Draisaitl in den NHL-PlayoffsLeon, der Allein-Entscheider

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Gut möglich, dass er zum zweiten Mal nach 2020 zum MVP der Liga gewählt wird: Leon Draisaitl zeigt in den Playoffs, wie entscheidend er für den Erfolg der Edmonton Oilers ist.
Gut möglich, dass er zum zweiten Mal nach 2020 zum MVP der Liga gewählt wird: Leon Draisaitl zeigt in den Playoffs, wie entscheidend er für den Erfolg der Edmonton Oilers ist. (Foto: Stephen R. Sylvanie/Imago)

Im NHL-Viertelfinale untermauert Leon Draisaitl seinen Status als derzeit wertvollster Eishockey-Spieler der Welt. In diesen Playoffs ist wohl alles möglich.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Wie in aller Welt sollen die Edmonton Oilers diese Playoff-Serie noch gewinnen?

Diese Frage wurde bereits in der ersten Runde gestellt, nachdem die Oilers die ersten beiden Partien gegen die Los Angeles Kings verloren und insgesamt zwölf Gegentore kassiert hatten. Und sie wurde kurz darauf mit großem Fragezeichen ausgesprochen, weil Edmonton in den drei Spielen danach jeweils zurücklag; in der vierten Partie gar mit zwei Treffern im Schlussdrittel und bis 29 Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit.

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Die Antwort lautete: Leon Draisaitl. Im dritten Spiel schaffte der deutsche Eishockeyprofi drei Vorlagen beim Comeback; in der Partie danach die beiden Zuspiele, die aus dem 1:3 ein 3:3 machten. Den Siegtreffer in der Verlängerung schoss er selbst. Noch eine Vorlage in Spiel fünf, und die Serie war komplett auf den Kopf gestellt. Beim Abschluss-Sieg brauchte es weder Tor noch Vorlage von Draisaitl, zum ersten Mal in diesen Playoffs – was seine Bedeutung in Edmonton untermauerte: Er sorgt für Tore, wenn sie dringend gebraucht werden. Draisaitl ist: Leon, der Allein-Entscheider.

Die Frage vor Beginn der Viertelfinal-Runde gegen die Vegas Golden Knights war die gleiche; und sie stellte sich nach nur neun Minuten der ersten Partie umso mehr: 2:0 führte Vegas. Wie in aller Welt sollte Edmonton das noch drehen? Die Stanley-Cup-Gewinner von 2023 – dazu gleich mehr, weil auch das mit Edmonton und Draisaitl zu tun hatte – waren von Experten zu haushohen Favoriten erkoren worden; stets garniert mit dem zarten Hinweis, dass die Oilers den Allein-Unterhalter Connor McDavid und ihren Allein-Entscheider Draisaitl hätten und deshalb alles, wirklich alles möglich sei.

Draisaitl ist ein Spieler, der sich intensiv mit den Auf und Abs in den Playoffs beschäftigt

Das 1:2 bereiteten Draisaitl und McDavid gemeinsam per kongenialer Passkombination vor; der Ausgleich ist ein Symbol für die Einzigartigkeit des Deutschen. Einen abgefälschten Schuss nahm er von hinter der Torlinie aus direkt mit der Rückhand und bugsierte den Puck gegen den Schoner von Vegas-Torwart Adin Hill; von dort aus hoppelte das Spielgerät ins Tor. Der entgeisterte Blick von Golden-Knights-Profi Jack Eichel danach sagte alles, was man über dieses Tor wissen muss: Das glaube ich jetzt nicht; wie in aller Welt hat der das gemacht?

Erstens: Spielverständnis, überhaupt an dieser Stelle zu sein und die Situation innerhalb von Millisekunden einzuschätzen. Zweitens: die Chuzpe, aus dieser Lage tatsächlich einen Torschuss mit Torwart-Schoner-Bande zu probieren. Drittens: die technischen Fertigkeiten, den Puck bei der Eisberührung direkt mit der Rückhand zu spielen – und zwar dorthin, wo man ihn haben will. Das ist nicht nur Weltklasse, das ist einzigartig. Am Ende gewann Edmonton 4:2.

