Im Shuttlebus vom Stadion zurück zur Metro war die Welt schon wieder einigermaßen in Ordnung. Männer, Frauen und Kinder in roten Trikots mit Ahornblatt auf der Brust sangen aus Leibeskräften „O Canada“, ihre Nationalhymne, in der es heißt: „The True North strong and free! O Canada, we stand on guard for thee. God keep our land glorious and free!“ Sie sangen, als gelte es, einen bösen Zauberspruch zu bannen.
Kanada hatte das Eishockey-Endspiel der Frauen verloren, was für sich schon eine Katastrophe ist im Land der 3000 Eishallen (zum Vergleich: In Deutschland sind es rund 150). Aber dann noch gegen die USA, 1:2 nach Verlängerung, durch ein Tor von Megan Keller nach 64:07 Minuten: Der wahre, starke, freie Norden des amerikanischen Kontinents, er fühlte sich in diesem Moment von Gott und der Welt verlassen und recht angreifbar. Da tat ein wenig weiße Magie gut, um sich wieder zu sammeln. Gemeinsames Singen schafft Zusammenhalt, Choristen und Ultras können das bestätigen.

Meinung Deutsches Eishockey-Aus bei Olympia:So viel Talent. So hohe Erwartungen. So tief die Enttäuschung
In Mailand war alles auf dieses Endspiel ausgerichtet gewesen. Kanada, siebenmaliger Olympiasieger, 13-mal Weltmeister, gegen die USA, zweimal Olympiasieger, elfmal Weltmeister. Keine andere Nation hat seit 1998, seit auch Frauen bei Olympia um Medaillen spielen dürfen, je auch nur einen Finger an Gold gelegt. Die USA waren trotzdem favorisiert, sie galten als jünger, schneller und hatten die Kanadierinnen in der Gruppenphase mit 5:0 vom Eis gefegt. Aber sie begannen nervös. Haley Winn hätte ihre Torhüterin Aerin Frankel beinahe mit einem erratischen Rückpass auf dem falschen Fuß erwischt. Und dann ging Kanada nach 20 Minuten plötzlich in Führung durch Kristin O’Neill, nach einem perfekten Konter in Unterzahl. Dieses 1:0 sollte bis ins Schlussdrittel halten. Die USA drückten und drängten, aber sie kamen nicht an Ann-Renee Desbiens im kanadischen Tor vorbei. Der Favorit wankte.
Dass dieses Finale nicht nur sportlich, sondern auch mit der einen oder anderen politischen Note aufgeladen war, ließ sich weder übersehen noch überhören. In der Santagiulia Arena waren mehr Ahornblätter zu sehen als in einem kanadischen Laubwald, aber wenn die amerikanischen Fans ihr „U-S-A“ ins Oval schmetterten, musste man um die Statik dieser hurtig hinbetonierten Arena fürchten.
Beide Teams standen sich im vergangenen Jahr in einer Reihe von vier Testspielen gegenüber, die pikanterweise als „Rivalry Series“ beworben wurden. Das klang selbstironischer, als es war. Die sportliche Rivalität zwischen den beiden Nachbarn hat durch die Annexionsfantasien Donald Trumps, der Kanada gern den USA einverleiben würde, eine neue Qualität bekommen. Und längst hat sie die Eishockeystadien erreicht, wo das Herz Kanadas schlägt. Die Kanadierinnen verloren alle vier Spiele dieser Serie, schlimmer: Sie wurden gedemütigt. 1:4, 1:6, 4:10 und 1:4, so lautete die Zahlenkette des Grauens.
Das Finale ließ sich auch auf die beiden Kapitäninnen verdichten. Hier die Kanadierin Marie-Philip Poulin, bald 35, die erfolgreichste Spielerin der Geschichte, die einzige, die in drei olympischen Endspielen (2010, 2014, 2022) den Siegtreffer erzielt hat. Dort Hilary Knight, 36, zehn WM-Titel – und seit Donnerstagabend zum zweiten Mal Olympiasiegerin. Sie war es, die das US-Team 2:04 Minuten vor Schluss in die Verlängerung schoss und Kellers Siegtor überhaupt erst ermöglichte.
Marie-Philip Poulin entspricht so gar nicht dem Barbie-Klische – aber es gibt eine Barbie nach ihrem Vorbild
Wenn dieses ewig grüne Duell von den Spielerinnen und nordamerikanischen Medien als „Hass auf die respektvollste Weise“ bezeichnet wird, so taugen Poulin und Knight dafür nur bedingt als Beleg. Die beiden verbindet mehr als sportlicher Ehrgeiz. Ohne sie hätte es zum Beispiel die Frauen-Profiliga PWHL nie gegeben. Weil die Vorgängerliga NWHL, die sich zwar als Profiliga brüstete, in Wahrheit aber nur eine „glorified beer league“ war, wie Knight ätzte, eine überschätzte Hobbyliga, schlossen sie sich 2019 mit etwa 200 Spielerinnen zur Professional Women’s Hockey Players Association zusammen – und gingen erst mal in den Streik. Für volle drei Jahre. Nach dem Beispiel der NHLPA, der mächtigen Gewerkschaft der männlichen NHL-Profis, sitzen sie seitdem mit am Verhandlungstisch, wenn es um angemessene Bezahlung, Reisestandards und medizinische Versorgung geht. 2024 startete die PWHL den Spielbetrieb.
Über das Eisoval hinaus haben sich Poulin und Knight zudem einen Namen gemacht als TV-Expertinnen, in Talkshows und als Aktivistinnen. Marie-Philip Poulin, die mit ihrer Teamkollegin Laura Stacey verheiratet ist, tritt in Werbespots auf, ihr Gesicht ziert Sammelkarten, sogar eine eigene Barbie-Puppe gibt es nach ihrem Vorbild. Für sie, die so gar nicht dem Barbie-Klischee entspricht, dürften es die letzten Spiele gewesen sein. Für Hilary Knight, seit diesem Mittwoch mit US-Eisschnellläuferin Brittany Bowe verlobt, war es auf jeden Fall der letzte Olympia-Auftritt. Sie hatte angekündigt, sich mit der Goldmedaille verabschieden zu wollen. Mission erfüllt.
Als die beiden, die Gewinnerin und die Verliererin, zwei Aushängeschilder ihres Sports, die so viel gemeinsam erreicht haben, sich am Donnerstagabend nach dem Spiel zum obligatorischen Shakehands trafen, machten sie eine Ausnahme: Sie fielen sich um den Hals. Für Hass war in diesem Moment kein Platz. Nur für Freundschaft, auf die respektvollste Weise.

