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Eishockey:Gefangener der Freiheit

Der alte Sowjet Tichonow gebietet wieder über Russlands Eishockey. Er will sein Land zu altem Glanz verhelfen - doch seine Lehren greifen nicht mehr.

Von Wolfgang Gärner

Der Alte ist zurückgekommen, um zu retten, was zu retten war. "In den vergangenen Jahren haben uns viele Länder überholt. Die Herausforderung für mich ist es, verlorenes Terrain zurückzugewinnen", sagte Viktor Iwanowitsch Tichonow. "Wir wollen dahin zurückkommen, wo das russische Eishockey mal war."

Die "rote Maschine" schwer in Bedrängnis: Einst waren Russlands Eishockeyspieler unbezwingbar, in Prag bei der aktuellen Weltmeisterschaft scheitern sie schon im Viertelfinale.

(Foto: Foto: dpa)

Viel war bei der WM in Prag nicht zu retten: Seine Mannschaft hat die Teilnahme am Viertelfinale verpasst. Unter Viktor Iwanowitsch Tichonow war das russische Eishockey ganz oben: acht Mal Weltmeister, drei Mal Olympiasieger. Aber das ist lange her, seine Ära als Cheftrainer der russischen Eishockeyauswahl währte von 1978 bis 1992, und für die Winterspiele 1994 in Lillehammer kam er noch einmal zurück.

Als seine Mannschaft zwei Jahre davor in Meribel das olympische Finale gegen Kanada gewonnen hatte, warfen ihn seine Spieler fünfmal hintereinander in die Höhe, und es ging der zynische Spruch um, dass sie ihn ein paar Jahre zuvor schon beim ersten Mal nicht aufgefangen hätten.

Zuchtmeister in Tränen

Ein paar Jahre zuvor war: Sowjetherrschaft, für die besten Eishockeyspieler des Sowjet-Reiches bedeutete das in den Worten von Igor Larionow, einem der besten Stürmer der Eishockey-Geschichte: "Training hinter Stacheldraht." Eine Sensation war es, wenn mal ein anderes Team als die Große Rote Maschine gewann wie 1985 zuhause in Prag die Tschechen, die Schweden 1987, noch mal 1991 und im Jahr darauf.

Da war die Zeitenwende schon vollzogen, die UdSSR zerbrochen, und für die Verweser ihres Staatssports, Betonköpfe wie Tichonow, schien kein Platz mehr zu sein. 1992, nach dem olympischen Triumph über Kanada, wirkte der Alte gar nicht mehr als eiserner Zuchtmeister, unnahbarer Oberst der Vaterländischen Armee, sondern hatte rote Bäckchen vor Aufregung, Tränen der Rührung in den Augen, und gestand "eine Freude, wie ich sie lange nicht mehr erlebte".

Sagte dann aber gleich wieder trotzige Sachen, rückwärts gewandt: "Die politischen Veränderungen hatten nicht viel Einfluss auf unser Eishockey. Dies ist nicht das Ende des russischen Eishockeys - es war ein Schritt vorwärts."

Alle scheiterten, letzte Hoffnung blieb Väterchen Viktor

Da hat er den Fortgang der Geschichte falsch eingeschätzt: Zwar gewann ein Jahr später die Sbornaja, nun als Auswahl der GUS firmierend, unter seinem einstigen Starspieler Boris Michailow in München noch einmal WM-Gold, aber seitdem nie mehr, wie immer der Cheftrainer hieß: Wladimir Wassiljew (zuvor bei den Kölner Haien), der inzwischen gestorbene Igor Dmitriew, Jurzinow, Alexander Jakuschew, Wunderstürmer der siebziger Jahre, der die Katastrophe des zwölften Platzes bei der Heim-WM 2000 in St.

Petersburg zu verantworten hatte. Bei Olympia 2002 fungierte als Chefcoach der einstige Kritiker des Systems Tichonow und heutige Präsident des russischen Sportkomitees, Wjatscheslaw Fetisow, und Letzter in der Reihe war Wladimir Plijuschew.

Alle scheiterten, letzte Hoffnung blieb Väterchen Viktor, was dem Trend im neuen Russland entspricht, sich wieder an alten Werten zu orientieren. Einhellig versuchen die Trainer, sich für eine WM möglichst vieler Profis aus der NHL zu versichern. Nur Tichonow beharrt: "Ich will die besten Spieler, egal woher", und bot für Prag nur fünf Nordamerika-Profis auf.

Kann man heute noch so mit den Spielern umgehen wie vor 20 Jahren?

Etliche haben einfach keine Lust mehr, sich unter seine Kandare zu beugen. Wie Nikolai Zherdew, eine der großen Hoffnungen des russischen Eishockeys, der während der Saison von Tichonows Klub ZSKA Moskau zu den Columbus Blue Jackets türmte, oder Superstar Sergei Fedorow: Der hatte mal seine generelle Bereitschaft erklärt, kam aber doch nicht. Kann man heute noch mit den Spielern so umgehen wie vor 20 Jahren, Viktor Iwanowitsch? "Das Einzige, was sich geändert hat, ist, dass die Spieler dem großen Geld folgten", sagt er. "Aber unverändert gilt, dass man sich den Regeln der russischen Auswahl unterordnen muss. Wer zu uns kommt, muss Disziplin halten."

Disziplin hieß in seiner Ära, dass er das Team, wenn es die Erwartungen nicht erfüllte, auch mal in der Drittelpause eine harte Trainingseinheit fahren ließ. Oder dass er Spieler schlug, wie es 1988 vor Zeugen Alexander Mogilny widerfuhr. Damals begann die Rebellion: Larionow, gegen seinen Willen vom Alten zu dessen Klub ZSKA Moskau geholt, begehrte auf und die Freigabe für einen NHL-Klub. Tichonow antwortete ihm, wenn er so weiter machte, würde sein Weg allenfalls nach Sibirien führen. Fetisow, der ebenfalls keine Ruhe gab, wurde von Tichonow aus dem Kader für die WM 1989 geworfen.

Bei schlechter Leistung trainierten sie in der Drittelpause

Von seinen großen Gegenspielern ist nur Dave King, der Verlierer von Olympia 1992, noch im Geschäft beim DEL-Klub Hamburg Freezers. Xaver Unsinn, gleich alt wie der Russe, den er gerne "mein Freund Viktor nannte": als Bundestrainer pensioniert vor 14 Jahren.

Herbie Brooks, der Tichonow mit einer Ansammlung von Collegeboys 1980 in Lake Placid seine herbste Niederlage bereitete: letztes Jahr mit 66 bei einem Autounfall gestorben, nachdem er 2002 zurückgeholt worden war, um für die USA in Salt Lake City eine Wiederholung des Miracle on Ice zu bewerkstelligen (klappte nicht ganz, immerhin bis zum Finale).

Tichonow soll bleiben bis nach den Spielen von Turin. Dann ist er 76, aber die Große Rote Maschine wird er nie mehr so zum Laufen bringen wie einst, als ihre Bestandteile Namen trugen wie Kasatonow, Fetisow, Krutow, Larionow, Makarow. Alle längst in Rente, nur Viktor Iwanowitsch nicht.

© SZ vom 5.5.2004
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