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Eishockey:Viele Derbys, keine Fans

Eishockey, Magenta Cup, 11.12.2020, EHC Red Bull München - Düsseldorfer EG Im Bild Marco NOWAK (Düsseldorfer EG, 8), Pa

"Für uns Spieler ist es eine große Herausforderung, sich emotional in die Position zu bringen, um über das ganze Jahr konstant Topleistung abrufen zu können." - Patrick Hager.

(Foto: Markus Fischer/Passion2Press/imago)

Die Profis der Deutschen Eishockey Liga müssen sich an Geisterspiele noch gewöhnen - vor allem Spieler wie Münchens Patrick Hager, der für seine giftigen Auftritte normalerweise die Abneigung des gegnerischen Publikums zu schätzen weiß.

Von Christian Bernhard

Gäbe es in Enzyklopädien ein Bild zu dem Eintrag "unangenehmer Gegenspieler", könnte es in der deutschen Ausgabe bedenkenlos eines von Patrick Hager sein. Der Kapitän des EHC Red Bull München hat die technischen Fähigkeiten, seine Gegner spielerisch zu dominieren. Und er ist dazu noch giftig, ja manchmal gar garstig auf dem Eis. Einer, der dem Gegner unter die Haut geht.

Die Emotionen, die im körperbetonten Eishockey gerne mal besonders schnell hochkochen, werden oft von außen, vom Publikum, zusätzlich angeheizt - gerade in Derbys. Von denen gibt es in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) in dieser Saison besonders viele, denn die Liga wurde corona-bedingt in eine Nord- und Süd-Division aufgeteilt. Das bedeutet, dass von den sieben Teams in der Süd-Staffel fünf aus Bayern sind. "Sehr attraktiv" findet Hager die Südgruppe aufgrund der vielen "emotionalen" bayerischen Duelle: "Wir wissen, was es für unsere Fans bedeutet, Derbys zu gewinnen."

Was allerdings fehlt, sind die Fans im Stadion. Und dadurch ergibt sich eine Konstellation, die für die Eishockeyprofis im Gegensatz zu ihren Fußballer-Kollegen, die diese Situation bereits seit Mai kennen, neu ist. "Du kommst jetzt in die Halle und es ist niemand da, der dir in irgendeiner Art und Weise einen Push von außen gibt", sagt Hager. "Für uns Spieler ist es eine große Herausforderung, sich emotional in die Position zu bringen, um über das ganze Jahr konstant Topleistung abrufen zu können", erklärt der 32-jährige Angreifer. Er glaubt, dass dies ein "großer Schlüssel" in dieser Saison werde, "weil du diese Einflüsse von außen nicht hast, die dir helfen, dich emotional hochzubringen".

"Es hilft mir, wenn mich jemand blöd anmacht", sagt Hager

Hager ist einer jener Profis, dem Heißblütigkeit auf den Rängen besonders gut tut - selbst Pfiffe gegen seine Person. "Mir gibt es als Spieler unglaublich viel, wenn ich ausgepfiffen werde oder von jemandem einen Spruch gedrückt bekomme", erzählte er im Podcast Puck ma's. Ihn stachele das an, noch bessere Leistungen zu bringen: "Es hilft mir, wenn mich jemand blöd anmacht." Auswärts spielt er deshalb am liebsten in Augsburg und Straubing, "weil die Leute mich in diesen Stadien sehr schätzen", sagte er süffisant.

An diesem Mittwoch tritt Hager mit den Münchnern bei den Straubing Tigers an (18.30 Uhr), auf die Pfiffe des gegnerischen Anhangs muss er dabei aber genauso verzichten wie beim knappen 3:2-Auftakt-Heimsieg am vergangenen Sonntag gegen die Augsburger Panther. An der EHC-Favoritenrolle ändert das aber nichts - weder mit Blick auf das Derby in Straubing noch auf die gesamte Saison. Trotz der ungewohnten Umstände sind die Münchner zusammen mit den Mannheimer Adlern auch in dieser Spielzeit der Anwärter Nummer eins auf den Titel. Der frühere Nationaltrainer Uwe Krupp, der Coach der Kölner Haie, sagt, dass der Weg zur Meisterschaft "nur über München" gehe: "Alles andere wäre für mich eine Überraschung." Kein DEL-Klub habe "während der Pandemie mehr dafür investiert, mit einer gewissen Normalität und gewohnten Abläufen die spielfreie Zeit zu überbrücken. Fakt ist, dass München rein sportlich gesehen die vielleicht beste Mannschaft der DEL mit der besten Vorbereitung am Start hat", betont er.

Straubings neuer Verteidiger Brandon Gormley kann noch nicht mitwirken

Auch Straubings Trainer Tom Pokel würde unter "normalen" Voraussetzungen den Münchner EHC als aussichtsreichsten Titelaspiranten nennen. Doch normal ist im Moment eben kaum etwas, das bekamen seine Tigers besonders hart zu spüren. Nach ihrer Rekord-Hauptrunde in der vergangenen Saison, die sie als Dritter abgeschlossen hatten, konnten sie sich weder in den Playoffs beweisen noch jetzt in der Champions Hockey League (CHL), die ebenfalls Corona zum Opfer fiel. Statt 17, wie die Münchner, haben die Niederbayern nur vier Vorbereitungsspiele absolviert, diese aber allesamt gewonnen - und zwar gegen die bayerischen Rivalen Ingolstadt, Augsburg und Nürnberg. Nun feiern sie ihr Ligadebüt, da sie am ersten Spieltag spielfrei hatten. Der kanadische Verteidiger Brandon Gormley, dessen Verpflichtung am Montag bekannt gegeben wurde, ist aufgrund der Einreise-Quarantäne noch nicht einsatzfähig. Dafür haben die Tigers womöglich einen Joker in der Hinterhand, der den Gegnern generell nicht schmeckt: Das Eisstadion am Pulverturm galt schon unter normalen Umständen als das kälteste der Liga - und dürfte jetzt, ohne die knapp 6000 Zuschauer, noch kälter sein.

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