Lizenzunterlagen einreichen. Bereits im Oktober sei ein Minus von sieben Millionen Euro abzusehen gewesen, sagt Sennebogen. Danach haben die Klubs noch zahlreiche Spieler verpflichtet. Dem Bundesanzeiger zufolge verbucht die Mehrzahl der Klubs jährlich Fehlbeträge, viele häufen Verbindlichkeiten in Millionenhöhe an. Sennebogen befürchtet, dass die DEL so ein Alleinstellungsmerkmal verliert: Noch können auf dem Eis die kleinen Teams auch mal die großen schlagen. Sennebogen macht sich Sorgen um die Zukunft der Liga.

Straubing liegt mit gut fünf Millionen Euro in der Etat-Rangliste im hinteren Drittel, genau wie der Neuling Bremerhaven, der nach Hamburgs Pleite nachrückte - in der DEL gibt es keinen sportlichen Auf- und Abstieg. Vorne liegt Red Bull München mit mehr als 13 Millionen Euro. Summen, die im Vergleich selbst mit Fußball-Zweitligisten niedlich sind. Im Finanzreport deutscher Profiligen, den die Wirtschaftsprüfer von Deloitte zuletzt 2015 veröffentlichten, ist die DEL mit 107,4 Millionen Euro Umsatz im Jahr stärker als die Basketball-Bundesliga und die Handball-Bundesliga - aber schwächer als die 3. Liga im Fußball. Die DEL selbst veröffentlicht nicht, wie hoch die Kosten sind - und will Sennebogens Zahlen nicht kommentieren.

Es soll möglichst keiner genau wissen, wie verlustreich das Geschäft ist. Und wie nah in jedem Sommer das Hamburger Szenario ist - falls ein Millionär die Lust an seinem Hobby verliert.

Im Fußball verhindert die sogenannte 50+1-Regel, dass einem Investor mehr als 50 Prozent eines Vereins gehören. Im Eishockey könnte es eine 50+1-Regel nicht geben. Fast jeder Klub hat einen Unternehmer im Rücken, der jedes Jahr das Geld bereitstellt, den Großteil des Etats finanziert und am Ende der Saison das Defizit ausgleicht oder Schulden vor sich herschiebt. Patriarchen haben im Eishockey Tradition. Männer wie der Logistik-Unternehmer Ralf Pape, der nach der Insolvenz der Füchse Duisburg 2009 sagte, es ergebe keinen Sinn, weiter Geld mit Eishockey zu verbrennen. 2010 stieg er bei den Kölner Haien ein.

In Nürnberg würde ohne den Schmuckunternehmer Thomas Sabo kein Eishockey gespielt, in Mannheim nicht ohne das Engagement von Daniel Hopp und SAP. München ist Teil des Sportmarketing-Konzepts von Red-Bull-Eigner Dietrich Mateschitz. Rekordmeister Eisbären Berlin gehört - wie früher die Hamburg Freezers - Philip Anschutz. Ende Februar nominierte die Anschutz-Gruppe einen neuen Aufsichtsratsvorsitzenden, um die Vorgänge in Berlin besser zu kontrollieren. Der Klubchef erklärte vorsorglich, die Identität des Klubs werde sich nicht ändern. Die Eisbären blieben die Eisbären. Versprochen.

Im Eishockey fehlt ein lukrativer TV-Vertrag

Sportökonomen beschäftigt die Situation im Eishockey seit Jahren. Die Liga sei, überspitzt formuliert, abhängig von 14 Einzelpersonen, sagt Christopher Huth von der Uni Bayreuth. "Und es kann nicht erwartet werden, dass die Mäzene uferlos investieren, ohne einen Mehrwert zu generieren", sagt er. Huth vermisst im Eishockey ein nachhaltiges Konzept. Aktuell "passt das strategisch vorne und hinten nicht". Das Problem der Abhängigkeit sei hausgemacht: Sind die Investoren einmal da, ist Erfolg ohne sie kaum möglich. Ihre Präsenz verschließe die Tür für kleine Sponsoren, die für Sicherheit sorgen könnten.

