Eishockey Lucky Luke mit Mundschutz

Jubelt hier über den Einzug ins Halbfinale der Playoffs: Augsburgs Stürmer Drew LeBlanc.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)

Der Stürmer Drew LeBlanc hält seine Augsburger mit seinen Toren im DEL-Halbfinale im Rennen gegen den Meister München. Eine drei Jahre alte Wette der Panther zahlt sich langsam aus.

Von Max Ferstl

Fäuste trommelten auf seinen Helm, behandschuhte Hände wischten ihm übers Gesicht. Für einen Moment verschwand Drew LeBlancs Kopf zwischen den mächtigen Pranken des Augsburger Verteidigers Henry Haase. Im Eishockey geht es bekanntlich immer etwas körperlicher zu als in anderen Sportarten, selbst wenn einem Spieler - hier LeBlanc - Dank und Verehrung entgegengebracht werden. Dem Stümer der Augsburger Panther gefiel es offenbar: Er grinste. Der Mundschutz aus Plastik klemmte lässig in seinem Mundwinkel, wie die Zigarette des Comic-Helden Lucky Luke, der angeblich schneller schießt als sein Schatten.

LeBlanc kann am Freitagabend nicht viel langsamer gewesen sein als der Cowboy. Einmal schickte er den Puck mit einem Handgelenksschuss so präzise in den rechten Torwinkel, dass sein Gegenspieler Danny aus den Birken, Torhüter des EHC München, nicht einmal den Fanghandschuh heben konnte - schon stand es 3:2 für Augsburg (41. Minute). Den entscheidenden zweiten Schuss gab LeBlanc 26 Sekunden vor Spielschluss ab, diesmal versuchte aus den Birken zwar noch eine Reaktion, rutschte aber ins Leere.

4:3 haben die Augsburger Panther das zweite Duell im Playoff-Halbfinale gegen den EHC München gewonnen. 1:1 steht es in der Serie, und natürlich hat sich an der Ausgangslage nichts Grundlegendes geändert: München bleibt der große Favorit. Der EHC hat beide Spiele dominiert, besitzt nach wie vor den besseren Kader und den Heimvorteil. Doch wenn der Außenseiter einer Playoffserie eine realistische Chance haben will, dann müssen in der Regel zwei Grundsätze erfüllt sein, erstens: Der Außenseiter darf auf keinen Fall weit zurückfallen. Zweitens: Seine Helden müssen entscheidenden Einfluss auf das Spiel nehmen. Beides trifft bisher auf die Panther zu.

Torhüter Olivier Roy hält jeden Puck, der zu halten ist. Stürmer Matt White läuft so schnell über das Eis und führt die Scheibe so geschmeidig, dass man sich manchmal fragt, wie so ein Spieler in der Deutschen Eishockey Liga landen konnte (vielleicht weil er den Puck nicht immer so zielsicher ins Tor bringt wie beim 2:2-Ausgleich in der 26. Minute). Hinzu kommt Drew LeBlanc, der Stratege des Augsburger Spiels.

Der 29-Jährige leitet Angriffe mit klugen Pässen ein und schließt sie mit kühler Effizienz ab. Leblanc ist der beste Augsburger Stürmer in den Playoffs (fünf Tore, vier Vorlagen). Und noch wichtiger: Er trifft, wenn seine Mannschaft die Tore am dringendsten benötigt - im entscheidenden siebten Spiel im Viertelfinale gegen Düsseldorf, im zweiten, wichtigen Halbfinalspiel gegen München. "Ein 0:2-Rückstand gegen diese Mannschaft wäre ein großer Berg gewesen, den wir hätten erklimmen müssen", sagte LeBlanc im Fernsehinterview.

In der NHL spielte LeBlanc nur zweimal für Chicago

Der Amerikaner galt früh als Hochbegabter. 2013 gewann er den Hobey Baker Memorial Award, die Auszeichnung für den besten Collegespieler. Zu den Unterlegenen gehörte unter anderem Johnny Gaudreau, der inzwischen die beste Eishockeyliga der Welt, die National Hockey League (NHL), prägt. Doch LeBlanc gelang es nicht, seine Begabungen - ein präziser Pass, Übersicht, ein Gefühl für das Tempo des Spiels - an das härtere Profieishockey anzupassen. "Das größte Problem war für mich das Spiel ohne Puck", sagte er einmal. "Im College haben die besten Spieler die ganze Zeit den Puck." Am College war er einer dieser Spieler. Doch bei den Profis ist mindestens genauso wichtig, wie gut ein Spieler seinen Körper einsetzt, wie fleißig er verteidigt, wie oft er Pucks erobert. Nur zweimal spielte LeBlanc in der NHL für die Chicago Blackhawks. Es folgten zwei Spielzeiten in der unterklassigen American Hockey League bei den Rockford IceHogs. Seine Statistiken wurden schlechter. Trotzdem verpflichteten ihn 2015 die Augsburger Panther. Es war eine Wette.

Weil die Augsburger nicht so viel Geld haben wie die Konkurrenz aus Berlin, Mannheim oder München, können sie nicht nur etablierte Spieler holen. Sie müssen Talente aufspüren, die ihr Versprechen in Amerika noch nicht gehalten haben. Talente wie LeBlanc. Er übernimmt mittlerweile auch Verteidigungsaufgaben. Beherrscht das Spiel ohne Puck, das ihm nach dem College so große Mühen bereitet hatte. Als die Münchner am Freitag in den Schlusssekunden alles nach vorne warfen, um noch den Ausgleich zu schaffen, stand LeBlanc im Abwehrblock und verwickelte seinen Gegenspieler an der Bande geschickt in einen Zweikampf. Entscheidende Sekunden verstrichen.

So wichtig LeBlanc für den Augsburger Erfolg ist - es wäre ein Fehler, die Mannschaft auf ihn und die anderen prägenden Akteure zu reduzieren. Trainer Mike Stewart hat eine stabile Einheit geformt, die gegen die Besten der Liga zwar nicht dominieren, aber mitspielen kann. Und dabei ohne die für Außenseiter typischen destruktiven Mittel auskommt. Augsburg spielt Eishockey, im Wortsinne. Wohl keine andere Mannschaft in der Liga hat einen ähnlich flüssigen, ästhetischen Stil. Beim entscheidenden Treffer in Überzahl lief der Puck mit je einer Berührung von White zu David Stieler, von Stieler zu LeBlanc, von LeBlanc ins Tor. "Super Pässe und ein super Abschluss", lobte Stewart. Es war erst das dritte Mal, dass LeBlanc aufs Tor schoss - das genügte an diesem Abend.