Wenn man sich, warum auch immer, aus dem Klischeebaukasten einen Bayern zusammenbasteln müsste, kernig bis in die Wadlstrümpfe beim Wiesnbesuch, es käme ziemlich genau Patrick Hager dabei heraus. Hager sagt verstehst’ und wos und i moan, wenn er verstehst du und was und ich meine meint; er spricht ein so reines Bairisch, dass man von Hochbairisch reden könnte, wenn es so etwas gäbe. Aber mehr als oberbayerisch geht ja nicht, verstehst’ wos i moan.
Seinem Selbstbewusstsein als Bayer und seiner Identifikation mit der Heimat hat auch die frühkindliche Prägung – geboren in Stuttgart, erste Lebensjahre (und erste Schritte auf dem Eis) in Kassel – jedenfalls nichts anhaben können. Aber als der kleine Patrick eingeschult werden sollte, beschlossen die Eltern, nach Rosenheim zurückzukehren, wo Patrick quasi gar nicht anders konnte, als Eishockeyspieler zu werden wie vor ihm sein Vater. Dort lebt Patrick Hager, 37, mit Unterbrechungen bis heute mit seiner Frau und den drei Kindern.
An diesem Donnerstag wird Hager sich also wieder auf die gut 80 Kilometer lange Strecke nach München begeben, so wie jeden Tag, auf den Weg zur Arbeit. Wird zügig durchrollen, bis er die Stadt erreicht hat, und dann, „wie so viele andere auch“, hoffen, dass der Mittlere Ring nicht wieder völlig verstopft ist. Wird sein Auto in der Parkgarage am SAP Garden abstellen, in die Kabine gehen und dann … Ja, dann wird diesmal doch etwas anders sein als in den vergangenen 18 Jahren. Denn am Donnerstag (19.30 Uhr) bestreitet Patrick Hager für den EHC Red Bull München sein 1000. Spiel in der Deutschen Eishockey Liga (DEL).
Der Rahmen dafür steht. Rekordmeister Berlin ist zu Gast in München, die Liga und der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) werden dem Jubilar ihre Aufwartung machen – und einen Spieler ehren, der zeit seines Sportlerlebens polarisiert hat.
Die einen – und das sind praktisch alle – loben Hagers Führungsqualitäten. Sinan Akdag, Mitspieler im Rosenheimer Nachwuchs und später in Krefeld und im DEB-Team, sagte dem Magazin Eishockey News: „Patrick war schon im Nachwuchs Kapitän, er ist immer ein Leader gewesen.“ Genau als solchen hatten ihn die Münchner 2017 geholt. Don Jackson, der DEL-Rekordmeistertrainer, sagte damals, Hager werde sich „schnell zu einer wichtigen Führungspersönlichkeit in der Mannschaft entwickeln“. Mit ihm gewann München 2018 den dritten Meistertitel in Serie (für Hager war es der zweite nach 2014 mit dem ERC Ingolstadt). Und als Michael Wolf 2019 seine Karriere beendete, war Hager sein natürlicher Nachfolger als Kapitän des EHC. 2023 folgte für Hager Titel Nummer drei.
Ich habe das Glück gehabt, in Mannschaften zu spielen, die Titel gewonnen haben. Dafür bin ich dankbar.Patrick Hager
„Die Meisterschaften bleiben im Kopf“, sagt er am Telefon auf dem Heimweg vom Training (mittags zwischen eins und zwei ist die Strecke München-Rosenheim meistens gut zu befahren). „Ich habe das Glück gehabt, in Mannschaften zu spielen, die Titel gewonnen haben. Dafür bin ich dankbar. Im 1000er-Klub sind ja auch Spieler, die das nicht geschafft haben.“ Sein ehemaliger Mitspieler Philip Gogulla (1111 DEL-Einsätze) zum Beispiel. Tausend Spiele, das bedeute auch, „dass man über einen recht langen Zeitraum seinen Platz finden muss“. Und den hat sich Hager stets hart erkämpft.
Deshalb gab und gibt es – andererseits – auch Stimmen, die Hager vorhalten, er übertreibe es mit seinem Ehrgeiz. 2017 bei der Heim-WM kassierte er eine Matchstrafe und lehrte das Eishockeypublikum den Begriff slew footing, frei übersetzt: dem Gegner von hinten die Beine wegziehen. Bei der WM in diesem Jahr leistete er sich einige folgenschwere Strafen und wurde für die letzten Gruppenspiele nicht mehr berücksichtigt. Damals wie heute verteidigte sich Hager so: „Jeder weiß, dass ich ein Spieler bin, der oft an der Grenze spielt.“ Er sei aber kein unfairer Spieler.
Den Spitznamen „Gifthaferl“ hatte er jedenfalls früh weg. Ein typischer Hager-Satz lautet: „Verlieren ist keine Option. Ich hatte immer den Drang, Spiele zu gewinnen, auch mit den Jungs, wenn man sagt: ,Nächstes Tor entscheidet’, verstehst’, wos i moan?“ Und wenn Gewinnen-und-nicht-verlieren-wollen bedeutet, Schmerzen in Kauf zu nehmen, dann nimmt Hager sie in Kauf: „Schmerzen gehören dazu.“ Es brauche solche Typen.
„Ich hatte eine Wahnsinnskarriere in der DEL“, sagt Hager (und verschweigt dabei seine mehr als 160 Länderspiele, gekrönt mit der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2018, als er im Halbfinale gegen Kanada das entscheidende Tor schoss). Hatte? „Solange ich es genieße, mich zu quälen, solange der Körper mitmacht und solange die andere Seite eine Verwendung für mich sieht, möchte ich weiterspielen.“ Die andere Seite, das ist Red Bull München. Ein Wechsel innerhalb der Liga sei keine Option mehr.
Am Donnerstag also, nachdem die Reden gehalten sein werden, wird Patrick Hager in sein 1000. DEL-Spiel gehen. Wird nicht verlieren wollen, sondern gewinnen, bedingungslos, wie immer. Also: fast. Denn am Donnerstag, das gibt er zu, wird es „wahrscheinlich die größte Challenge sein, den Schalter umzulegen und bereit zu sein“.


