Süddeutsche Zeitung

Eishockey:Ein Reservoir an Selbstvertrauen

Trotz ungewohnter Besetzung bewahrt die Eishockey-Nationalmannschaft beim Deutschland Cup ihre spielerische Identität und gewinnt zum zehnten Mal das Turnier. In ihrem Sog erfährt auch das Frauenteam erhöhte Aufmerksamkeit.

Von Johannes Schnitzler, Landshut

Marc Michaelis hätte zum Beispiel sagen können, dass mehr Zug zum Tor gut wäre - der gebürtige Mannheimer spielt in der Schweiz für den EV Zug, und seine Torgefahr hatte er mit zwei Treffern und einer Vorlage soeben unter Beweis gestellt. Er hätte auch einfach sagen können, dass es in entscheidenden Momenten auf Spieler wie ihn ankommt. Auf die Frage, was es brauche, um ein Spiel wie gegen Österreich, in dem die deutsche Mannschaft 0:2 hinten lag, noch 5:3 zu gewinnen, verzichtete Michaelis aber auf Selbstlob oder ungelenke Wortspiele. Er antwortete ergreifend offen, es habe "Fehler von Österreich" gebraucht. "Es war nicht wirklich verdient, dass wir gewinnen", sagte Michaelis. "Aber" - und nun lächelte er - "gute Mannschaften finden eben Wege zu gewinnen." Und wenn es ein Umweg über einen Schweizer Kanton ist.

Nach dem Sieg gegen Österreich und dem 4:1 zum Auftakt gegen Dänemark fand die Mannschaft von Bundestrainer Harold Kreis am Sonntag zwar trotz bester Chancen lange keinen Weg vorbei am slowakischen Torhüter Samuel Hlavaj und verlor nach zuletzt fünf Siegen gegen den Weltmeister von 2002 mit 1:2 (0:1, 0:0, 1:1), einziger Torschütze vor 4200 Zuschauern in der ausverkauften Fanatec Arena in Landshut war Leo Pföderl (56.). Dieses eine Tor reichte dem Team des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) aber im direkten Vergleich mit den punktgleichen Dänen und Slowaken zur erfolgreichen Titelverteidigung beim Deutschland Cup. Bei der Premiere des Turniers in Landshut sicherte sich der Rekordsieger den ersten Titel-Hattrick und den zehnten Erfolg insgesamt.

Für Kreis wichtiger im Hinblick auf die Weltmeisterschaft 2024 dürfte die Erkenntnis gewesen sein, dass er über ein tiefes "Reservoir" von international konkurrenzfähigen Spielern verfügt, aus dem er schöpfen kann. "Ich hatte hier die Möglichkeit, Spieler zu sehen, die ich sonst nur in den verschiedenen Ligen beobachten kann", sagte Kreis. "Ich hatte eine große Auswahl an Spielern dabei und die haben hier alle einen guten Job gemacht."

Obwohl der Bundestrainer in Landshut auf viele Stammkräfte verzichtete und die Belastung sensibel steuerte, zeigte das DEB-Team, dass es mit dem in den vergangenen Jahren erworbenen Selbstvertrauen zu einer neuen Identität und Selbstverständlichkeit gefunden hat: Auch wenn es mal holpert oder man den Nebenmann nur aus dem Vorschauheft kennt - die Mannschaft traut sich Erfolg zu.

WM-Silber verpasste Michaelis wegen einer Thrombose

Stürmer Maximilian Kammerer sagte: "Das deutsche Eishockey hat sich in der Breite enorm entwickelt. Auch die Nummer 50 im Kader hat Topniveau." Kammerer selbst hat das im Mai zu spüren bekommen: Als einer der drei besten deutschen Torschützen der Deutschen Eishockey Liga wurde er kurz vor der Weltmeisterschaft von Kreis noch aus dem Aufgebot gestrichen. "Der Erfolg hat ihm recht gegeben", räumte Kammerer ein. Drei Wochen später holte das DEB-Team Silber, die erste WM-Medaille seit 70 Jahren. Als Kreis ihn nun abermals berief, sagte Kammerer dennoch zu: "Ich will es dem Bundestrainer so schwer wie möglich machen, noch einmal auf mich zu verzichten."

Auch Marc Michaelis hat die WM im vergangenen Mai verpasst. Bei dem 28-Jährigen war im Frühjahr eine Thrombose entdeckt worden, ein Blutgerinnsel in der Vene unter dem rechten Schlüsselbein. In insgesamt drei Operationen wurden Michaelis erst der potenziell lebensgefährdende Blutpfropfen und später eine Rippe entfernt, um weitere Komplikationen auszuschließen. Es folgte ein langer Reha-Sommer, wie Michaelis in Landshut erzählte. Die neue Saison hat für ihn und seinen Klub prächtig begonnen. Der EV Zug ist nach 21 Spielen Tabellendritter in der Schweizer National League, Michaelis liegt auf Platz fünf der Scorerliste. "Er ist einfach ein sehr guter Spieler, stark an der Scheibe, hart am Mann", sagte Kreis. "Wenn einer zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist", wie Michaelis am Samstag beim Anschlusstreffer gegen Österreich auf Vorlage von Yasin Ehliz, dann "zeigt das auch seine Qualität." Michaelis, der am Sonntag pausierte, sagte: "Für mich war es eine Umstellung - neuer Trainer, neues System - und umso wichtiger, dass ich hier bin. Jetzt weiß ich, was mich im Mai erwartet." Denn die nächste WM im kommenden Mai will Michaelis, der 2018 als nahezu unbekannter College-Spieler seine erste von bislang drei Weltmeisterschaften spielte, auf keinen Fall verpassen. "Es macht einfach einen Heidenspaß, hier bei der Nationalmannschaft zu sein."

Die Chancen des DEB, 2027 eine Doppel-WM für Männer und Frauen ausrichten zu können, sind gestiegen

Landshut tat das Seine, damit die Nationalteams sich wohlfühlen. Nicht nur die Männer, auch die Frauen, die - noch eine Premiere - parallel zu den Männern ihr Turnier austrugen. Zwar kassierten die Deutschen nach dem 1:0-Auftakterfolg gegen Dänemark zwei Großpackungen gegen Finnland (1:8) und Tschechien. Aber selbst nach dem 0:8 gegen den WM-Dritten aus dem Nachbarland zeigten sich Team und Anhänger am Samstag, dem Martinstag, aufrecht wie die Landshuter Stiftskirche, die dem Heiligen geweiht ist und dem eisigen Novemberwind trotzte. "Klar, ein 0:8 wünscht man sich nicht", sagte Stürmerin Bernadette Karpf, eine gebürtige Landshuterin. "Aber wir haben gezeigt, dass Frauen-Eishockey auch Eishockey ist, dass es schnell sein kann, dass es technisch sehr gut sein kann und dass wir den Zuschauern genauso viel bieten können wie die Männer - nur halt anders." Am Ende reichte es für das Team von Bundestrainer Jeff MacLeod zu Platz drei. Das Publikum in Landshut - gegen Tschechien kamen rekordverdächtige 3007 Menschen in die Halle - applaudierte während der beiden Schlussminuten im Stehen, nach Spielende musste das DEB-Team eine Ehrenrunde drehen. "Ich habe mir in dem Moment gedacht: Wow, toll, dass wir so unterstützt werden! Das kennen wir so nicht", sagte Karpf.

Auch beim Weltverband IIHF hat man die Resonanz aufmerksam registriert. "Man muss dem DEB zu dieser Idee gratulieren, Männer und Frauen hier parallel spielen zu lassen", sagte IIHF-Vize Petr Briza. Die Pläne des DEB, sich nach dem Zuschlag für die Männer-WM 2027 auch um das Frauenturnier zu bemühen und beide zu koppeln, dürften umso bessere Erfolgsaussichten haben. IIHF-Präsident Luc Tardif sagte in Landshut: "Das Modell gefällt mir sehr", es erinnere ihn an Olympia. DEB-Präsident Peter Merten sagte: "Anfang Januar wissen wir Bescheid."

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