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Eishockey:Der Scheingrößte

Als erster Deutscher könnte der Eishockeyspieler Leon Draisaitl Top­scorer in der Profiliga NHL werden. Zu Hause kämpft er um Anerkennung.

Von Jürgen Schmieder und Johannes Schnitzler

Vor ein paar Tagen hatte Leon Draisaitl Besuch aus der Heimat. Patrick Ehelechner, stets um seine Frisur besorgter ehemaliger Torwart, der nach seinem Karriereende den Zuschauern von Magentasport Eishockey erklären soll, klingelte bei Draisaitl in Edmonton. Der Hausherr öffnete in Shorts und Socken, im Hintergrund fläzten sich zwei junge Männer auf der Couch, Freunde Draisaitls aus seiner Geburts- und Herzensstadt Köln. Im Treppenhaus filmte Ehelechner ein paar Trophäen für Draisaitls ersten Hattrick in der National Hockey League (NHL), für das 50. Tor in der vergangenen Saison, solche Sachen - und zwei großformatige Abzüge des Kölner Doms. Am Ende spähte Ehelechner in Draisaitls sehr aufgeräumten Kühlschrank (die Inspektion war lange vorher angekündigt worden), wo er "lauter gesunde Sachen" entdeckte und ungläubig fragte: "Gar nichts Süßes?" Das Format nennt sich "Kühlbox" und ist nicht als Investigativrecherche angelegt.

Ehelechners Tour nach Nordamerika führte ihn zu mehreren deutschen Eishockeyprofis, die in der NHL, besser bekannt als beste Liga der Welt, ihr Geld verdienen. Der Bestverdiener unter den Deutschen ist Draisaitl, dem die Edmonton Oilers pro Saison 8,5 Millionen Dollar überweisen. Der Hausbesuch sollte zeigen, wie normal der Familienmensch Draisaitl trotzdem ist, der Sohn des ehemaligen Kölner Nationalspielers Peter Draisaitl, der in Kanada vor allem die Bolognese von Mama Sandra und den Apfelkuchen seiner Oma vermisst.

Normalität ist wichtig. Exzentrik kommt beim deutschen Publikum nicht gut an.

Normal ist im Sportlerleben des besten deutschen Eishockeyspielers aber schon lange nichts mehr.

Ein paar Tage später, Dienstag, die Edmonton Oilers gastieren bei den Dallas Stars, und Leon Draisaitl hat beim 2:1-Siegtreffer in der Verlängerung den tollsten Platz im Stadion: Er beobachtet das Zusammenspiel seiner Kollegen Ryan Nugent-Hopkins und Connor McDavid; sieht, wie der Puck zu Alex Chiasson gelangt, der ihn in die rechte obere Ecke schlenzt. Offiziell ist Draisaitl nur der erste Gratulant, in der Statistik werden die drei Mitspieler als Verantwortliche für diesen Treffer genannt. Wer jedoch Draisaitls Bedeutung für die Oilers verstehen will, sollte sich das Tor noch einmal ansehen. Selbst als Chiasson alleine aufs Tor zulief, orientierte sich der Dallas-Verteidiger in die andere Richtung, als wolle er damit andeuten: lieber ein Schuss von Chiasson als ein Pass auf Draisaitl, diesen Deutschen, der schon 43 Treffer in dieser Saison erzielt und 65 vorbereitet hatte, mehr als jeder andere. Donnerstagnacht beim 3:4 gegen die Chicago Blackhawks kamen zwei weitere Vorlagen hinzu.

"Sein Umgang mit dem Puck und sein Passspiel sind völlig absurd."

110 Scorerpunkte hat Draisaitl nun in 68 Spielen gesammelt. Das sind bereits jetzt fünf mehr als in der kompletten vergangenen Saison mit 82 Spielen. Ein neuer persönlicher Rekord. Für die ersten 100 Punkte hatte er gerade mal 65 Spiele gebraucht. So was klingt immer arg nach Statistik, deshalb hier die Namen aller anderen, die das in diesem Jahrtausend geschafft haben: Sidney Crosby (2006), Alex Owetschkin (2010) und Nikita Kutscherow (2019). Davor gelang das Leuten wie Mario Lemieux, Jaromir Jagr oder Wayne Gretzky - Eishockey-Legenden, an die Draisaitl, 24, sich gerade herantastet. Er ist der erste Anwärter auf die Art Ross Trophy für den besten Scorer der Hauptrunde; sein Vorsprung auf den Teamkollegen McDavid beträgt 15 Punkte. Er gilt als Kandidat für die Hart Memorial Trophy, die der wertvollste Spieler (MVP) der regulären Saison erhält; gerade ist er zum zweiten Mal nacheinander zum "Spieler des Monats" gekürt worden. Und auch auf die Maurice Richard Trophy für den besten Torschützen hat er noch Chancen: Nur Owetschkin, der Tscheche David Pastrnak (beide 47) und Auston Matthews (46) liegen vor ihm.

