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DEL in der Krise:Ohne den Sport fehlt es auch am sozialen Kitt in der Stadt

Ähnliches gilt für die Profis, die im Sommer unter dem Druck der DEL-Klubs einem 25-prozentigen Gehaltsverzicht zustimmten, nun aber trotzdem nicht spielen dürfen. "Dass es so ein Horrorszenario wird und alle warten, damit hat keiner gerechnet", sagt Torwart Sebastian Vogl: "Ich fühle mich so ein bisschen wie ein Hund an der Leine, der endlich losgelassen werden will." Manchmal lockert er die Leine, das schon, dann geht er zum Training aufs Eis. Vogl ist Klub und Trainern dankbar für die Möglichkeit, an anderen Standorten sehe das anders aus. "Wir haben eine Verantwortung für unsere Spieler. Und wollen sie auch in dieser Phase weiterentwickeln", sagt der Sportliche Leiter Jason Dunham. Aber nur trainieren? Sie üben alle gerade für kein Ziel - und da leide bei dem ein oder anderen schon die Motivation. Sonst wirkt der Ehrgeiz im Teamsport ansteckend. Nun tut es die Schwere. Verständlich, es geht um Existenzen.

Vogls Frau hatte ihren Job aufgegeben, um mit ihm nach Straubing zu gehen. Und jetzt steckt er bis auf die Trainingsstunden in Kurzarbeit: "Wie die meisten anderen auch, haben meine Familie und ich einen Finanzplan gemacht. Doch die Einhaltung des Plans ist jetzt leider nicht mehr möglich." Vier Kollegen sind bereits weg, leihweise. Sie wollten Spielpraxis, sie wollten von der Leine. Sollte die Tigers-Saison beginnen, kehren sie zurück. Der gebürtige Landshuter Vogl würde wohl nur zu einem Klub in der Nähe gehen. Er ist Optimist, er hofft auf den Start mit Straubing im Dezember. Sorge hat er ein wenig um den Teamgeist der bislang eingeschworenen Einheit, die gerade auseinanderdriftet. "Der Stolz einer Stadt", drucken die Tigers auf Plakate. Streitig macht ihnen die folkloristische Hauptrolle in der Stadt nur das Gäubodenvolksfest, das im August ausfiel wie später das Münchner Oktoberfest.

Das Eisstadion am Pulverturm steht neben dem Festplatz am Hagen, der Straubinger hat seine Sehnsuchtsorte beieinander. Die beiden Fanbeauftragten der Tigers, Peter Saller und Florian Mittermaier, sind sich sicher: "Wenn morgen ein Spiel angesetzt würde, die Karten wären sofort weg." Ohne Fest und Sport fehlt es am sozialen Kitt in der Stadt. Mittermaier berichtet, dass ihnen beim Frühschoppen bereits die Themen ausgehen, die Tigers waren gesetzt in den Wirtshäusern. "Die Leute haben sich ja jedes Wochenende im Stadion gesehen, das geht ihnen auch ab", sagt Saller. Gemeutert wird nicht, die Fans verstehen die Lage der Vereine.

Trotzdem vermissen sie Transparenz in der Liga, etwa zu den Plänen, wie sie wieder durchstarten will. "So ein bisschen setzt sich das Gefühl durch: Gebt uns lieber eine schlechte Nachricht als gar keine", sagt Mittermaier. Die erste schlechte Nachricht musste er jüngst verdauen: Die Champions Hockey League fällt aus, und damit die erste Europapokal-Teilnahme der Tigers überhaupt. Gaby Sennebogen versichert, dass alle Pläne für einen Dezember-Start in der Schublade liegen, so wie es die DEL verlangt. Die Idee ihres sportlichen Leiters ist offenbar (noch) nicht darunter: Jason Dunham regte bereits vor Wochen eine Spaltung in eine Nord-Liga und eine Süd-Liga für diese Saison an, so könnten Fahrt- und Hotelkosten gespart werden. Weiterhin favorisiere die DEL aber die Idee der Einheit, betont Sennebogen. "Wir werden nicht aufhören zu kämpfen, um endlich wieder Eishockey am Pulverturm live erleben zu können", sagt Dunham. Die Hoffnung ist noch da - mindestens bis zur Entscheidung im November.

© SZ vom 17.10.2020/tbr
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