Las Vegas um Torwart Adin Hill war von Experten zu haushohen Favoriten erkoren worden. Edmonton aber hat Connor McDavid und Leon Draisaitl in seinen Reihen.
Las Vegas um Torwart Adin Hill war von Experten zu haushohen Favoriten erkoren worden. Edmonton aber hat Connor McDavid und Leon Draisaitl in seinen Reihen. (Foto: Stephen R. Sylvanie/IMAGN IMAGES via Reuters Connect)

Klar könnte man nun sagen: Ordentlich Glück dabei, so was passiert ein Mal im Leben. Nun, Draisaitl hat so was Ähnliches schon mal geschafft, und zwar vor zwei Jahren, in den Playoffs, gegen Vegas. Damals spielte er den Puck von hinter dem Tor aus absichtlich gegen die Schulter des Torwarts, von dort aus flog die Scheibe hinein. Es ist also einzigartig, aber nicht einmalig – was erklärt, dass die Kollegen mittlerweile routiniert darauf reagieren. „Die zwei sind einzigartig“, sagte Corey Perry, der die Draisaitl-McDavid-Kombination zum 1:2 vollendet hatte: „Einzigartige Leute schaffen einzigartige Spielzüge – und ich habe davon profitiert.“

Damals verletzte sich Draisaitl im vierten Spiel der Best-of-seven-Serie am Handgelenk nach einem brutalen Check von Alex Pietrangelo (der dafür gesperrt wurde); Vegas gewann danach die beiden verbliebenen Spiele gegen die Oilers und später den Stanley Cup. „Wir haben nicht vergessen, was damals passiert ist“, sagte McDavid am Dienstag. Was sie auch nicht vergessen haben: die Niederlage im Stanley-Cup-Finale vergangenes Jahr; 1:2 im entscheidenden siebten Spiel, nachdem sie davor einen 0:3-Rückstand aufgeholt hatten. Bitterer, deprimierender kann man das ganz große Karriereziel jedes Profis nicht verfehlen – deutlicher kann man aber auch nicht mitgeteilt kriegen, dass in den Playoffs der Profiliga NHL alles, wirklich alles möglich ist.

Draisaitl ist ein Spieler, der sich intensiv mit diesen Auf und Abs in den Playoffs und den unbegrenzten Möglichkeiten in diesem Sport beschäftigt – und vor allem dem Umgang damit. „Nie zu euphorisch, nie resigniert; gute Balance“, sagt er gerne. Er betont, dass er nicht allzu sehr über Gestern oder Morgen nachdenke, sondern lieber im Hier und Jetzt sei. In der Gegenwart mag Sturmpartner McDavid der derzeit beste Spieler der Welt sein – er sticht auch unter Weltklasse-Leuten sofort heraus –, der wertvollste Spieler ist derzeit aber Draisaitl. Gut möglich, dass er zum zweiten Mal nach 2020 zum MVP der Liga gewählt wird.

„Wir schulden denen eine gute Serie“, sagte McDavid. Diese erste Partie war ein Hinweis, wie die restlichen bis zu sechs Partien in den kommenden zwei Wochen laufen könnten und warum es sich für deutsche Fans lohnen sollte, nachts aufzustehen; die zweite Partie etwa findet in der Nacht zum Freitag um 3.30 Uhr statt: Angesichts von zwölf Scorerpunkten (vier Tore, acht Vorlagen) in sieben Spielen gibt es fast eine Garantie, dass Draisaitl an Treffern beteiligt sein wird – und natürlich ist die Chance sehr hoch, etwas Einzigartiges und Entscheidendes zu erleben. Wie in aller Welt die Oilers diese Serie gewinnen können? Wenn Leon, der Allein-Entscheider, so spielt, wie er derzeit spielt.

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