Die Oilers, lange von der bloßen Erinnerung an die Goldenen Achtziger lebend, als sie mit The Great One Gretzky und Jari Kurri vier Stanley Cups gewannen, sind auf einmal wieder ein Titelkandidat. Erstmals seit diesen dick vom Staub der Geschichte bedeckten Tagen könnten am Saisonende zwei Oilers-Profis in der Scorerwertung ganz vorne stehen. Die Hoffnung, endlich The Next One, einen Nachfolger für Gretzky, gefunden zu haben, findet überreiche Nahrung. Und das trotz einer Umstellung von Oilers-Trainer Dave Tippett am Silvesterabend, von der es hieß, sie würde nie funktionieren.

EDMONTON, AB - JANUARY 14: Edmonton Oilers Center Leon Draisaitl (29) celebrates his goal in the second period during t

Beförderung vom Robin zum Batman: Leon Draisaitl hat in 68 Spielen schon mehr Scorerpunkte gemacht als in der vergangenen Saison.

(Foto: Curtis Comeau/imago)

Bis dahin hatten Draisaitl und McDavid, zwei der besten Offensivspieler der Welt, in einer Sturmreihe agiert - McDavid, 23, in der Mitte, wo das Spiel gemacht wird, Draisaitl auf dem Flügel. Es war jedoch für die meisten Beobachter kein Duo auf Augenhöhe. Draisaitl galt als Robin für Batman McDavid: der Helfer, der vom Superhelden so in Szene gesetzt wird, dass er gar nicht anders kann als Punkte zu sammeln. Außerdem: Das Defensivspiel des Deutschen sei eher "underwhelming", hieß es, so lala. Tatsächlich sind Draisaitl und McDavid unter den besten 20 NHL-Scorern (neben Owetschkin) die einzigen mit einer negativen Plus/Minus-Bilanz: Trotz der Flut an Toren, die sie produzieren, stehen sie noch häufiger auf dem Eis, wenn der Gegner trifft. Auch Bundestrainer Toni Söderholm monierte bei der WM 2019, Draisaitl könnte ein noch herausragenderer Spieler sein, wenn er seine Defensivarbeit intensivieren würde.

Nach ein paar Niederlagen im Dezember entschloss sich Tippett, die beiden zu trennen und Draisaitl zum Batman seiner eigenen Sturmreihe zu machen. Er hatte das immer wieder mal sporadisch probiert, nun legte er sich fest: Draisaitl in der Mitte, daneben die grandiosen Flügelspieler (und formidablen Defensivarbeiter) Nugent-Hopkins und Kailer Yamamoto. Und: Es funktioniert. In der Western Conference liegen die Oilers auf Platz fünf, zwei Punkte hinter Rang drei und sechs vor einem Nicht-Playoff-Platz.

"Wir wollten ihn häufiger in der Mitte sehen, weil er mit seiner Übersicht das Spiel so eher kontrollieren kann", sagt Tippett und verwendet eine Untertreibung, die nur Eishockeytrainer so trocken hinbekommen: "Die anderen passen ganz gut zu ihm." Das kann man so sagen. Yamamoto rückte durch die Umstellung erst ins Team - und sammelte in 24 Spielen 24 Punkte. Bei Nugent-Hopkins sind es sogar 39 Punkte in 27 Spielen (davor in 35 Partien: 20). "Sein Umgang mit dem Puck und sein Passspiel sind völlig absurd", sagt Yamamoto über Draisaitl: "Einige Aktionen erkenne ich noch nicht einmal, bis ich Teil davon bin. Es ist so einfach, mit diesem Typen zusammenzuspielen."

Ob Torschuss oder Vorlage: Das Komplizierte leicht, wie beiläufig aussehen zu lassen, ist Draisaitls Kunst. Trotz 1,88 Meter und knapp 100 Kilo Gewicht gleitet er elegant und ökonomisch wie ein Tänzer übers Eis, Resultat harter Arbeit an der eigenen Schlittschuhtechnik. Zu bewundern war diese Kunst auch am Montag bei Edmontons 8:3-Sieg bei den Nashville Predators, als die Oilers ihr dynamisches Duo in Überzahl wie gewohnt gemeinsam los ließen: Mit majestätischer Erhabenheit parkte der Deutsche rückwärts vor dem gegnerischen Tor ein, erhielt den Pass von McDavid präzise aufs Schlägerblatt, drehte sich um die eigene Achse und den Gegenspieler und schoss den Puck mit lässiger Selbstverständlichkeit ins Tor. Es war sein vierter Treffer in diesem Spiel. Auch das persönlicher Rekord.

Leon Draisaitls NHL-Karriere

Seine sechste NHL-Saison ist die erfolgreichste für Leon Draisaitl. Mit den Edmonton Oilers lieg der 24-Jährige auf Playoff-Kurs. Für Draisaitl wäre es nach 2016/17 die zweite Teilnahme.

