bedeckt München 17°
vgwortpixel

Eishockey:Gedimmtes Rampenlicht

Tom Pokel, Trainer der nach der Hauptrunde drittplatzierten Straubing Tigers, ist von der Deutschen Eishockey-Liga zum besten Übungsleiter der vorzeitig abgebrochenen Saison ernannt worden.

Die Verbindung zum Trainer des Jahres der Deutschen Eishockey Liga (DEL) streikte, der Moderator Patrick Ehelechner musste improvisieren und vertrieb sich die Zeit mit etwas Galgenhumor. "Live ist dann doch live", sagte er. Die Technik spannte seine Zuschauer am Samstag auf die virtuelle Folter in den sozialen Netzwerken Instagram und Facebook sowie der Webseite des übertragenden Pay-TV-Senders Magenta Sport. Ehe dann nach einer Minute Wartezeit plötzlich ein Gesicht unter Ehelechners Kopf im zweigeteilten Bildschirm auftauchte. Das Geheimnis war gelüftet: Zu sehen war der lächelnde Tom Pokel, 52, von den Straubing Tigers. "Glückwunsch zum Trainer des Jahres 2019/2020", sagte Ehelechner.

Die Szenen durfte man durchaus als Parallele zur Saison sehen: Pokel ließ sich am Samstag nicht von der Technik stoppen, und seine Tigers eine Spielzeit lang von keiner Widrigkeit. Der Außenseiter vom kleinsten DEL-Standort hielt mit wie noch nie und blieb bis zum Ende der Hauptrunde auf Rang drei. Bis der Ausbruch des neuartigen Coronavirus in Deutschland Straubings Meisterschaftskampf vor den Playoffs beendete. Der Titel für den Trainer Pokel, unter dem es seit seinem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren permanent bergauf geht und der jüngst seinen Vertrag verlängerte, würdigt daher noch einmal die mit Abstand beste Spielzeit der Vereinsgeschichte, ein Trost für das jähe Ende. "Das war eine hervorragende Saison", sagte Pokel in die Laptop-Kamera.

Straubing Tigers - EHC Red Bull München

Er habe in Straubing „unfinished business“, unerledigte Aufgaben, sagt Tom Pokel (hier inmitten seiner Spieler). Die gute Nachricht ist, dass der Klub von der Corona-Krise nicht so hart getroffen wird wie andere Vereine. Die sportliche Leitung plant seit Jahren mit einem konservativen Budget – ohne Playoffs und Zusatzeinnahmen.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Das zeigt den ungewohnten Rahmen der Vergabe der individuellen Liga-Auszeichnungen. Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen, hatte sich die DEL gedacht. Sie setzte Ehelechner vor eine Webcam, der ehemalige Profitorwart und heutige Kommentator führte durch die digitale Gala. Eigentlich sollte diese schon vor zwei Wochen in Wolfsburg stattfinden, doch sie musste wie die Playoffs abgesagt werden. "Es freut uns, dass wir trotz der aktuellen Schwierigkeiten einen Weg gefunden haben, die herausragenden Leistungen der Spieler sowie von Tom Pokel zu würdigen", sagte DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke.

Die Liga verleiht die Auszeichnung immer nach der Hauptrunde, das immerhin ist in dieser Ausnahmesaison ohne Meister also nicht anders als in den vergangenen Jahren. Der Nationalspieler Marcel Noebels von den Eisbären Berlin wurde Spieler und Stürmer des Jahres. In den weiteren Kategorien setzten sich Torhüter Mathias Niederberger (Düsseldorfer EG), Verteidiger Maury Edwards (ERC Ingolstadt) sowie der Rookie Tim Stützle (Adler Mannheim) durch.

Die Jahresbesten der DEL

Spieler: Marcel Noebels, Eisbären Berlin

Verteidiger: Maury Edwards, ERC Ingolstadt

Torwart: Mathias Niederberger, Düsseldorfer EG

Stürmer: Marcel Noebels, Eisbären Berlin

Trainer: Tom Pokel, Straubing Tigers

Rookie: Tim Stützle, Adler Mannheim

Fairplay-Wertung: Düsseldorfer EG

Hauptrundensieger 2019/20: EHC München

Pokel ist nach Dan Ratushny, der den Klub 2012 ins Playoff-Halbfinale führte, der zweite Straubinger Trainer des Jahres. Seine Wahl steht für den Erfolg des einheitlichsten Teams der Saison, in dem jeder für ein Tor oder eine starke Abwehraktion gut war und aus dem höchstens noch der klubinterne Topscorer Mike Connolly herausstach. Pokel gab die Ehre daher schnell weiter, sie gebühre "Co-Trainer Rob Leask, dem restlichen Trainerstab mit Manuel Litterbach und Giovanni Willudda sowie unseren Physiotherapeuten, Betreuern und nicht zuletzt den Spielern". Pokel stellt sich nie von sich aus ins Rampenlicht - womit er schon ganz gut zu den Niederbayern passt, die sich im Freistaat seit jeher unaufgeregt neben den lauteren Oberbayern einreihen.

Nicht nur deshalb fühlt sich Pokel, der mit seiner Familie in Vorarlberg lebt, so wohl bei den Tigers, dass er sich gleich weiter an den Klub band. Der sportliche Leiter Jason Dunham hat ihn einst ja auch geholt, weil er mit "Low-Budget-Teams" erfolgreich arbeiten kann. Diese Fähigkeit zeigte er in der Alpenliga EBEL, in der er den HC Bozen im Jahr 2014 gegen die deutlich stärker eingeschätzten Konkurrenten aus Österreich zur Meisterschaft führte. Nun folgten die starken Jahre in Straubing für Pokel, der die Saison über vom "Unfinished Business" (unerledigte Aufgabe) sprach. Eigentlich wollte er damit auf die entscheidenden Playoffs hinweisen, in denen er an die Zeit in Bozen anknüpfen wollte. Nun geht der Blick auf die neue Saison: "Alle haben Lust auf mehr", sagte er - auch mit Blick und voller Vorfreude auf die erstmalige Teilnahme in er Champions Hockey League. "Die Chemie, Kontinuität und Spielweise: Alles ist da, dass wir unsere Arbeit fortsetzen können."

Seine Spieler bleiben ihm ja größtenteils auch erhalten, das ist die gute Nachricht in der Krise, die den Verein finanziell ohnehin nicht so hart trifft wie manche Konkurrenten. Dunham plant seit Jahren mit einem konservativen Budget - ohne Playoffs und Zusatzeinnahmen. Zudem ist der Verein nicht von einem einzelnen Geldgeber abhängig, sondern baut auf einen Gesellschafterkreis. Der sportliche Leiter konnte daher bereits erste nötige Hausaufgaben im Home-Office erledigen: Neben Connolly verlängerten die starken Punktesammler Jeremy Williams und Fredrik Eriksson sowie Torhüter Jeff Zatkoff ihre Verträge. 18 Spieler haben schon einen Kontrakt für die neue Saison, die allerdings teurer werden wird als die abgelaufene: Anders als im Fußball sind die Europareisen in der Champions Hockey League eher ein Zuschussgeschäft.

© SZ vom 30.03.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite