Eishockey Künstler mit Eis-Instrument

So einen präzisen Schützen wie ihn hätte Berlin auch gerne gehabt: EHC-Spieler Justin Shugg (gegen Andre Rankel).

(Foto: Heike Feiner / imago)

Justin Shugg hat fast die Hälfte seiner Ligatreffer diese Saison gegen die Eisbären Berlin erzielt. Das kommt dem EHC München auch im Playoff-Auftakt entgegen - der Meister gewinnt das erste Spiel 3:2.

Von Christian Bernhard

Justin Shugg ist kein Neurologe, weshalb er seiner Vermutung auch gleich ein "Ich bin mir nicht sicher" hinterher schob. Sicher ist aber, dass der kanadische Eishockey-Profi es liebt, gegen die Eisbären Berlin zu spielen. Der Angreifer des EHC München sprach am Mittwochabend von einem "neurologischen Muster", das ihn womöglich zu Höchstleistungen gegen die Berliner treibe.

Als er das erzählte, war es in den Katakomben der Münchner Olympia-Eishalle kurz vor 23 Uhr - sein Arbeitstag hatte länger als üblich und seiner Meinung nach "länger, als wir es uns erhofft haben" gedauert. Um genau zu sein: Eine zusätzliche 15 Minuten-Pause gefolgt von zehn Spielminuten und acht Sekunden. Dann entschied Shugg, mit seinem zweiten Tor des Abends dem ersten Spiel der Playoff-Viertelfinalserie in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) gegen die Berliner Eisbären selbst ein Ende zu setzen. 3:2 hieß es damit vor nur etwas mehr als 4000 Zuschauern, dem EHC fehlen jetzt nur noch drei Siege, um die Best-of-seven-Serie zu gewinnen.

Dass Shugg dabei eine zentrale Rolle einnehmen könnte, machte er mit seinen Saisontoren Nummer vier und fünf gegen die Berliner unmissverständlich deutlich. Der 27-Jährige hat nun beinahe die Hälfte seiner elf DEL-Saison-Treffer gegen die Eisbären erzielt. Die Münchner und Berliner treffen im dritten Jahr in Folge in den Playoffs aufeinander, vor zwei Jahren war es das Halbfinale, vergangene Spielzeit die enorm spannende Finalserie, die erst mit dem alles entscheidenden Spiel sieben ein Ende zugunsten des EHC fand. Alle drei Serien-Auftakte fanden in München statt - und alle drei gingen in die Verlängerung.

"Wir sind ruhig geblieben und haben die richtige Antwort gefunden", sagte Münchens Trainer Don Jackson, nachdem seine Mannschaft im Schlussdrittel zweimal in Rückstand geraten war. Frank Mauer (46.) und Shugg zum ersten (55.) glichen nach den Treffern von Sean Backman (45.) und Brendan Ranford (48.) jeweils aus und schickten die Partie in die Verlängerung. Dort reichten Shugg drei Sekunden in Überzahl, um die Scheibe mit einem präzisen Schuss im Eisbären-Kasten zu versenken. "Er macht gute Dinge mit dem Puck", sagte Jackson über seinen Stürmer, "und er schießt, wann immer er kann."

Der Abschluss ist Shuggs beeindruckendstes Eis-Instrument. "Ich bin keiner, der durch den Torhüter durch schießt oder jemandem das Sprunggelenk mit seinem Schuss bricht", schilderte er schmunzelnd, "aber ich lege großen Wert auf Präzision. Schuss-Lücken zu finden, ist meine Spezialität." Tore gegen die Eisbären ebenfalls. Jackson hob beim entscheidenden Treffer auch die Rolle von Yasin Ehliz hervor, der sich so vor Kevin Poulin positioniert hatte, dass dem stark spielenden Eisbären-Torwart die Sicht versperrt war. "Das war ein großer Faktor", sagte der erfolgreichste Trainer der DEL-Geschichte.

Jackson gefiel die "Beharrlichkeit" seiner Mannschaft, die deutlich mehr Schüsse abgab als die Berliner (49:30). Trotzdem bekamen die Münchner zu spüren, dass die von Eisbären-Trainer Stephane Richer kürzlich getätigte "Wir sind jetzt eine völlig andere Mannschaft"-Aussage zutrifft. Die Hauptstädter traten nicht nur in Scheibenbesitz mutig auf, sie machten auch ohne Puck ordentlich Druck auf die Münchner. Jackson, der mit den Berlinern fünfmal Meister geworden war, betonte: "Sie haben drei sehr solide Angriffslinien, ihre besten Torschützen spielen in verschiedenen Formationen. Das macht ihre Aufstellung sehr ausgeglichen."

Einen so präzisen Schützen wie Shugg hatten die Eisbären am Mittwoch aber nicht. Als Trost blieb ihnen nur, dass er nicht auch noch ein Hellseher ist. Er wisse nicht, wie sich die Eisbären nun fühlen, sagte er, bevor am Freitag Spiel zwei der Serie in Berlin beginnt (19.30 Uhr). Was er wusste: "Wir würden uns nicht unter Druck fühlen, wenn es uns in der Verlängerung erwischt hätte." Nach seinem Treffer konnte er das aber auch leicht sagen.