2014/15 37/2/7/9

2015/16 72/19/32/51

2016/17 95/3/58/93

2017/18 78/5/45/70

2018/19 82/50/55/105

2019/20 68/43/67/110

*S = Spiele, T = Tore, A = Assists, P = Punkte

"German Gretzky": Diesen immer wiederkehrenden Vergleich mit dem größten Spieler nicht nur der Oilers-Geschichte empfindet Leon Draisaitl als Ehre. "Ich habe aber schon ein sehr gutes Gefühl dafür, wo ich in meiner Karriere bin. Im Endeffekt habe ich jetzt noch nicht so viel erreicht, dass ich mir davon was kaufen kann." Und übrigens: "Eishockey ist ein Teamsport, und wir haben die Playoffs verpasst." Das sagte er vor der WM 2019.

Genau das ist Draisaitls Dilemma: Spielt er gut, kommt mit seinem Klub aber nicht ins Halbfinale oder Finale, gilt die Saison im Klub als verlorenes Jahr. Die Eishockey-Nation zu Hause erwartet dann, dass ihr bester Mann im Mai - nach rund 100 Saisonspielen - zur Weltmeisterschaft einrückt und Deutschland ins Halbfinale ballert. Mindestens. Andernfalls ist er der Sündenbock. Da kann er noch so oft betonen, dass Eishockey ein Mannschaftssport ist: Er ist der Ausnahmespieler. Deshalb wird er von vielen besonders kritisch gesehen.

Die olympische Silbermedaille 2018 in Pyeongchang gewann das Team, noch unter Marco Sturm - heute Co-Trainer bei den Los Angeles Kings - ohne Draisaitl. Die NHL gab ihren Profis damals nicht frei. Sonst wäre Draisaitl, von dem nicht nur Sturm sagt, dass er "immer noch besser" werde, sogar ein Anwärter auf eine Auszeichnung, die härter zu erringen ist als alle NHL-Trophäen zusammen: die als deutscher "Sportler des Jahres". Der einzige Mannschaftssportler, dem das seit der ersten Wahl 1947 je gelungen ist, ist Dirk Nowitzki, der 2011 mit den Dallas Mavericks den Titel in der Basketball-Liga NBA holte. Nowitzki hält viele Rekorde. Topscorer der NBA war er nie. Draisaitl wäre der erste Deutsche überhaupt in einer der vier großen amerikanischen Profiligen NHL, NBA, NFL (Football) und MLB (Baseball), dem das gelingt. Im Vorjahr erzielte er als erster mehr als 100 Scorerpunkte. Trotzdem stand er nicht einmal auf der Vorschlagsliste für den "Sportler des Jahres".

Er könne sich "gut vorstellen", der Eishockey-Nowitzki zu werden, hat Leon Draisaitl einmal gesagt: "Das ist mein Ziel." Wie weit es bis dahin ist, zeigte vor Kurzem eine Folge der RTL-Sendung "Wer wird Millionär?" Auf die Frage "Der 24 Jahre alte, in Köln geborene Leon Draisaitl ist der Presse zufolge auf dem besten Weg zum: A: Tischtennis-Becker, B: Marathon-Baumann, C: Eishockey-Nowitzki, D: Mountainbike-Ullrich?" wusste die Kandidatin keine Antwort. Nur Antwort C, "Eishockey-Nowitzki", schloss sie aus.

Es ist wie beim Scheinriesen Tur Tur aus der Augsburger Puppenkiste, der immer kleiner wird, je näher er kommt: In Nordamerika gehört Draisaitl längst zu den Größten, in Deutschland bewegt er sich immer noch unter dem Radar.

Auch Nowitzki brauchte viele Jahre, ehe er in seiner Heimat zu branchenübergreifender Popularität aufstieg, nicht zuletzt dank imagefördernder Werbung. Dafür müsste Draisaitl, der schon als Jugendlicher nach Übersee ging und nie ein Spiel in der Deutschen Eishockey Liga bestritten hat, in den deutschen Medien präsenter sein. Wie dem jungen Nowitzki sind ihm Interviews aber eher unangenehm, sobald der Fragesteller mehr von ihm erfahren will als den Inhalt seines Kühlschranks. Er kratzt sich dann am Bart oder fährt sich mit der Hand über die Augen und wirkt wie ein Junge, der sich wundert, was alle von ihm wollen. Er will doch nur spielen.

Wenn er antwortet, dann oft knochentrocken. Als er kürzlich gefragt wurde, ob er sich Hoffnungen mache auf die Auszeichnung als MVP, sagte er: "Och, weiß ich nicht. Es gab ja Leute, die sagten, ich könnte nicht mal meine eigene Sturmreihe anführen." Gelegentlich wirkt er bockig, wenn er sagt, "natürlich" könne er sich noch verbessern, was denn sonst. Trotzdem ist er, der potenzielle Gretzky-Nachkomme, bereits das Vorbild für die nächste Generation. Für den Mannheimer Tim Stützle, 18, etwa, der für die Draft, wenn die NHL-Klubs im Sommer aus den größten Talenten auswählen, als Nummer-eins-Pick gehandelt wird. Er wäre die erste deutsche Nummer eins. In Nordamerika gilt Stützle als The next Draisaitl.

© SZ vom 08.03.2020

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