Deutschland im WM-Halbfinale:Mit Kitt und Glück

Eishockey-WM: Schweiz - Deutschland

Es geht um die Medaillen: Das DEB-Team um Siegtorschütze Marcel Noebels (3. v.l.) feiert den Einzug ins WM-Halbfinale.

(Foto: Roman Koksarov/dpa)

Nach 0:2-Rückstand besiegt die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft die Schweiz im Penaltyschießen und zieht ins Halbfinale ein. Marcel Noebels erzielt den entscheidenden Treffer, zuvor rettet Leon Gawanke das Team 43 Sekunden vor Schluss .

Von Christian Bernhard und Johannes Schnitzler

"Teamspirit ist ein entscheidender Faktor. Mit der richtigen Energie lässt sich enorm viel beeinflussen." Das würde auch Toni Söderholm unterschreiben, der Cheftrainer der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft. Diese klugen Sätze stammen aber von seinem Schweizer Amtskollegen Patrick Fischer. Die Rechnung sei simpel, schreibt der 45-Jährige in seiner Autobiografie: "Du hast zwei Mannschaften, beide sind technisch und taktisch auf demselben Niveau. Die eine hat weniger Energie, die andere mehr. Wer gewinnt? - Genau, die Mannschaft mit mehr Energie. That's it. Am Ende geht es darum, wer untereinander den besten Kitt hat." Oder ein bisschen mehr Glück. Oder beides. Jedenfalls: Die deutsche Nationalmannschaft steht bei der Eishockey-WM in Lettland im Halbfinale: Nach einem 0:2-Rückstand setzte sich das DEB-Team am Donnerstag im Penaltyschießen gegen die Schweiz durch und gewann 3:2 (0:1, 1:1, 1:0, 0:0).

Wann immer diese beiden Teams aufeinandertreffen, wird es eng. Im Viertelfinale der WM 2010 siegte Deutschland 1:0. Bei der WM 2015 gewann die Schweiz mit demselben Ergebnis. Auf dem Weg zur Olympia-Silbermedaille setzte sich das Team des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) 2018 nach Verlängerung 2:1 durch. Nun also machten es beide noch spannender.

Den entscheidenden Treffer markierte Marcel Noebels, dessen Einsatz vor dem Spiel noch unsicher gewesen war. "Mein Herz ist tiefer gerutscht, als es sonst ist. Ich habe einfach den Kopf ausgeschaltet", sagte der Berliner.

Der deutsche WM-Topscorer (drei Tore, fünf Vorlagen) hatte sich im letzten Vorrundenspiel gegen Gastgeber Lettland am Dienstag am Arm verletzt, Bundestrainer Söderholm war "eher pessimistisch", was einen Einsatz des Stürmers gegen die Schweiz betraf. Noebels aber schaffte es - und verwandelte am Donnerstag als letzter deutscher Schütze den Penalty zum 3:2-Sieg. "Ich hatte viele Sachen im Kopf", sagte der 29-Jährige, nachdem er den Schweizer Torhüter Leonardo Genoni nervenstark verladen hatte. "Ich bin froh, dass ich mich für diese Variante entschieden habe. Ich dachte mir, das hat er heute noch nicht gesehen." Den Ausgleich hatte Verteidiger Leon Gawanke 43 Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit erzielt.

Eishockey-WM: Schweiz - Deutschland

Der entscheidende Moment: Marcel Noebels schiebt den Puck beim letzten Penalty ins Netz.

(Foto: Roman Koksarov/dpa)

Im Tor setzte Bundestrainer Söderholm abermals auf Mathias Niederberger, der im Gruppen-Endspiel gegen Lettland, Weltmeister Finnland und Kanada insgesamt nur vier Gegentore kassiert hatte. Der Berliner parierte nicht nur vier Penaltys der Schweizer, sondern bewahrte das deutsche Team auch in der Verlängerung vor der Niederlage.

Die deutsche Mannschaft schaffte es, das gefürchtete Tempo der Schweizer in der neutralen Zone zu unterbinden. Beide Mannschaften ließen kaum Chancen zu, defensive Disziplin bestimmte das Geschehen. In Minute 16 aber löste sich der Schweizer Verteidiger Ramon Untersander ein Mal clever von seiner Position und überwand Niederberger mit einem Schuss ins kurze Eck. Patrick Fischer hatte zuvor erklärt, dass er "schon zwei, drei Ideen" habe, um das deutsche "Bollwerk" zu knacken. Das 1:0 war so eine einstudierte Variante. Das Gegentor tue ein bisschen weh, sagte Stürmer Tobias Rieder in der ersten Drittelpause am Sport1-TV-Mikrofon, "aber wir sind auf dem richtigen Weg. Wenn wir schnell spielen, kriegen wir unsere Chancen." Um die Schweizer zu schlagen, "müssen wir spielerisch den nächsten Gang finden", hatte Kapitän Moritz Müller gefordert. Diesen einzulegen war gegen die in allen Zonen druckvoll auftretenden Schweizer allerdings sehr schwer. Und auch die Energie war ein Faktor: Für beide Teams war es das achte Spiel innerhalb von 14 Tagen.

Gawanke verhindert 43 Sekunden vor Schluss die Niederlage

Obwohl DEB-Sportdirektor Christian Künast eine "Schlacht" angekündigt hatte, hatten beide Mannschaften ihre Emotionen im Griff; Eishockey sei ein Sport, "kein Krieg", lautet schließlich ein anderer von Patrick Fischers Lehrsätzen. Die deutsche Mannschaft geriet im Mitteldrittel dennoch unter Druck, als Matthias Plachta und Tom Kühnhackl kurz nacheinander auf die Strafbank mussten. Deutschland überstand die knapp 100-sekündige doppelte Unterzahl schadlos. Danach kassierte das DEB-Team allerdings doch das 0:2, als die Schweizer schnell umschalteten und Fabrice Herzog freispielten (34.). Kühnhackl hauchte der deutschen Mannschaft mit seinem Nachschusstor zum 1:2 neues Leben ein (38.), Loibl verpasste den Ausgleich nur knapp (40.). "Wir brauchten ein Tor, um das Ganze zu starten", sagte Kapitän Müller in der zweiten Drittelpause, "Jetzt werden sich die Schweizer auch nicht mehr so wohlfühlen."

Dafür sorgte die deutsche Mannschaft. Noebels stiftete Chaos im Schweizer Torraum, aber Genoni blieb ruhig (50.). Auch Markus Eisenschmid scheiterte am Schweizer Torhüter (57.). Dann nahm Söderholm Niederberger zugunsten eines sechsten Feldspielers vom Eis - und Leon Gawanke traf 43 Sekunden vor Ende zum enthusiastisch gefeierten 2:2, das neue Energien freisetzte. "Im dritten Drittel haben wir noch einen Gang gefunden in Sachen Aggressivität und Wille und Power", sagte Bundestrainer Söderholm. Den Rest erledigten Niederberger und Noebels. Danach klebten die Deutschen in einer Jubeltraube zusammen, die keinen Zweifel ließ: Am Kitt mangelt es dieser Mannschaft sicher nicht.

© SZ/sjo/schm
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