Anders als im Fußball gibt es für die Eishockeyvereine keinen lukrativen Fernsehvertrag. Die Klubs der Fußball-Bundesliga erhalten demnächst mehr als eine Milliarde Euro im Jahr. Die DEL, die zudem nur selten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen ist, hat 2016 einen Vertrag über vier Jahre mit der Telekom abgeschlossen, der etwa vier Millionen Euro bringt, also jedem Klub rund 300 000 Euro. Jede Begegnung wird im Internet übertragen, die Spitzenspiele im Spartensender Sport 1, wo im Schnitt laut DEL 210 000 Zuschauer einschalten. In die Stadien kommen durchschnittlich 6361 Fans, die meisten in Europa hinter der Schweiz. Die Klubs machen den Sport zum Event, in Berlin explodiert vor jedem Spiel unter dem Dach ein Feuerwerk. Doch das reicht nicht.

Eishockey ist teuer. Zu einem Kader gehören 25 Spieler, zum Gehalt kommen 25 Autos und Wohnungen. Eishallen kosten mehr als gewöhnliche Sportstätten. Mindestens 200 000 Euro sind für Material eingeplant, Schläger, Schoner, Schlittschuhe. Wie knapp kalkuliert wird, zeigt die Gestaltung der Arbeitspapiere: Viele Spieler haben Neun-Monats-Verträge. Drei Monate lang beziehen sie Arbeitslosengeld.

Hinzu kommt ein Wettbewerb, der ruinös zu werden droht. Wer mit Spielerberatern spricht, hört sie über die naive Zahlungsmoral mancher Klubs spotten. Die Gehälter sind zwar nicht mit denen im Fußball zu vergleichen, nur Großverdiener kommen auf 300 000 Euro im Jahr, in der Spitze sind die Bezüge gar gesunken.

Doch in der Breite sind sie umso stärker gestiegen. Gerade durchschnittliche deutsche Spieler, mit denen die Klubs aufgrund von Auflagen zur Nachwuchsförderung ihre Kader auffüllen, werden teurer. Ein Budget, in dem 40 Prozent für Spielergehälter eingeplant sind, gilt unter Sportökonomen als vernünftig. In der DEL geben die Klubs mehr als die Hälfte für den Kader aus. Was tun? Es sei schwer, Klubs zu stoppen, die sich das leisten können, sagt Gernot Tripcke, der DEL-Geschäftsführer. In der Liga machen die Gesellschafter ihre Regeln selbst, die DEL ist ein Zusammenschluss der Klubs. Wenn man so will, ist Tripcke nur der Verwalter des Wahnsinns.

Eine Gehaltsobergrenze nach amerikanischem Vorbild wäre eine Idee. Tripcke sagt: "Wir können immer nur Denkansätze geben." Und appellieren: "Pokert euch nicht selber hoch." Ja, sagt er: Die Schere zwischen den Klubs sei zuletzt auseinandergegangen, das sei beunruhigend. Aber die Probleme der DEL seien nicht neu, sondern typisch für alle Sportarten außer Fußball in Deutschland. Es sei auch im Handball und Basketball "schwer genug" sicherzustellen, dass kein Team mitten in einer Saison ausscheide. Die DEL sei seit Jahren "vergleichsweise gesund". Es ist immerhin 20 Jahre her, dass ein Team während der Saison Konkurs anmeldete.

Alles gut also? "Es ist nicht so, dass wir eine Mega-Krise hätten", sagt Tripcke. Denn am Ende der Saison, das ist ja die Bedingung für die Erteilung der Lizenz, gebe es immer wieder Mäzene, die den Verlust in Kauf nehmen. Dann sagt er: "Toi, toi, toi." Er kann nur hoffen, dass das so bleibt.

