Eishockey-Meister Berlin:Vertrauen statt Brüllen

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Eishockey-Meister Berlin: Fünf Tore, kein Gegentreffer: Die Eisbären Berlin werden nach einer strapaziösen Serie doch noch auf erstaunlich leichte Weise Meister.

Fünf Tore, kein Gegentreffer: Die Eisbären Berlin werden nach einer strapaziösen Serie doch noch auf erstaunlich leichte Weise Meister.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Die Eisbären Berlin sind abermals Deutscher Meister, mit einem 5:0 gegen München im vierten Spiel der Finalserie. Überlegen waren die Berliner auch deshalb seit Wochen, weil ihnen Trainer Serge Aubin kreativen Freiraum lässt.

Von Christian Bernhard, München

Soll ich? Frank Hördler, der sich soeben noch durch seinen Bart gestrichen hatte, fragte zur Sicherheit nochmal nach. Dann winkte der Kapitän der Eisbären Berlin seine Assistenzkapitäne Kai Wissmann und Morgan Ellis zu sich und machte sich auf einen kurzen und schönen Weg. Einen Weg, den er seit vielen Jahren kennt: hin zum Pokal. Sekunden später stemmte Hördler den 10,5 Kilogramm schweren Meisterpokal der Deutschen Eishockey Liga (DEL) gemeinsam mit Wissmann und Ellis unter einem goldenen Konfettiregen in die Höhe.

"Nicht mehr menschlich": Die letzten fünf Spiele absolvierten sie binnen sieben Tagen

Die Eisbären haben am Mittwoch in der Münchner Olympia-Eishalle den neunten DEL-Titel ihrer Klubgeschichte erobert, vorangegangen war ein deutlicher 5:0-Sieg gegen den EHC Red Bull München, durch den die Berliner die Finalserie mit 3:1 für sich entschieden. Es war der zweite Titelgewinn nacheinander für den DEL-Rekordmeister.

Hördler wurde auch zum wertvollsten Spieler der Playoffs gewählt. Der 37-Jährige strickt damit weiter an seinem Legendenstatus: Er ist seit 2003 im Klub und stand bei allen neun Berliner DEL-Meisterschaften auf dem Eis. "Wisst ihr was: Der Typ ist eine Legende", schwärmte sein Trainer Serge Aubin. "Eine Legende, die noch spielt." Die persönliche Ehrung freute und überraschte Hördler gleichermaßen. "Warum sie mich gewählt haben? Ich weiß es nicht", sagte er. Vielleicht sei das ein "Verzweiflungsakt" gewesen, scherzte er, "weil sie nicht wussten, wen sie bei so vielen geilen Jungs bei uns in der Mannschaft nehmen sollen".

Die Umstände, unter denen dieser Titelgewinn zustande kam, waren besondere. Ihre abschließenden fünf Playoff-Spiele absolvierten die Eisbären innerhalb von nur sieben Tagen, Marcel Noebels bezeichnete den Spielplan als "nicht mehr menschlich". Der Nationalspieler konnte im Moment des Triumphs nicht mehr benennen, "welcher Tag heute eigentlich ist". Aubin hatte während der Finalserie darauf verwiesen, dass seine Spieler keine Roboter seien, doch die Mission Titelverteidigung wurde trotz der widrigen Umstände wie von Roboterhand ausgeführt. "Nein, wir sind keine Roboter", winkte Wissmann ab, "aber wir sind mental voll da gewesen." Aubin habe dabei eine wichtige Rolle gespielt, er machte seinen Spielern immer wieder klar, dass sich alles im Kopf abspiele. Das fruchtete. "Wenn man sich selbst einredet, dass man nicht müde ist, ist der Körper zu beachtlichen Dingen in der Lage", sagte Wissmann. "Wir haben immer gesagt: Wir gewinnen das Ding. Wir hören nicht auf, bis wir es haben."

