Christian Winkler war am Donnerstagabend ein gefragter Mann. Der Sportchef des EHC Red Bull München hatte einige interessante Themen im Gepäck, als er mit seiner Mannschaft zum Derby bei den Nürnberg Ice Tigers aufschlug. Da war zum einen der verpatzte Saisonstart des EHC, der fünf seiner ersten acht Spiele in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) verloren hatte – und der durch den 3:2-Erfolg in Nürnberg erst einmal korrigiert werden konnte. Dann hatte Winkler zu erklären, warum er dieser Tage in Antoine Bibeau einen weiteren Torhüter verpflichtet hatte, obwohl bereits ein deutscher Nationaltorhüter (Mathias Niederberger) und ein vielversprechendes Talent (Simon Wolf) im Kader sind. Das habe „überhaupt nichts mit Mathias zu tun“, sagte Winkler, Niederberger sei „nach wie vor Elite in der Liga“. Wenn aber so ein Mann wie Bibeau auf dem Markt sei, „musst du zugreifen“.
Und dann war da die skurrile Geschichte um Will Butcher, die um ein – aus Münchner Sicht letztes – Kapitel erweitert wurde. Der 30-jährige US-Amerikaner, der im Sommer wegen gesundheitlicher Auffälligkeiten bei Leistungstests nicht lizenziert wurde und kürzlich Teil des Trainerteams wurde, kehrt in die USA zurück – um dort wieder Eishockey zu spielen. Warum er das nicht im EHC-Trikot konnte? Es sei ganz einfach, sagte Winkler, Butcher habe den medizinischen Check der DEL nicht bestanden, „zwei Kardiologen haben das abgelehnt“. Am Tag vor dem Nürnberg-Spiel sei der US-Amerikaner dann mit dem Wunsch auf ihn zugekommen, den Trainervertrag aufzulösen. „Ich kann ihn nicht zurückhalten“, sagte Winkler, „das ist seine Entscheidung, und ich wünsche ihm das Allerbeste.“ Der EHC-Sportchef hätte Butcher „gerne hier behalten“, da er einen guten Draht zu den jungen Spielern aufgebaut hatte – zeigte bei Magentasport aber auch Verständnis für Butchers Entscheidung: „Er ist 30 Jahre alt und wird von heute auf morgen aus dem Leistungssport rausgerissen. Vielleicht hat er damit noch nicht ganz abgeschlossen.“
Butcher war zuletzt als Development Coach beim EHC zuständig für die jungen Profis – und machte seine Sache offenbar gut: „Es ist unglaublich, wie die Jungs an ihm hängen.“
Butcher war im vergangenen November aus der russisch geprägten KHL nach München gewechselt und hatte schnell eine zentrale Rolle im EHC-Abwehrverbund eingenommen. Mit seiner Beweglichkeit und Spielübersicht wurde er zu jenem Verteidiger, der das Spiel speziell in Überzahl an der Blauen Linie lenkte. Inklusive Playoffs lief er 37-mal für den EHC auf, dabei sammelte er 14 Scorerpunkte (drei Tore). Nach der Saison verpflichtete Winkler dann Oliver David als neuen Cheftrainer – und die beiden entschieden, Butchers Vertrag zu verlängern. Als einer von zwei Offensivverteidigern – David hatte dafür zudem Ryan Murphy aus Salzburg mitgebracht – sollte Butcher auch im offensiven Spielsystem von David Angriffe starten. Doch dazu kam es nicht. Kurz vor dem Saisonstart teilte der EHC mit, dass der Verteidiger „aufgrund medizinischer Befunde“ nicht lizenziert werden könne.
„Das war für uns alle ein Schock“, sagte Winkler, der von „erheblichen Auffälligkeiten“ sprach. Gleich mehrere Ärzte wurden konsultiert. Als für den EHC klar war, dass Butcher nicht mehr spielen wird können, wollte man ihm laut Winkler die Chance geben, „sanft zu fallen“. Butchers Spielervertrag wurde aufgelöst – und er bekam am 22. September einen neuen als sogenannter „Development Coach“. Der frühere NHL-Spieler kümmerte sich um die individuelle Weiterentwicklung der jungen Spieler im EHC-Kader und machte das laut Winkler sehr gut: „Es ist unglaublich, wie die Jungs an ihm hängen.“ Butcher bedankte sich beim Klub für die „großartige Chance, hier die Trainerseite kennenzulernen“.
Allerdings hatte er seine Spielerkarriere noch nicht abgeschrieben. Der Wunsch, weiterzuspielen, war immer noch da – und ging ziemlich schnell in Erfüllung. Am Donnerstag gaben die Cleveland Monsters aus der AHL die Verpflichtung Butchers bekannt. Winkler sagte in Nürnberg, er könne die medizinischen Checks in Nordamerika nicht beurteilen, weil er nicht wisse, wie da der Standard sei. Was er wisse: „Wir haben einen sehr, sehr guten Standard in der DEL.“
Dass es unterschiedliche Parameter bei der Beurteilung gesundheitlicher Thematiken im Profisport gibt, ist nicht neu. So konnte etwa der dänische Fußballprofi Christian Eriksen, der bei der EM 2021 auf dem Spielfeld zusammengebrochen war und damals bei Inter Mailand unter Vertrag stand, seine Karriere in Italien nicht mehr fortsetzen. Denn dort ist das Spielen mit einem implantierten Defibrillator nicht erlaubt. In der Premier League hingegen, wohin Eriksen daraufhin wechselte, und der Bundesliga – seit wenigen Wochen spielt der Däne für den VfL Wolfsburg – ist das möglich. Und die medizinischen Regularien in der AHL sind offenbar, wie der Fall Butchers zeigt, nicht so streng wie in der DEL. Butcher bleibt jedenfalls zu wünschen, dass er seinen Schritt zurück aufs Eis nicht doch irgendwann bereuen wird.

