Eishockey:Und damit zurück zum Geschäft

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Pyeongchang 2018 - Eishockey

Völlig losgelöst: Als das Halbfinale gegen Kanada gewonnen war, gab’s kein Halten mehr für die deutschen Eishockeyspieler. Ihnen war klar: Sie haben eine Olympia-Medaille sicher.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Den Deutschen bleibt keine Zeit, um den Silbergewinn von Südkorea zu feiern: Die meisten nehmen bereits am Mittwoch den Betrieb mit ihren Klubs wieder auf. Die Liga will den Schwung der Winterspiele langfristig nutzen.

Von Johannes Schnitzler

Auf dem Hinflug nach Pyeongchang saß Yannic Seidenberg neben Lindsey Vonn, zum Beweis postete er ein Selfie mit dem Glamourgirl des alpinen Ski-Zirkus. Am Sonntag lud er die Amerikanerin, jetzt quasi schon eine alte Bekannte, während der Abschlussfeier der Winterspiele zur Abschiedsparty des deutschen Eishockey-Teams ein. Und so gab es am Montag neue Bilder von Vonn, der Bronze-Gewinnerin in der Abfahrt, die mit den deutschen Spielern deren Silbermedaille feierte. Es war so, wie Seidenberg zwei Wochen zuvor auf dem ersten Selfie beschrieben hatte: Wintersportlegenden - und Lindsey Vonn.

Auf dem Rückflug saß Seidenberg nicht neben Vonn, er verschickte auch keine Bilder. "Während einer exzessiven Partynacht im Deutschen Haus" sei irgendwann sein Smartphone verschwunden, entschuldigte sich der Verteidiger. Während der Spiele hatte er eifrig die sozialen Kanäle gefüttert: "Ich wollte die Leute teilhaben lassen" an dem, was sich in Pyeongchang rund um die deutsche Nationalmannschaft abspielte, sagte der 34-Jährige. Nach der wilden Nacht und noch wilderen Spielen waren sie allerdings froh, "dass wir im Flieger ein paar Stunden schlafen konnten", sagte Verteidigerkollege Moritz Müller. Denn was sie am Montag auf dem Frankfurter Flughafen erwartete, damit hatte vorher keiner rechnen können. "Man hat uns gesagt: ,Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was zu Hause los ist'", sagte Müller. In der Ankunftshalle drängten sich Hunderte Fans, die ARD hatte ein provisorisches Studio eingerichtet. In München wartete eine Blaskapelle, Ice-Tigers-Klubboss Thomas Sabo holte seine Nürnberger persönlich vom Flughafen ab. "Das ist schon speziell", sagte Kapitän Marcel Goc, "so einen Aufmarsch haben wir nicht alle Tage." Überall enthusiastische Fans, die Sonntagfrüh um fünf Uhr live vor dem Fernseher mit ihnen gefiebert hatten. Alois Schloder, 1976 Kapitän der Bronze-Mannschaft von Innsbruck, sagte: "Wann steht man so früh auf? Bei der Mondlandung, bei Muhammad Ali - und jetzt."

Quotenerfolg: Zum Finale gegen die Russen saßen mehr als fünf Millionen vor dem Fernseher

Ihre Mondlandung, das war die "Mission Gold" - so hatte das Team seine Chatgruppe getauft. Wie Muhammad Ali boxten sie sich durch die K.-o.-Runden, gegen die Schweiz, gegen Weltmeister Schweden, gegen Rekord-Olympiasieger Kanada; mit Punch, aber auch höchst elegant wie bei Frank Mauers 3:0 gegen die Kanadier. Im Finale gegen die Russen lagen sie bis 55,5 Sekunden vor Schluss vorne. Sie verloren. Aber ihre Mission hatten sie übererfüllt.

Claus Gröbner, der Geschäftsführer des ERC Ingolstadt, ordnete die Silbermedaille als "eine der größten Sensationen der deutschen Sportgeschichte" ein, "vergleichbar mit der Fußball-WM 1954 und Boris Beckers Wimbledon-Sieg". Das war vielleicht etwas hoch gegriffen. Vermutlich wird nicht jeder Jugendliche gleich am Montag ins Sportfachgeschäft gerannt sein, um einen Eishockeyschläger zu kaufen. Aber "es freut uns, dass wir vielleicht ein kleines Signal setzen konnten", sagte der Kölner Moritz Müller. Und damit, so Teamkollege Christian Ehrhoff, "back to business".

In der Deutschen Eishockey Liga (DEL) stehen in dieser Woche die drei letzten Spieltage an. Für die Kölner Haie geht es noch um die Qualifikation fürs Viertelfinale, theoretisch könnten sie sogar die Playoffs verpassen. Dem Tabellenneunten Mannheim um Marcel Goc droht exakt dieses Schicksal, wenn die Adler am Mittwoch zum Derby beim Zehnten Schwenningen antreten. "Das ist ein straffer Plan", sagte Ehrhoff: "Wir haben nur einen Tag Pause mit der Familie." Mannheims Geschäftsführer Daniel Hopp hat Verständnis für die Spieler: "Aber der Fokus muss jetzt wieder zu hundert Prozent auf der DEL liegen."

Während Kölner und Mannheimer direkt wieder im Liga-Einsatz sind und auch Nürnbergs Coach Rob Wilson mit allen Spielern plante, gibt Meister München seinen sieben Olympia-Fahrern bis zum letzten Heimspiel am Sonntag frei - der Titelverteidiger ist nur mit viel Fantasie noch von der Spitze zu verdrängen. Auch Uwe Krupp, dessen für Wolfsburg tätiger Sohn Björn in Südkorea im Einsatz war, plant für die Partie seiner Berliner Eisbären gegen München ohne einen seiner Silberlinge. "Klar verzerrt das den Wettbewerb", sagt DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke, "aber wenn der FC Barcelona in der Champions League durch ist, spielt er im letzten Gruppenspiel auch mit dem C-Team."

Einig sind sich Tripcke und Hopp, dass die olympische Erfolgsgeschichte ein besseres Ende finden muss als 2010. Damals erreichte das DEB-Team das WM-Halbfinale - wenig später stritten sich Liga und Verband, bis jeder Schwung verpufft war. "Diesmal wird die Steilvorlage verwertet", sagt Hopp, im Nebenjob Vizepräsident des Deutschen Eishockey-Bundes. Tripcke erkennt zwei Unterschiede zu 2010: "Damals hatten wir direkt danach vier Monate Spielpause. Nun geht die Saison weiter, das können wir nutzen." Zweitens hätten die Übertragungen von ARD und ZDF "andere Leute und Quoten erreicht". Das Finale gegen Russland sahen mehr als fünf Millionen Zuschauer, es erzielte mit 51,2 Prozent den höchsten Olympia-Marktanteil überhaupt. Diesen Effekt gelte es "langfristig zu transportieren", sagt Tripcke. "Wir haben die vergangenen Jahrzehnte vieles verkehrt oder gar nicht gemacht", räumt der DEL-Boss ein. "Wir müssen daran interessiert sein, dass junge Spieler ausgebildet und in Teams integriert werden. Zu sagen: ,Wir stellen jetzt drei 18-Jährige auf', wird aber nicht funktionieren. Der Druck muss von der Basis kommen." Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, glaubt, der Erfolg sei "sportstrategisch von ganz großer Bedeutung, das wird viel Motivation in die Vereine tragen". Hoffentlich, sagt Uwe Krupp: "Viel Zeit ist nicht für einen olympischen Hangover."

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