Gabriele Sennebogen in Straubing schüttelt mit dem Kopf. Wenn sie, die ausgebildete Bankkauffrau, über Budgetplanung im Eishockey spricht, sagt sie: "Ein normaldenkender Mensch würde das in seinem Geschäft ganz anders machen."

Dabei ist auch der Etat der Straubing Tigers, die allerorts für ihr solides Wirtschaften gelobt werden, mit hohem Risiko kalkuliert. Sennebogen führt durch die Loge, in der jeder Straubinger Unternehmer, der etwas auf sich hält, eine Dauerkarte besitzt. Die Tigers brauchen jeden. In der Geschäftsstelle arbeiten zwei Mitarbeiter ganztags und drei halbtags. Vor der Saison mussten die Dauerkartenpreise erhöht werden, es kamen dann ein paar Zuschauer weniger, im Schnitt 4271. Die Rechnung würde nicht aufgehen, wenn nicht die Stadt das Defizit des Eisstadions in Höhe von bis zu 800 000 Euro ausgleichen würde. An anderen DEL-Standorten wird mit noch mehr Steuergeld nachgeholfen.

Und am Ende müssen sie in Straubing ihre sportlichen Ziele erreichen, um Sponsorenverträge zu erfüllen. Diese Saison schafften sie gerade so die Qualifikation für die Playoff-Vorrunde, das Minimalziel. Als sie dort an Berlin scheiterten, in einem Spiel, das in die Verlängerung ging und bis nach Mitternacht dauerte, ein großes Spektakel, wussten sie auch wieder, warum sie das eigentlich tun: Eishockey macht Spaß.

"Auf geht's, Jungs aus Hamburg", singen die Fans - wie bei den Freezers

Ein Sonntagabend in Hamburg, Stadtteil Farmsen. Die Hamburg Crocodiles spielen in der dritten Liga gegen die Wedemark Scorpions. Frederik Gutzeit steht zwischen vielen Fans, die wie er vor einem Jahr noch zu den Freezers gegangen sind. Man könne das nicht vergleichen, sagt er, alles ist natürlich viel kleiner, und in ihm brenne nicht dasselbe Feuer. Doch er kommt so oft her, wie er es schafft. Beim 1:0 für Hamburg klatscht Frederik Gutzeit vorsichtig in die Hände, beim 2:0 ballt er die Faust, beim dritten Tor schreit er. "Auf geht's, Jungs aus Hamburg", singen die Fans. Wie vor einem Jahr bei den Freezers.

Die Crocodiles, angegliedert an einen Turnverein, sind das Versuchsobjekt für ein besonderes Projekt: Christoph Schubert, der alte Kapitän der Freezers, will hier einen Klub aufpäppeln, der nachhaltig wächst, ohne Investor. Ein Mäzen, sagt Schubert, müsste ihm schon einen Hundert-Jahres-Vertrag vorlegen, bevor er ihn annehmen würde. Schubert spielt selbst noch mit und kümmert sich gemeinsam mit einem früheren Freezers-Mitarbeiter um Sponsorenakquise und Budget.

Im ersten Jahr haben sie immerhin schon mal keine Verluste gemacht. Und sie wachsen: Auf jeder Bande wirbt ein Sponsor, Bäckereien, Autohäuser. Hinterm Tor hängt eine neue LED-Tafel, ein neuer Bierstand steht in der Ecke. Zu den Heimspielen kommen fast 2000 Menschen, mehr passen in die Halle nicht rein. Tickets sind an Spieltagen kaum noch zu haben.

In drei Jahren wollen die Hamburg Crocodiles in der zweiten Liga spielen. "Und wenn es klappt", sagt der Kapitän Christoph Schubert, "dann wissen wir, dass es im Eishockey auch anders gehen muss."

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Quelle:
SZ vom 25.03.2017
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