Der achtmalige deutsche Eishockeymeister Kölner Haie hat mittlerweile 23 Spielzeiten nacheinander keinen Meistertitel mehr gewonnen. Zuletzt jubelten die Kölner 2002, seither sind viele Tränen auf dem Eis gefroren. Gegen solch eine Ära der Enttäuschungen hilft als emotionales Aufbruchsignal und als Titelansage ganz besonders gut eine spektakuläre Rekordserie, wie sie die Kölner am Sonntag mit einem 5:2-Sieg gegen Nürnberg aufgestellt haben.
Nie zuvor in der 32-jährigen Geschichte der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) hat eine Mannschaft 16 Ligaspiele nacheinander gewonnen. Und nie zuvor hatte eine Mannschaft nach 43 Spielen schon 101 Punkte angesammelt. Den Kölnern ist nun beides gelungen, und das auch noch mit einem Rekordzuschauerschnitt von bislang 17 995 pro Heimspiel. Das bringt ihnen aktuell einen 15-Punkte-Vorsprung vor dem Tabellenzweiten Mannheim und eine lange nicht mehr gesehene Euphorie im Umfeld ein.
Wird also der, trotz ein bisschen Patina, noch immer gern als ruhmreich bezeichnete Kölner Eishockeyclub nach 24 Jahren endlich wieder Meister und sichert sich den neunten Titel? Das ist längst nicht ausgemacht. Denn solch eine Bayern-München-Dominanz bringt einem Klub in der DEL fast gar nichts. Es kommen noch die Playoffs, in denen Meriten aus der Hauptrunde nichts mehr zählen. Insofern könnten sich skeptische Haie-Fans momentan sogar Sorgen machen. Eine alles überragende Form im Januar bedeutete für Titelgewinne noch nie einen Wettbewerbsvorteil; nur zwölfmal wurde der Hauptrundenerste später auch Meister. 2014 gewann Ingolstadt sogar als Hauptrunden-Neunter den Titel.
„Wir dürfen diesen Rekord kurz genießen, haben aber noch etwas vor“, sagt Moritz Müller
Solche Statistiken machen den Kölner Fans die derzeitige Freude aber nicht madig. Die Haie surfen auf einer Erfolgswelle, würde man sagen, verböte sich diese Metapher auf einer Eisfläche nicht. Die Goalies Janne Juvonen und Felix Brückmann gehören beide zu den Spitzentorhütern der Liga, der Däne Patrick Russell ist Top-Fünf-Scorer, Spitzenkräfte sind auch die Verteidiger Veli-Matti Vittasmäki und Valtteri Kemiläinen. Wem einige dieser Namen finnisch vorkommen, der liegt nicht ganz falsch. Kölns finnischer Trainer Kari Jalonen hat sich ein paar schlagkräftige Landsleute in den Kader geholt.
Der 66-Jährige ist der Vater des Kölner Erfolgs. In seinem ersten Jahr vergangene Saison führte er die Haie gleich in die Finalserie, wo sie in fünf Spielen gegen Berlin allerdings eine Demütigung erlitten (1:5, 2:1 n.V., 0:7, 0:7, 0:7). Umso motivierter und auf Revanche erpicht gingen die Kölner mit Jalonen in seine zweite Saison, nur um vom Trainer schon Mitte Oktober und nach nur zehn Spieltagen zu erfahren, dass er nach dem Saisonende in seine Heimat Finnland zurückkehren werde. Diese Hiobsbotschaft hat den Haien allerdings nicht geschadet.
Von den seither 33 Spielen haben sie 28 gewonnen und lediglich fünf verloren. Die größte Erlösung würde ein Kölner Titel, abgesehen von den Fans, für den Haie-Kapitän Moritz Müller bedeuten, der mittlerweile 39 Jahre alt ist und seit 24 Jahren im Klub spielt. Meister wurde er bislang nicht. Müller ist erfahren genug, um sich an der aktuellen Euphorie nicht übermäßig zu berauschen. „Wir dürfen diesen Rekord kurz genießen, haben aber noch etwas vor“, sagte er nach dem Sieg am Sonntag: „Am Dienstag geht es für uns direkt weiter.“
Bevor die DEL in eine einmonatige Olympia-Unterbrechung geht, spielen die Haie noch gegen Frankfurt. Schon zu einem etwas früheren Zeitpunkt der Rekordserie hatte Müller die Kölner Fans vorgewarnt: „Wir werden auch mal wieder ein Spiel verlieren – das kann ich versprechen!“


