Eishockey-Nachwuchs:Wie deutsche Top-Talente an der DEL verzagen

200104 Dominik Bokk of Germany looks dejected during the 2020 IIHF World Junior Championship relegation series between; Eishockey

Dominik Bokk (ohne Helm), 19, mit acht Punkten bester deutscher Scorer bei der U-20-WM in Ostrava, spielt seit Jahren in der ersten Liga in Schweden

(Foto: Simon Hastego/imago)
  • Bei der U-20-WM gelang der deutschen Mannschaft ein beachtenswerter Erfolg, sie gilt als womöglich begabteste Klasse in der Geschichte des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB).
  • In der DEL aber spielen die meisten Talente keine oder nur eine Nebenrolle.
  • Nach dem Olympia-Erfolg 2018 kamen die DEL-Klubs überein, die Zahl der einsatzberechtigten Ausländer bis 2026 spürbar zu reduzieren. Passiert ist seitdem wenig.

Von Johannes Schnitzler

"Hey, Du! Ich mach' Dich berühmt", sagt Emilio Estévez. Dann drückt er ab. Im Wilden Westen reichte es, von Billy the Kid erschossen zu werden, um sich einen Namen zu machen. Zumindest in "Young Guns", mit Estévez als Killer mit dem Kindergesicht. Anders als der Outlaw wollen sich die deutschen Eishockey-Junioren aber nicht aus einer verzwickten Lage heraus schießen, im Gegenteil - sie wollen hinein, rein in die Deutsche Eishockey Liga. Das Problem: Vor der Tür zu dieser DEL patrouillieren hart gesottene Sheriffs und verweigern Minderjährigen den Zutritt.

Wie schnell sie ziehen können, das haben die deutschen Young Guns, wie sie dieser Tage oft genannt wurden, rund um den Jahreswechsel gezeigt. Bei der U-20-WM in Ostrava gelang dem Team von Bundestrainer Tobias Abstreiter der Klassenerhalt. In der als "Mördergruppe" bezeichneten Vorrunde gewann der Aufsteiger gegen Gastgeber Tschechien 4:3, verlor respektabel gegen die USA (3:6) und Kanada (1:4), war lediglich gegen Russland (1:6) chancenlos und setzte sich in der Relegation gegen Kasachstan letztlich souverän in drei Sätzen durch: 4:0, 1:4, 6:0.

Kapitän Moritz Seider und seine Teamkollegen Tim Stützle, John Jason Peterka, Justin Schütz, Lukas Reichel oder Dominik Bokk rechtfertigten die Vorschusslorbeeren als womöglich begabteste Klasse in der Geschichte des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB). "Wir sind näher an die Weltspitze herangerückt", sagte Sportdirektor Stefan Schaidnagel. Etliche aus dem aktuellen Kader werden sich im kommenden Dezember und Januar abermals den Talentspähern präsentieren dürfen - dann in Edmonton/Kanada, der sportlichen Heimat von NHL-Star Leon Draisaitl, im Eishockey-Eldorado, wo Milch und Honig und die Dollars sprudeln. Und aus der U18, sagen die Experten, rücken weitere viel versprechende Spieler nach. "Wir sollten aber nicht den Fehler machen und glauben, dass wir selbst schon Weltspitze sind", mahnt Schaidnagel. Die Talente müssten erst noch reifen. In der DEL aber spielen die meisten von ihnen keine oder nur eine Nebenrolle.

In Skandinavien ein Unding

Rückblick: Februar 2018, Pyeongchang, Südkorea. Deutschland führt im olympischen Finale kurz vor Schluss 3:2 und greift nach Gold. Am Ende ist es Silber - und der größte Erfolg in der deutsche Eishockeygeschichte. Die Euphorie ist groß, die Anmeldungen im Nachwuchs steigen. Der DEB hofft auf eine goldene Zukunft und formuliert diese süffig im Programm Powerplay 26: Bis 2026 soll die Nationalmannschaft in der Lage sein, dauerhaft um Medaillen mitzuspielen. Die DEL-Klubs kommen überein, bis dahin die Zahl der einsatzberechtigten Ausländer spürbar zu reduzieren. Passiert ist seitdem wenig.

Seit dieser Saison müssen die DEL-Klubs zwei Spieler aus der Altersklasse U23 auf dem Spielbericht haben. "Wir haben schon viel auf den Weg gebracht", findet dennoch Schwenningens scheidender Sportmanager Jürgen Rumrich. Die aktuelle U20 sei eine außergewöhnliche Generation, sagt der ehemalige DEB-Kapitän: "Das sind die absoluten Top-Talente. Vielleicht nicht alle. Aber sie zeigen auch in der Liga, dass sie es können." Tatsächlich sind Peterka und Schütz in München Stammspieler, Reichel in Berlin, Stützle in Mannheim. Die meisten anderen aber kommen nur sporadisch zum Einsatz. Oder in der zweiten Liga.

Für Bundestrainer Toni Söderholm, der in Ostrava als Assistent von Abstreiter funfierte, ein Unding. In Skandinavien, sagt der Finne, spielten 17-, 18-Jährige selbstverständlich in der ersten Liga. So wie Dominik Bokk. Der gebürtige Schweinfurter steht seit 2017 in Schweden unter Vertrag, erst in Växjö, jetzt bei Rögle BK. Bei der WM war er mit acht Punkten bester deutscher Scorer. Kapitän Seider, 18, in der vergangenen Saison deutscher Meister mit Mannheim, hat sich einen Vertrag in der NHL bei den Detroit Red Wings erspielt. Sie sind die Ausnahmen.

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