Der entscheidende Unterschied: Berlins Torhüter und Nationalkeeper Mathias Niederberger

Noebels geriet ins Schwärmen, als er über Aubin sprach. Jeder Berliner Spieler habe unter dem 47-jährigen Kanadier "noch einmal" einen Schritt nach vorne gemacht. "Er macht jeden Spieler besser, weil er genau weiß, was er von jedem verlangen kann, und weil er gut einordnen kann, in welche Rolle er die Spieler steckt, damit sie der Mannschaft helfen." Aubin, findet Noebels, sei "wie gemacht für die Eisbären". Wissmann verriet, dass der Trainer "klare Linien" vorgebe und auch laut werde, wenn die Situation es erfordere. "Aber er ist keiner, der nur rumbrüllt und lässt uns auch den Freiraum, um kreativ zu sein, gerade in der offensiven Zone."

Eishockey-Meister Berlin: Die Kelle vorne: Frank Hördler (links, daneben Münchens Trevor Parks und Eisbärenspieler Kai Wissmann)

Die Kelle vorne: Frank Hördler (links, daneben Münchens Trevor Parks und Eisbärenspieler Kai Wissmann)

(Foto: O. Behrendt/Contrast/Imago)

In der defensivsten Zone, sprich im Tor, stand ein weiterer wichtiger Baumeister: Nationaltorhüter Mathias Niederberger. Der 29-Jährige brachte die Münchner am Mittwoch zur Verzweiflung, Berlins Sportdirektor Stephane Richer sprach von "einer der besten Torhüter-Leistungen", die er seit langem gesehen habe. "Was soll man dazu noch sagen?, fand Wissmann, "unglaublich." Münchens Trainer Don Jackson war ähnlicher Meinung. "Er war der große Unterschied, keine Frage", sagte er über Niederberger. Was Jackson in diesem Moment missfiel, dürfte ihn ab dem Sommer gefallen, denn nach SZ-Informationen hat Niederberger einen mehrjährigen Vertrag bei den Münchnern unterschrieben.

Die nächste Generation steht bereit - vielleicht laufen bald Vater und Sohn Hördler zusammen auf

Hördler fühlte sich währenddessen an seine Berliner Anfangsjahre erinnert, als die Eisbären mit ihren sieben Titelgewinnen zwischen 2005 und 2013 eine Ära prägten. "Wir knüpfen wieder an alte Zeiten an." Großen Anteil daran hat seiner Meinung nach die Sportliche Leitung. "Wir haben genau die richtigen Leute hinter der Bande stehen und im Büro sitzen." Er meinte Trainer Aubin und Sportdirektor Richer. Mannheims Trainer Bill Stewart hob das Duo schon während der Halbfinalserie hervor. Aubin und Richer, der Anfang der 2000er-Jahre Stewarts Kapitän in Mannheim war und in dieser Rolle bleibenden Eindruck hinterließ ("Ich habe es Millionen Male gesagt: Der beste Kapitän, den ich je hatte, war Richer"), hätten eine Sieger-Kultur in Berlin etabliert, die man "nicht mal eben so wie einen Keks" backen könne. Diese trägt nun Früchte. Die Erfahrung, den Titel bereits im Vorjahr geholt zu haben, gab zusätzliche Sicherheit. "Diese Jungs wissen, wie man Erfolg hat", betonte Aubin, der zusammen mit 14 Spielern zum zweiten Mal in Serie feiern konnte. "In den großen Momenten sind sie da."

Die Basis, um an einer neuen Eisbären-Dynastie zu schrauben, ist gelegt - und wie es sich für eine gute Familie gehört, als die sich die Eisbären selbst gerne bezeichnen, steht die nächste Generation schon bereit: Eric Hördler, geboren im Spätsommer 2004, als sich die Eisbären und sein Vater Frank auf den Weg zu ihrer ersten DEL-Meisterschaft machten, spielt bei den Eisbären Juniors und hofft, kommende Saison Profi zu werden. Auch deshalb macht Hördler noch ein Jahr weiter, denn er will unbedingt zusammen mit seinem Sohn im Eisbären-Trikot auflaufen - so wie er es als 16-Jähriger mit seinem Vater Jochen beim ERC Selb tat. "Ich werde meinen Teil dazu beitragen", sagte er mit einem Lächeln. "Ich hoffe, mein Sohn tut den seinen."

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