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Eishockey:Verspieltes Vertrauen

EHC Red Bull München - Düsseldorfer EG

Bei vielen Eishockey-Profis ist der Frust groß wegen des Verhaltens der Liga-Vertreter.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Dass die Liga versucht, einen Flächenbrand aus den Taschen der Profis zu löschen, die vor zwei Jahren noch als "Olympiahelden" galten, irritiert.

"Die Spielergewerkschaft hat den Plänen der Liga zugestimmt" - diesen Satz würde die Deutsche Eishockey Liga (DEL) auch gerne lesen. (Wobei: Das Wort Gewerkschaft würde sie nicht so gerne lesen, aber dazu später.) Die zitierte Agenturmeldung bezieht sich aber auf die nordamerikanische Profiliga NHL, wo sich Klubs und Spieler, Arbeitgeber und Angestellte, darauf geeinigt haben, wie die wegen der Pandemie unterbrochene Saison fortgesetzt werden soll. Es fehlten nur noch Details.

Von so viel Harmonie ist das virusgebeutelte deutsche Eishockey weit entfernt. "Wir wollen keinen über den Tisch ziehen. Das Geld ist derzeit einfach nicht da. Es gibt keine Gesellschafter oder Aktionäre, die sich an dem Entgegenkommen der Spieler bereichern würden", sagte DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke dem Magazin Eishockey News - und zwar vor dem Abgabetermin für die Lizenzprüfungsunterlagen am vergangenen Sonntag. Sollten die Spieler nicht auf 25 Prozent ihres Gehalts verzichten, seien die Alternativen düster. Im schlimmsten Fall erhalte ein Klub keine Lizenz, und daraus könne schnell ein Flächenbrand entstehen: "Und ob das im Sinne des Spielers wäre, wage ich doch sehr zu bezweifeln."

Man kann das anders interpretieren, aber im Grunde nur so verstehen: Lizenz nur bei Unterschrift bis 24. Mai. Die Spieler jedenfalls verstanden es so, dass sie über den Tisch gezogen werden sollen.

Dass Profis wie Patrick Reimer, 37, Moritz Müller, 33, Felix Schütz, 32, und Patrick Hager, 31, langjährige Nationalspieler mit sicherlich überdurchschnittlichem Einkommen, das Ziel der Appelle waren, überrascht nicht. Auch nicht, dass Spieler wie Müller und Reimer, die sich grundsätzlich zum Verzicht bereit erklären, nun eine Gewerkschaft ins Leben rufen wollen - ihr Wort wiegt schwerer als das eines 20-Jährigen mit Fördervertrag. Dass die Liga kein anderes Mittel sieht, als einen Flächenbrand aus den Taschen der Profis zu löschen, die vor zwei Jahren noch als "Olympiahelden" und Attraktionen der Liga galten, nun aber heimlich als "Auslaufmodelle" bezeichnet werden, die nur um ihre Pfründe besorgt sind, irritiert. Dass etwa der Liga-Sponsor Covestro, dessen Gewinn sich 2019 von 3,2 Milliarden Euro auf 1,6 Milliarden halbierte, seinen Vertrag nach vier Jahren nicht verlängern würde, war lange vor der Krise bekannt. Die Lizenz an den Verzicht der Spieler zu koppeln, führt die Wirtschaftlichkeitsprüfung ad absurdum.

Die Gründung einer Spielervereinigung zum jetzigen Zeitpunkt sei unpassend, "ich habe den Verdacht, dass hier Pflöcke eingeschlagen werden sollen", sagt ein DEL-Aufsichtsratsmitglied - diesen Verdacht hegen anders herum auch die Spieler. Das Vertrauen ist erschüttert, der Konflikt wird noch lange nachwirken. Die Liga steht vor der Zerreißprobe.

© SZ vom 26.05.2020
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