„Mir geht es gut, danke“, sagt Moritz Müller: „Die Fitness war eigentlich nie ein Problem bei mir, auch heute. Es war schon körperlich anstrengend, aber es ist nicht so, dass ich jetzt denke: o Gott, o Gott.“
Erster Eindruck: läuft. Er läuft. Moritz Müller, der Kapitän der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft, läuft. Das Team des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) hat sich in diesen Tagen in Landshut versammelt zum Deutschland Cup, dem jährlichen Vier-Nationen-Turnier, das diesmal noch mehr als sonst ein Sichtungsturnier ist. Im Februar sind die Olympischen Spiele in Mailand, erstmals seit 2014 werden auch die Profis aus der nordamerikanischen NHL teilnehmen, die Besten treffen auf die Besten. Moritz Müller wird in weniger als zwei Wochen 39 Jahre alt. Er spielt seine 23. Saison als Profi, die jüngste WM im Mai hat er an der Schulter verletzt verpasst. Und so muss auch der Kapitän zeigen, ob er noch dazugehört.

Eishockeyprofi Moritz Müller:"Stärke ist nicht, wenn man Schwächen verheimlicht"
DEB-Kapitän Moritz Müller hat mit dem Eishockey-Nationalteam Olympia- und WM-Silber gewonnen, aber nie ein Finale. Über Tränen nach Niederlagen, die jungen Spieler von heute und den erzieherischen Effekt von Raufereien auf dem Eis.
An eine WM ohne Müller konnten sich nur Altertumsforscher erinnern. Zwölf Mal war er dabei, hat zwei olympische Turniere gespielt, hat 2018 (Olympia) und 2023 (WM) zwei Silbermedaillen mit nach Hause gebracht. Aber manche halten ihn inzwischen für unterqualifiziert für Duelle auf diesem Niveau. Zu langsam. Zu alt.
Vor dem Deutschland Cup hatte er selbst gesagt, er werde, mit fast 1400 Spielen für die Kölner Haie und den DEB, „zeigen müssen, dass ich noch laufen und die Mannschaft führen kann“. Nach dem 4:1-Auftaktsieg gegen Lettland, einem der Gruppengegner der Deutschen in Mailand, sagte Müller: „Ich finde, dass wir eine sehr konzentrierte, reife Leistung auf hohem Niveau gebracht haben. Es war hart umkämpft, aber wir haben zu Recht und verdient gewonnen.“ Läuft. Läuft?
„Er spricht sehr viel, in der Kabine, an der Bande“, lobt Bundestrainer Harold Kreis
Zoom auf Müller. Die letzten Takte der Nationalhymne sind verklungen, ein kleiner Sprint, vielleicht nicht mehr so explosiv wie mit 19; Handshake mit dem lettischen Kapitän Kaspars Daugavins, auch schon 37; noch ein Tätscheln auf den Helm von Phillip Sinn, dann kann es losgehen. Sinn, 21, bildet an diesem Abend ein Abwehrpärchen mit Müller, es ist der größtmögliche Altersunterschied, den das deutsche Team zu bieten hat. Aber „sie haben das zusammen gut gemacht, absolut“, wird Bundestrainer Harold Kreis später sagen. Müller, in grauer Vorzeit einmal Stürmer, hätte sogar fast das 1:0 geschossen, Sinn trifft in Überzahl zum 3:1-Zwischenstand. „Man weiß, dass Moritz einen sehr positiven Einfluss auf die Mannschaft hat“, sagt Kreis: „Er spricht sehr viel, in der Kabine, an der Bande. Auch mit Phillip. Er gibt ihm die Sicherheit, mal nach vorne zu gehen, wie er es getan hat bei seinem Tor.“ Müller beweist damit, dass er vielleicht nicht mehr der Wendigste ist, aber auch im hohen Eishockeyalter noch lernfähig. „Es gibt im modernen Eishockey kaum noch Verteidiger, die sich ausschließlich auf eine Rolle begrenzen können“, sagt Müller: „Man muss schon in der Lage sein, mitzuspielen und auch Situationen zu erkennen.“
Die Hauptaufgabe bleibt aber zunächst einmal, Gegentore zu verhindern. Gegen aggressive Letten, die laut Kreis „offenbar ein Zeichen setzen wollten“, gelang das am Donnerstag durchaus überzeugend. Nach dem 0:1 (6.) ließ das DEB-Team kaum noch Chancen zu. Sinn, Dominik Kahun (der später mit einer Handgelenkverletzung ausschied und nicht mehr zum Einsatz kommen wird), Yasin Ehliz und Marc Michaelis schossen einen sicheren Sieg heraus. Sein Team habe ein Spiel „nahezu auf WM-Niveau“ abgeliefert, sagte Kreis, „mit hohem Tempo, starkem Einsatz und konstanter Laufbereitschaft“. Das galt auch für den Kapitän. „Es muss ja nicht jedes Mal ein Tor sein“, sagte Müller.
Für die Tore werden bei Olympia ohnehin andere verantwortlich sein. Sieben NHL-Profis um Leon Draisaitl und Tim Stützle sind für den DEB-Kader gesetzt – fünf davon sind Stürmer. Weniger als 100 Tage vor der Eröffnungsfeier gibt aber die Abwehr Grund zur Sorge. Die Berliner Kai Wissmann und Korbinian Geibel sind verletzt, zumindest für Geibel dürften die Spiele zu früh kommen. In Colin Ugbekile, der bereits vor dem ersten Turnierspiel verletzt abgereist war, und Lukas Kälble, der angeschlagen aus der Partie gegen die Letten ging, fallen zwei weitere Verteidiger aus; für sie wurde der Ingolstädter Philipp Preto nachnominiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass Moritz Müller seine dritten Olympischen Spiele als Aktiver erleben wird, nimmt zu.
Alexander Sulzer, ehemaliger NHL-Verteidiger und Co-Trainer des DEB-Teams, sagt: „Klar ist, dass die NHLer dabei sein werden. Alle anderen Plätze sind noch zu vergeben. Ein Mo Müller in guter körperlicher Verfassung hat auf jeden Fall sehr gute Chancen, dabei zu sein.“ Für Müller sprächen nicht zuletzt seine Qualitäten als guter Geist der Mannschaft: „Der Mo ist ein großer Leader, das wissen wir und das wissen wir auch zu schätzen. Wenn die großen Leader auf den Bäumen wachsen würden, dann hätte jeder fünf, sechs, sieben davon in der Mannschaft.“ Weil das nach jüngster Zählung aber nicht der Fall ist, sondern Leader selten sind wie Glücksklee, „muss man das zu schätzen wissen, wenn man diese Art von Spieler, diesen Spielertyp, diesen Typ Mensch in der Mannschaft haben kann“, sagt Sulzer.
Und so wird Moritz Müller wohl am Samstag gegen Österreich (18.45 Uhr) und am Sonntag gegen die Slowakei (14.45 Uhr, jeweils Magentasport) seine Länderspiele Nummer 214 und 215 absolvieren. Wird sich weiter als Nestor und großer Bruder des Teams empfehlen. Und in seiner mutmaßlich letzten Saison als Profi um seinen Platz im Olympiateam kämpfen, wie alle anderen. „Das ist eine klare Ansage, so wissen alle, woran sie sind“, sagt Müller: „Natürlich sind für mich wie für alle anderen die Olympischen Spiele das Ziel.“
Zweiter Eindruck: Der alte Mann will noch mehr.

